Trendformat Kurz-Serie Es kommt doch auf die Länge an

Serien sind das prägende TV-Format unserer Zeit - jetzt verändern sie sich radikal: Hit-Formate wie "True Detective" oder "Fargo" sind kürzer und pointierter als bisherige Epen. Bei den Emmys könnten sie triumphieren.

HBO

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Mini-Serien heißen in den Regularien der Golden Globes jetzt "begrenzte Serien", sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwei oder mehr Episoden umfassen, ihre Laufzeit mindestens 150 Minuten beträgt und sie eine abgeschlossene Geschichte erzählen.

Ein technisches Detail? Ja, aber auch ein Indikator für einen der interessantesten Trends im Kosmos der Qualitätserien: die Wendung hin zur Kurz-Serie.

Nötig geworden war die Klärung in den Statuten, weil sich die HBO-Mini-Serie "True Detective" beim Konkurrenzpreis Emmy zur großen Überraschung der Branche nicht in der Sparte "Mini-Serie", sondern bei den "Drama-Serien" bewarb - und das auch noch äußerst erfolgreich. Insgesamt zwölf Nominierungen erhielt das achtteilige Krimi-Drama von Nic Pizzolatto mit Woody Harrelson und Matthew McConaughey in den Hauptrollen. Eine zweite Staffel ist bereits geplant, nur soll eine andere Geschichte mit einem anderen Setting und einem anderen Ensemble erzählt werden.

Von der "Horror Story" gelernt

Dieses sogenannte Anthologie-Modell ist im Serienfernsehen nicht ganz neu, Produzent und Regisseur Ryan Murphy hat es 2011 mit seiner "American Horror Story" eingeführt. In jeder Staffel - mittlerweile ist die vierte in der Mache - wechseln Ort, Zeit und Geschichte. Nur die beliebtesten Darsteller wurden vom "Murder House" (Staffel 1) mit in die "Freak Show" (Staffel 4) genommen. Mit dem riesigen Erfolg von "True Detective" dürfte das Anthologie-Modell nun seinen Durchbruch erlebt haben. Kurze Zeit später kündigten nämlich auch die Macher von "Fargo", einem weiteren großen Emmy-Favoriten mit 18 Nominierungen, an, die Serie in der zweiten Staffel komplett neu zu erfinden.

Different different, but same? Während der Serien-Reboot wie ein Affront für die Fans wirken mag, die sich gerade erst für die Protagonisten eines neuen Formats erwärmt haben, hat er für die Serienmacher Vorteile. Zum einen stehen ihnen mehr Filmstars für die Besetzung zur Verfügung. Wen bislang die Verpflichtung auf mehrere Staffeln abschreckte, kann jetzt eine Mini-Serie zwischen zwei Filmdrehs packen. Kein Zufall also, dass "True Detective" und "Fargo" mit Harrelson und McConaughey beziehungsweise Billy Bob Thornton gleich drei Oscar-Preisträger in den Hauptrollen haben.

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Zum anderen erlauben die kurzen Staffeln den Drehbuchautoren, sich stärker auf die Hauptfiguren, ihre Milieus und ihre Geschichten zu konzentrieren. Keine öden Subplots oder skurrilen Nebenfiguren mehr, die die Serie über ihr natürliches Erzählvolumen hinaus aufblasen; keine abrupten Wendungen oder aus dem Nichts auftauchenden Bösewichte mehr, die für den Cliffhanger bis zur nächsten Staffel sorgen sollen: Mini-Serien wirken im Vergleich zu Dauerbrennern wie "The Good Wife" (bislang sechs Staffeln) oder "Downton Abbey" (bislang vier Staffeln) schlanker und kompakter zugleich.

Nic Pizzolatto, der alleinige Autor von "True Detective", hat außerdem bewiesen, dass sich eine so überschaubare Zahl an Folgen auch solo bewerkstelligen lässt und eine Serie vom Sound einer individuellen Erzählstimme profitieren kann. Fast schon ironisch, dass in den USA das vermeintlich überholte Autorenfernsehen triumphiert, während sich europäische TV-Macher noch abmühen, für das kollektive Schreiben im Writers' Room auszubilden.

Nackte Trendsetterin Dunham

In leicht abgewandelter Form hat das neue Autorenfernsehen, das sich kurz fasst, auch schon im Comedy-Bereich Einzug gehalten. Vorreiterin war hier Lena Dunham, die mit ihrer Serie "Girls" nicht nur neue Maßstäbe in Sachen Nacktheit gesetzt hat. Mit einer Handvoll Hauptfiguren und nur zehn Folgen pro Staffel (statt der für Comedys üblichen 20 plus) hat sie einen bewusst reduzierten Erzählrahmen etabliert, den ihr Haussender HBO in diesem Jahr bereits mehrfach kopiert hat: Sowohl die IT-Satire "Silicon Valley" (mit vier Nominierungen bei den Emmys einer der erfolgreichsten Newcomer) als auch die Beziehungs-Comedy "Looking" sind nach dem "Girls"-Modell gebaut - und von der Milieuzeichnung und dem Erzählfluss mindestens genauso ungewöhnlich.

Von fünf Nerds, die in Palo Alto ein Start-up aufziehen und gleichzeitig ihre Freundschaft und ihre Unabhängigkeit bewahren wollen, handelt "Silicon Valley". Serienschöpfer Mike Judge ("Beavis and Butthead") kombiniert dabei seinen typisch derben Humor mit detailliertem Szenewissen. Events wie die Gründerkonferenz TechCrunch Disrupt werden dabei so hyperrealistisch gezeichnet, dass es für In- wie Outsider ein Spaß ist.

"Looking" von Michael Lannan ergänzt, wie sich die Nähe von Google und Facebook auf San Francisco auswirkt, wie die Unternehmen die Gentrifizierung der ehemaligen Hippie-Hauptstadt vorantreiben, aber auch wie die Digitalisierung in Form von Dating-Plattformen wie OK Cupid oder Grindr mittlerweile das Intimleben bestimmt.

Erzählt werden die neuen Comedys - allen voran "Girls" und "Looking" - bewusst ruckelig. Mal nimmt eine Folge eine einzige Hauptfigur in den Fokus, dann ist wieder das Ensemble im Blick. Mal spielt sich die Handlung an einem Tag ab, mal erstreckt sie sich über eine Woche. Statt einer formatierten Drehbucharithmetik zu gehorchen, die den steten Wechsel zwischen Schauplätzen, Figuren sowie Haupt- und Subplots vorschreibt, passt sich der Erzählfluss der Geschichte an und nicht andersrum. Auch deshalb wirken die neuen Serien lebendiger, direkter und persönlicher.

Das für 2015 groß angekündigte Serienprojekt "Morgen hör' ich auf", das ZDF-Programmchef Norbert Himmler etwas unbeholfen "das deutsche 'Breaking Bad'" genannt hat, soll übrigens eine Mini-Serie sein und vier Folgen umfassen. Gut möglich, dass das deutsche Fernsehen aus Versehen einmal völlig im Trend ist.


"Looking" ist ab dem 10.9., "Silicon Valley" ab dem 12.11. im deutschen Pay-TV auf Sky zu sehen.

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ylajali 22.08.2014
1. Und
Ach mensch, schon schade, wenn bei einem solchen Artikel Dominik Grafs wunderbare Arbeit "Im Angesicht des Verbrechens", Miniserie aus dem Jahre 2010, so maximal übergangen wird. http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Angesicht_des_Verbrechens Und wer Lena Dunhams Gemurmel-Wirrwarr je wirklich sah, kann nicht mehr sagen, dass es je grounbraking oder sonst etwas Geniales ist - es tut einfach nur weh, beleidigt Augen, Geist und ja, auch jegliches noch so lowlevel eingestellte ästhetische Empfinden. Es ist schlicht scheußlich. Ein hochgejazztes Ekelkabinett. Subjektive Meinung, na klar, aber, oh, sicher, man muss nicht immer superduper schnieke sein, wie in den ganzen glattbebügelten Girlieserien, in denen die Mädchen schon mit aufgedrehten Engelslocken aufwachen und selbst auf der Flucht, im Verließ, nach 113 Tagen Foltertour nicht verpassen, immer die Haare schön zu haben - aber sich bewusst immerzu als fast schon abstoßend 'anders', plump, nacktheitsgeil und so splenig wirr im Kopf zu inszenieren, oh bitte. Es ist so müde, öde, überholt und braunmatschig - von den ewig düsteren Farben wie auch von dem fürchterlichen Hyperkativ-Gebrabbele her. Auch hier, das Distinguierte Donwnton Abbeys muss nicht immer sein, aber so ein bewusst unverständliches Durcheinander und Kryptisches Zeug als Ausdruck von was, Kunst?, Normalität?, Authentizität etwa?, doch auch nicht. Redeten Freunde von mir so, würde ich sagen, red' grade Kind, oder geh mir jetzt weg, ich kann Dich einfach nicht verstehen. (Und damit meine ich keine Akzente, True Detective verstand ich im Original recht einwandfrei). Lang lebe Rust motherfucking Cohle!
ProbeersEinfach 22.08.2014
2.
Falscher Trend, die besten Serien waren/ sind nunmal meist die umfangreichsten, auch Episodenmäßig. Lost, Breaking Bad, Sopranos, The Walking Dead etc. Kurze Serien wie dieses nette Theater True Detectives ist ja ganz nett, aber an die Charakterentwicklung etc. kommt es natürlich nicht einmal auf Lichtjahre heran. Bei oben genannten Serien habe ich bei späteren Staffeln richtig mitgefiebert und teilweise sogar Angst um die Charaktere gehabt, man hat beim Anschauen Unbehagen gespürt, als ob man dabei wäre und das Format echt wäre. Bei TD oder auch bei vielen Filmen plätschert die Handlung an einem einfach so vorbei und wenn man dann doch mal anfängt mitzufiebern, ist der Film vorbei. Die besten Filme aller Zeiten sind deswegen auch nicht 80 Minuten oder 90 Minuten lang, sondern zumindest etwas länger, bis sehr lange ( Der Pate, die Verurteilten)
BlakesWort 22.08.2014
3.
Was hat die Länge einer Serie mit ihrer Qualität zu tun? Gar nichts. Im Gegenteil würde ich mir bei vielen modernen Serien wünschen, sie wären kürzer angelegt und dafür hochwertiger. Im letzten Absatz das deutsche Fernsehen zu erwähnen, ist fast schon eine Beleidigung. Hierzulande wird für viel Geld haufenweise Schrott produziert, der in den USA nicht einmal die Phase des Pitch' überstanden hätte.
Elizabeth_Tudor 22.08.2014
4. Auch die Briten wissen wie....
'The Take' mit Tom Hardy. 'Broadchurch', 2. Staffel kommt diesen Herbst. 'Red Riding'/'Criminal Justice'/'Southcliffe'.....u.v.m. im O-Ton ein Vergnuegen. BBC und ITV...jederzeit! 'True detective' hat enorm Spass gemacht, besonders wenn man Zeit 'down south' verbracht hat! Das ganze Ambiente hat gestimmt...!
tadamtadam 22.08.2014
5.
das sehr viel größere problem sehe ich bei den redaktionen. redakteure verstümmeln die drehbücher schon vor dem pilot bis zur unkenntlichkeit. da wird in vorauseilendem gehorsam alles rausgenommen, was irgendeine zielgruppe pikieren könnte, oder dem ethikrat nicht passen könnte, oder man ändert was, weil man meint, das publikum würde etwas nicht verstehen. die redaktionen in deutschland behandeln ihr publikum und auch ihre kreativen wie kleine kinder, die grundsätzlich nie alleine auf den spielplatz mit ihren freunden gehen dürfen, sondern nur unter aufsicht. und wehe, man fährt mal skateboard ohne knieschoner... dann ist der spielenachmittag gestrichen. die entmachtung der redaktionen wäre nötig, um das fernsehen in deutschland wieder erträglich zu machen.
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