Triell in der TV-Kritik Führungsscholz und Aufhollaschet

Rote Ohren bei Olaf Scholz, kuriose Beschwerden von Armin Laschet und eine gelöste Annalena Baerbock mittendrin: Das zweite TV-Triell glich einem Wrestling-Match – mit klaren Rollen. Weniger klar war die Moderation.
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Michael Kappeler / POOL / EPA

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Robbie Williams auf dem Höhepunkt seiner Karriere war ein Entertainer, dem man während des Konzerts einen Fußball auf die Bühne werfen konnte – und er nahm ihn an, hielt ihn in der Luft und schoss ihn ins Publikum zurück, ohne das Singen zu unterbrechen. Annalena Baerbock war während des Triells von ähnlich spielerischer Geistesgegenwart. Ein ominöses Scheppern hinter der Kamera verwandelte sie in die Bemerkung: »So wie es rumpelt im Studio, so spannend wird die Bundestagswahl!«.

Tatsächlich war das zweite Triell keine sonderlich spannende Angelegenheit, auch wenn es im medialen Vorgetrommel zu einer solchen stilisiert wurde. Wofür – und wo – die Kandidatin und die Kandidaten stehen, ist hinreichend bekannt. Weshalb ein solcher Grillabend eher dem Wrestling gleicht, bei dem die Rollen ebenfalls verteilt sind. Hier der Führungsscholz, dort der Aufhollaschet. Dazwischen eine Grüne, die, vom Erwartungsdruck befreit, ihren Anspruch aufs Amt wacker aufrechterhält.

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Der Dresscode schien streng und blau. Blau das Studio, blau die Kleidung, wobei Olaf Scholz und Armin Laschet zum weißen Hemd sogar beinahe identisch weinrote Krawatten trugen. Die Unterschiede sollten eher ideologischer Natur sein, und die wurden an diesem Abend erfreulich deutlich.

Seitens der Moderatoren – Maybrit Illner für das ZDF und Oliver Köhr für die ARD – war die Veranstaltung straff inhaltlich ausgelegt. Steuern, Rente, Krankenversicherung, Miete, Klimaschutz. Ein aktuelles Thema, die Razzien im Finanzministerium, war für Armin Laschet das Stichwort zum Angriff: »Wenn mein Finanzminister so arbeiten würde wie Sie, hätten wir ein ernstes Problem.«

Scholz, dem gern eine gewisse Automatenhaftigkeit nachgesagt wird, wirkte in dieser frühen Phase wirklich angegriffen. Während er seine Rolle bei verschiedenen Affären ins – seiner Meinung nach – richtige Licht zu rücken versuchte, tat er dies mit leuchtend roten Ohren. Solche Details sind es, die ein Triell im Fernsehen auf seltsame Weise sehenswert machen. Auch wenn Scholz sich schnell wieder unter Kontrolle hatte mit seinen Fakten, Fakten, Fakten.

Laschet blieb weiterhin bemüht, »fundamentale« Unterschiede zu seinen beiden Mitbewerbern zu betonen. Kurios seine Beschwerde darüber, dass man auf deutschen Autobahnen kein Internet habe – was verrät, dass der Mann in der Regel auf dem Rücksitz dunkler Limousinen durchs Land gegondelt wird. Bemerkenswert auch sein häufiges Beharren darauf, dass es ein »Weiter-so« nicht geben dürfe.

Das Moderationsduo wirkte nicht immer gut eingespielt

Phasenweise wirkte das Triell wie ein Duell zwischen SPD und CDU, während Baerbock in der Mitte bisweilen wie eine dritte Moderatorin rüberkam. Gleich zwei Fragen stellte sie Laschet und Scholz zum Klimaschutz, die Antworten hätte man gern gehört. Aber da ging es schon weiter, im Schweinsgalopp durch die Parteiprogramme.

Wenn Baerbock mal zum Zuge kam, konnte sie das mit einer schönen Geste nach rechts und links verbinden und darauf hinweisen, was »die Bundesregierung« bisher verschlafen habe. Sie war gut vorbereitet und die einzige Kandidatin, die – und das gleich mehrfach – die Nichtwählergruppe der Kinder auch nur erwähnte. Bei Laschet war es der »ländliche Raum«, der außer ihm niemandem eine Erwähnung wert war.

Zwischen den Bewerbern und der Bewerberin ums Kanzleramt waltete eine angenehme Fairness. Sogar, was die Redezeit betraf. Einmal wies Baerbock die Moderatoren sogar darauf hin, dass die Uhr von Scholz weiterlief, obwohl der gerade gar nicht dran war. Überhaupt schien die Nervosität der Fragenden größer zu sein als die der Befragten. Illner und Köhr waren nicht immer gut abgestimmt. Und dass zur Frage der Einwanderung ausgerechnet Laschet und nur Laschet befragt wurde, hätte eigentlich nicht passieren dürfen.

Das entwürdigende Ritual zum Schluss

Sparen könnte man sich künftig auch das entwürdigende Ritual des »Schlussworts«, bei dem die Kandidatin und die Kandidaten sich vor ihrem Pult aufbauen, um den Zuschauern direkt ihr Sprüchlein aufzusagen. Zukunft, Klima, Kinder. Bundeskanzler des Vertrauens. Solidarität, Respekt, Dienst. Im Grunde hätte man hier auch die Werbespots der Parteien abspielen können.

Bei »Anne Will« im Anschluss war zu besichtigen, wie gering im Grunde der Erkenntniswert eines solchen Triells ist. Jens Spahn (CDU) sah Armin Laschet als »Sieger«, Malu Dreyer (SPD) eher Scholz, und Kathrin Göring-Eckardt (Grüne) das Rennen als noch nicht gelaufen an. Wichtiger als die Meinungen aus Parteikreisen, die mit einem Schaukampf dieser Art natürlich auch angesprochen und motiviert werden sollen, sind natürlich: Umfragen.

Die hagelte es gleich in der Sendung, präsentiert von WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni und aufgeschlüsselt nach Partei, Alter und Grad der Entschlossenheit. In der wichtigen Gruppe der »noch Unentschiedenen« überzeugte offenbar trotz roter Ohren Olaf Scholz mit 36 Prozent. Baerbock und Laschet lagen mit jeweils 25 Prozent gleichauf.

Es bleibt also auch nach dem Triell noch zwei Wochen spannend, wird dann am Abend der Wahl richtig spannend, und geht danach noch eine ganze Weile spannend weiter.

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