Erdogan-Talk bei Anne Will Ab und zu einen Döner

Integration, Doppelpass, EU-Mitgliedschaft - Anne Will nahm den Deutschland-Besuch von Premier Erdogan zum Anlass, über eine Menge Türkei-Themen zu debattieren. Unterm Strich ging es um die Frage: Wie halten es die Deutschen mit den Türken?
Und sie haben etwas dazu zu sagen: Joachim Herrmann (CSU), Kenan Kolat (Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V.) und Ska Keller (B90 / Die Grünen).

Und sie haben etwas dazu zu sagen: Joachim Herrmann (CSU), Kenan Kolat (Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland e.V.) und Ska Keller (B90 / Die Grünen).

Foto: ARD

Wenn der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan nach Deutschland kommt, regt das eine Menge Leute in Deutschland auf. Vor ein paar Jahren forderte er, die Türken in Deutschland sollten sich zwar integrieren, aber nicht assimilieren. Bei einem anderen Besuch sagte er, sie sollten erst Türkisch, dann Deutsch lernen.

Und da Erdogan nun wieder in Deutschland war, um vor ein paar tausend türkischstämmigen Anhängern Wahlkampf zu machen (und vorher pflichtgemäß die Bundeskanzlerin zu treffen), befand Anne Will es an der Zeit, wieder einmal eine Integrationsdebatte in ihrer Talkshow zu führen. "Erdogan in Deutschland - Wahlkampf auf Kosten der Integration?" lautete ihr Thema.

Es wurde eine unausgewogene Angelegenheit, weil zwei gewichtige Stimmen fehlten: die der Türkenhasser, die der Meinung sind, Türken/Muslime/Ausländer/Fremde in Deutschland sollten sich bitte so anpassen, dass sie als Türken/Muslime/Ausländer/Fremde nicht mehr auffallen, oder sie sollten das Land verlassen. Und die Stimme der glühenden Erdogan-Fans, die ihn, undemokratischem Verhalten und Korruption zum Trotz, für einen Helden halten, weil er nicht nur die türkische Wirtschaft auf Vordermann gebracht, sondern den Türken das Gefühl zurückgegeben habe, stolz sein zu können. Beide Stimmen sind jenseits der Talkshow - leider - ziemlich laut.

Wie sehr mögen wir die Türken?

Und so wurde in relativer Eintracht über alles diskutiert, was einem im Zusammenhang mit der Türkei so einfällt: über Integration und Doppelpass, über eine EU-Mitgliedschaft der Türkei und die politische Lage dort. Unterm Strich ging es um die Frage: Wie sehr mögen wir die Türken?

Darf Erdogan in Deutschland Wahlkampf machen? Ja, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Schließlich sei Deutschland "ein Freiheit liebendes Land, deshalb tolerieren wir so etwas". Allerdings missfalle ihm, dass Erdogan sich in der Vergangenheit nicht gerade dadurch hervorgetan habe, die Integration der Türken in Deutschland zu fördern.

Und nein, befand die türkischstämmige Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. Erdogan dürfe hier keine Bühne bekommen. Er werde in Deutschland viel zu wenig kritisiert. Er sei "sehr nationalistisch", "sehr an Religion orientiert". Was genau aus ihrer Sicht dagegen spricht, dass er bei den knapp 1,5 Millionen Türken in Deutschland seine Positionen vertritt, die bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl mitwählen dürfen, wurde nicht deutlich - außer dass ihr Erdogan nicht gefällt.

Einig war Ates sich mit Kenan Kolat, dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland, dass viele türkischstämmige Menschen sich in Deutschland nicht angenommen fühlten. Ihnen schlüge Diskriminierung und Rassismus entgegen, sagte Kolat. Daher sei Erdogan so beliebt unter ihnen: Er schaffe es, sie anzusprechen. "Erdogan sagt ganz deutlich: Ihr seid nicht allein", erklärte Ates.

"Deutschtürken sind konservativ"

Eine tiefgehende Diskussion kam also nicht auf. Einig waren sich alle, dass sie Erdogan trotzdem irgendwie nicht mögen. Kolat sagte, es gebe in der Türkei keine wirklich starke Opposition, die Erdogan gefährlich werden könne. Man halte an ihm fest, weil man keine Alternative sähe. "Deutschtürken sind konservativ", sagte er.

Beim Wort "konservativ" wurde CSU-Mann Herrmann hellhörig. Er rang sich im Laufe der Sendung dazu durch zu sagen, auch er habe türkische Freunde und mache Urlaub in der Türkei. Das ist die bei Konservativen übliche Art zu sagen, man habe eigentlich nichts gegen Türken. Es fehlte nur noch, dass er zugab, ab und zu auch mal einen Döner zu essen.

Als Anne Will fragte, wer eigentlich der größere Integrationsfeind sei, Erdogan oder die deutsche Politik, brachte es Grünen-Politikerin Ska Keller auf den Punkt: Wenn Erdogan alle drei Jahre nach Deutschland komme, könne er das Problem nicht sein. Problematisch sei vielmehr der bisher geltende Zwang für junge Türken, sich für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Warum man EU-Bürgern, aber auch US-Staatsangehörigen oder Japanern die doppelte Staatsbürgerschaft zugestehe, den Türken aber nicht, sei unverständlich.

Vieles blieb unklar

Ates wiederum sprach sich gegen den Doppelpass aus. Als Kritikerin der oft einengenden Strukturen in Teilen der türkischen Gesellschaft erhält sie viele Morddrohungen, noch während der Sendung twitterte jemand, der sich als Mitglied der nationalistischen türkischen Gruppe Graue Wölfe zu erkennen gab, er würde "die Schlampe am liebsten umbringen". Weil ihr bei einer geplanten Reise in die Türkei einmal die dortigen Behörden Schutz durch deutsche Beamte verwehrten, da sie doch auch türkische Staatsbürgerin sei, gab sie 2012 ihren türkischen Pass auf. Warum sie aber grundsätzlich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ist, warum ihre Entscheidung Maßstab für alle sein soll, blieb unklar.

Ob man in Deutschland vielleicht ein Problem mit der "muslimischen Kultur" habe, versuchte Will noch einmal die Diskussion anzuheizen und zeigte ein Video, in dem der Kölner Kardinal Joachim Meisner zu Katholiken sagt: "Ich sage immer, eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien." Aber auch dieser Versuch, die Debatte anzuheizen, verpuffte. Herrmann sagte, dieser Satz sei "indiskutabel", er suggeriere eine unterschiedliche Wertigkeit von Menschen.

Immerhin in einem Punkt blieb es bei den alten, unterschiedlichen Positionen: Herrmann sprach sich gegen eine EU-Mitgliedschaft aus, Keller forderte, dass man der Türkei eine Perspektive bieten müsse. "Die Beitrittsverhandlungen waren der große Reformmotor in der Türkei." Der Union warf sie vor, sie wolle die Türkei unabhängig von ihren Reformfortschritten nicht aufnehmen. Das immerhin gab Herrmann zu, der mehrfach Demokratiedefizite und Verstöße gegen Rechtsstaatlichkeit in der Türkei angesprochen hatte: "Eine Vollmitgliedschaft der Türkei sehe ich nicht."

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