Netflix-Comedy mit Idris Elba Wenn die Hausmusik den DJ überfordert

Abgehalfterter DJ wird zur Nanny wider Willen: Nicht unbedingt der Stoff, den man von Charaktermime Idris Elba erwartet. Seine Sitcom "Turn up Charlie" überrascht jedoch mit Herz und Showbiz-Einsichten.

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Idris Elba, 46, ist einer der am heißesten gehandelten TV- und Kinostars zurzeit. Seine Detektiv-Rolle in der Serie "Luther" wurde mit Nominierungen und Preisen überhäuft.

Als Heimdall in Marvels "Thor"-Filmen hinterließ der Brite zudem weitaus mehr als nur einen bleibenden Eindruck im Blockbuster-Kino, seit Jahren wird er als nächster James-Bond-Darsteller ins Spiel gebracht. Im vergangenen Jahr feierte sein Regie-Debüt "Yardie" Premiere, "People" kürte ihn zum "Sexiest man alive", und demnächst soll er als Deadshot in DCs "Suicide Squad"-Neustart auftreten.

Läuft bei Elba, könnte man sagen. Und was macht er? Widmet sich erstmal ausgiebig einer kleinen, holprig-unkonzentrierten, aber sehr charmanten Sitcom, deren erste Staffel seit Freitag auf Netflix zu sehen ist.

Der Witz von "Turn up Charlie" besteht nicht unbedingt darin, dass die Serie (acht Folgen) überbordend witzig ist; die Gag- und Slapstick-Dichte ist, gemessen an der Prämisse, nicht sehr hoch: DJ Charlie Ayo (Elba) hatte Ende der Neunziger mit "L.U.V." einen Megahit in den britischen Club-Charts, aber alle Tantiemen und Karrierechancen hat er seitdem mit viel Suff, Drogen und Arroganz verjuxt und verjubelt. Jetzt haust er mit angegrautem Haar, seinem Plattenspieler, seinem kauzigen Kumpel Dell (Guz Khan) und viel Existenznot in einem kleinen, miefigen Zimmer in der Wohnung seiner lebensklugen Tante Lydia (Jocelyn Jee Esin).

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"Turn up Charlie": Ein Hit und viele Wunder

Als sein Jugendfreund David (JJ Feild als Tom-Hiddleston-Verschnitt), ein erfolgreicher Hollywood London-Star, mit seiner Frau Sara (Piper Perabo), einer in den USA berühmten DJane, zurück nach zieht, erhofft sich Charlie vor allem von Sara musikalische Schützenhilfe. Die vielbeschäftigten Jetset-Eltern wollen den alten Kumpel aber viel lieber als Aufpasser für ihre hochbegabte, sehr naseweise und äußerst renitente Tweenie-Tochter Gabrielle (Frankie Hervey) anheuern. Es kommt, wie es kommen muss im "Mr. Nanny"-Genre: Charlie und "Gabs" werden nach viel amüsanter Turbulenz und und Gezicke beste Freunde.

Mit dem Auflegen kennt Elba sich aus

Herausragendes Comedy-Talent beweist Idris Elba dabei allerdings nicht, seine größte Transferleistung besteht darin, das immer leicht bedrohlich wirkende Brüten, was seine bisherigen Erfolge prägte, in etwas Sanftes, entwaffnend Verlorenes zu wandeln. Dadurch erhält sein Charlie eine absorbierende Kraft. Man ahnt, was Elba an der Rolle und dem Plot, den er zusammen mit dem Produzenten Gary Reich entwickelte, reizte: Sie ist eine komödiantisch aufbereitetes Gedankenspiel, wie sein Leben womöglich weitergegangen wäre, hätte er nach seinem Durchbruch Mitte der Nullerjahre, als Stringer Bell in "The Wire", keine passenden Anschlussrollen gefunden. Zuvor hatte er bereits zehn Jahre Ochsentour durchs britische Serien-Fernsehen hinter sich.

Die Rolle des Party-erprobten DJs füllt Elba auch deshalb so überzeugend, weil er selbst Teil des britischen Club-Circuits war: Seit Jahren tritt er als Feature auf diversen Hip-Hop-Tracks auf, 2018 gründete er seine eigenes Label JWallace Music, auf dem als erster Act der französisch-kameruner Künstler James BKS seine Afrobeats veröffentlicht. Wann immer er kann, legt Elba auch selber noch auf. Die Höhen und Tiefen, die ein Leben in diesem flüchtigen Business mit sich bringt, werden in der zweiten Hälfte der ersten Staffel thematisiert, wenn sich die Handlung von London nach Ibiza verlegt und sich erwachseneren Themen öffnet.

Hier, in den zahm, aber anschaulich genug dargestellten Beachclub-Exzessen, Schauplatz von erbitterten Konkurrenzkämpfen unter Sternchen und DJ-Stars, die vielleicht nur einen Sommer punkten können, offenbart "Turn up Charlie" in durchgängig leichter Tonart sein eigentliches Thema: Je radikaler und übergriffiger Gabrielle auf ihre Vernachlässigung hinweist, desto deutlicher wird das Scheitern der drei Erwachsenen David, Sara und Charlie. Sie bekommen ihre künstlerischen Ambitionen, ihren Karriere-Druck und -Ehrgeiz, den ganzen Turbo-Hedonismus der Neunzigerjahre-Generation nicht ihren Sehnsüchten nach Liebe und Familien-Harmonie in Einklang.

Es hilft wohl, dass sich Idris Elba sowohl an den Turntables und hinter den Kulissen der Clubs auskennt als auch mit den Zwängen und Zumutungen des Hollywood-Lifestyle. Und so bekommt auch diese chaotische kleine Sitcom ganz unverhofft eine gute Portion davon ab, was Elba in bisher jeder Rolle so unwiderstehlich macht: unprätentiöse Tiefe.



insgesamt 4 Beiträge
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mariomeyer 18.03.2019
1. Yo!
Nach der 1. Folge erstmal wieder auf Eis gelegt. Mehr erhofft und erwartet (auch wegen Guz Khan). Irgendwie nicht bissig genug.
odenkirchener 19.03.2019
2. Kann nicht. . .
. . . immer klappen. "Luther" wurde nach der zweiten Staffel durch das Ausdehnen des immer gleichen Themas, langweilig. "Der dunkle Turm" war für das überreiche Thema, viel zu kurz abgehandelt. Als Torwächter spielte Elba doch nur 'ne meist tiefgefrorene, ihn völlig unterforderndeNebenrolle. Da hätte auch ein Besen gereicht. . . Hoffentlich bekommt er noch mal ein gutes Drehbuch, sonst wird er leider zum ewigen Talent.
Lavitaebella 19.03.2019
3. sehr, sehr feines britisches Serien-Fernsehen...
..entlässt einen mit einem Lächeln entspannt in den Abend. Ich mag's.
mariomeyer 19.03.2019
4. @Lavitaebella
Ich respektiere Ihre Meinung. Ich hatte auch auf das "britische" Element gehofft. Fand es dann aber zu "amerikanisch" - die Nebenfiguren sind aus meiner Sicht Karikaturen und die Hauptfiguren nicht griffig genug. Aber vielleicht sind die anderen Folgen besser. Keine Ahnung. Mal sehen.
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