TV-Anarchos Joko und Klaas Mit dem Zweiten heult man besser

Kunst in der Disco, Demütigungen aller Art - und ordentlich Gebührengelder ausgeben: Die anarchischen MTV-Stars Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt starten ihre erste öffentlich-rechtliche TV-Show. Aber: "Nur weil ZDF draufsteht, heißt das nicht, dass wir auch ZDF abliefern", sagen sie.

ZDF

Von Daniela Zinser


"Armes Deutschland!" Beim Gedanken, dass er das Unterhaltungssegment des deutschen Fernsehen retten soll, winkt Klaas Heufer-Umlauf, 28, nur müde ab. Mit seinem Kollegen Joachim "Joko" Winterscheidt, 32, wird er als Ausgeburt des Authentischen, als Gesicht einer Generation, als Heilsbringer in der Spaßwüste Deutschland gefeiert.

"Man wird dadurch auf so eine zynische Weise geadelt", meint Heufer-Umlauf, "das ist etwas befremdlich." Schließlich sei das nicht ihr Anspruch. Vielleicht gebe es einfach keine anderen Jungen? Zumindest keine im Doppelpack, die so versöhnen können - das Fernsehen mit dem Internet nämlich.

Die Clips aus ihrer inzwischen abgesetzten Show "MTV Home" - Porno-Ping-Pong, Strip-Paintball oder Um-die-Wette-Frieren - wurden Hits bei YouTube. Ihre neue Sendung bei ZDFNeo, die mit großem Online-Auftritt, Livestream, Podcast und Blog daherkommt, könnte nicht nur Klicks sammeln, sondern dem jungen, öffentlich-rechtlichen Digitalkanal auch mehr Zuschauer bringen. "neoParadise", die Joko-&-Klaas-Variante der Late Night Show, läuft ab diesem Donnerstag wöchentlich, 20 Folgen sind geplant. Beim ZDF ist man euphorisch, spricht sogar von Liebe und schwärmt davon, wie echt der Joko und der Klaas doch seien.

"Authentisch ist man nur, wenn man im Schlaf furzt", zitiert Klaas Charlotte Roche als Antwort auf das ZDF-Lob - und erzählt, dass er jetzt einen Sleeptalk-Recorder für sein iPhone hat, der alles aufnimmt, was er nachts so sagt. Ganz komische Geräusche mache er, das sei "teilweise super gruselig".

Erotik mit Olli Schulz

Authentisch heißt bei Joko und Klaas, sich selbst nicht ernst zu nehmen - dafür aber das, was sie tun. In hellblauem Hemd und blauen Chinos (Joko) und hellblauem Poloshirt und Jeans (Klaas) sitzen sie in ihrem neuen Studio in Berlin, umgeben von alten Platten, abgegriffenen Science-Fiction-Romanen, durchgesessenen Polstern und einem ausgestopften Fuchs. Eine Mischung aus klassischem US-Serien-Interieur, Las Vegas und Hobbykeller, inklusive Bar, Aufzug und Treppe aufs Dach. An der Tür baumelt eine Stofftasche mit der Aufschrift "Wasted German Youth".

Die Show soll eine Kombination von Late-Night-Elementen, zwei, drei Interviewgästen, Musik-Acts und Einspielern sein - diesmal sogar vor echtem Studiopublikum. Im Eckschrank werden Gäste versteckt, die noch nicht die ganz große Bühne verdient haben, und die Luke hin zum Dach gibt den Weg frei zum Abenteuer. Dazu gehören die schon aus "MTV Home" bekannten Wettkämpfe wie "Bis einer heult". Das Spiel, dem anderen unangenehme Aufgaben aufzudrücken, heißt bei ZDFNeo allerdings "Wenn ich Sie wäre", schließlich soll alles erwachsener sein.

Dafür könne man beim Motto "Titten, Tiere, Gewalt" - einer Spielübung aus ihrer MTV-Zeit - dann auch mal die Tiere weglassen, sagt Joko. "Nur weil ZDF draufsteht, heißt das nicht, dass wir auch ZDF abliefern." Reichlich Politik und Kultur gibt es aber: In der Rubrik "Winterscheidt schaut Haneke" setzt sich Joko mit den Filmen des Regisseurs von "Das weiße Band" auseinander, Klaas bringt mit "Kunst in der Kleinstadt" irre Aktionen von Kunst-Enfant-Terrible Jonathan Meese in Großraumdiscos. Das Format "Was von der Nacht übrig blieb" fragt nach des Volkes Stimme zur Tagespolitik, morgens um acht vor Berliner Clubs. Co-Moderatorin Palina Rojinski plant, fleißig Gebühren zu verschwenden, Musiker Olli Schulz liest selbstausgedachte Erotikgeschichten vor - und Kabarettist Serdar Somuncu kommentiert die deutsche Medienlandschaft.

Die Sendung, die sich alle im Team gewünscht haben, sollte es werden, samt jeglicher Freiheit, zu experimentieren. So etwas wie das Fernsehparadies also, deshalb der Name. Ein wenig überwältigt wirken Joko und Klaas davon, wie viel sich getan hat seit dem Ende von "MTV Home". Bei ProSieben moderierten sie in der Sommerpause von "Schlag den Raab" die Samstagabendshow "17 Meter", bald folgt dort "Joko und Klaas: Die Rechnung geht auf uns", und bei ZDFneo kommt nach dem "TVLab" nun das Paradies.

"Demütig bleiben", fordert Klaas ob dieses schnellen Aufstiegs vom Fernsehkuriosum zum Hoffnungsträger von sich selbst. "Ich hab immer Angst, irgendwann klingelt einer an meiner Tür und sagt: So, genug Quatsch gemacht. Jetzt wird gearbeitet." Als zumeist recht sinnfreie Quatschmacher gelten die beiden Um-die-Dreißiger. Aber das vermeintlich Sinnlose kann durchaus politisch sein. "Relevante Unterhaltung" wollen sie machen, in ihrer eigenen Tonart. "Spots, in denen wir dazu aufrufen, wählen zu gehen, haben bei YouTube fast genauso viele Klicks wie unsere Hau-drauf-Beiträge", sagt Klaas.

Spätpubertierende oder Junglehrer?

Auf das Wie komme es an. Es bringe nichts, mit so einer "Wer nicht raucht, ist cool"-Rhetorik zu kommen, meint er. "Wenn man das Mittel der Provokation und die Aufmerksamkeit dazu nutzt, was nachzuschieben, was man immer schon mal sagen wollte, dann hat die Provokation auch einen Grund."

Wenn Kollege Joko sich zigmal an der gleichen Stelle mit dem Auto blitzen lässt, um in Abgrenzung zu Thilo Sarrazin zu zeigen, dass die Deutschen auch ganz schön dumm sind, dann kriegen die beiden Fotos von Schulklassen, die sich T-Shirts zur Aktion "Gemeinsam dumm" gemalt haben. Wer bei solchen Scherzen die zweite Ebene nicht sucht, hat einfach nur Spaß. "Aber", so betont Joko, "das Schöne ist, dass man auch ein Publikum erreicht, das durchaus in der Lage ist, sich damit auseinandersetzen."

Die Kombination aus anarchischen Spätpubertierenden und wohlerzogenen Jungpädagogen machen Joko und Klaas zu idealen Werbegesichtern, nicht nur für die Sparkasse, auch für ihre Generation, irgendwo zwischen 25 und 35, zwischen all dem Individualisierungsdruck und den Unsicherheiten der Zukunft.

"Das Beste, was einem jungen Menschen heutzutage passieren kann, ist, früh zu wissen, was er will", meint Klaas. "Aber sich aus der Vielzahl der Möglichkeiten was auszusuchen, das ist eine nicht zu unterschätzende psychische Belastung für eine ganze Generation." Da halte man sich dann eben fest an vermeintlich bürgerlichen Kleinigkeiten: "Mit 22 hätte ich Leute verurteilt, die immer an einem Ort bleiben. Jetzt, mit 28, habe ich weitaus mehr Respekt für den Mut zu sagen: Mir gefällt das, ich bleib hier."

Und mag man es auch nicht bei all ihren mehr oder minder geschmackvollen Aktionen vermuten - Joko und Klaas setzen sich durchaus Grenzen. Klare Grenzen: Die Leute müssten wissen, was sie tun. "Bei 'DSDS' oder 'Supertalent', wo die Eltern lachend in die Kettensäge laufen und T-Shirts anhaben mit den Fotos ihrer Kinder, will man denen eigentlich nur sagen: Das Schlimmste, was passieren kann, ist dass dein Kind gewinnt", sagt Klaas. Da könne er nicht zuschauen. Und dann sei das auch noch alles gescriptet, ergänzt Joko. "Sogenannte Meta-Assis. Das ist das viel Traurigere, dass viele das für bare Münze nehmen. Die, die das machen, sind am Ende die viel größeren Idioten."

Wenn man andere verarscht, muss man auch sich selbst verarschen, finden Joko und Klaas. Damit wollen sie das Fernsehen verändern. Von innen heraus. "Immanente Dekonstruktion" nennen sie es. Das kann auch weh tun. Doch die Freude am Auseinandernehmen ist ihnen anzumerken. Jetzt ist das ZDF dran.


"neoParadise", donnerstags 22.25 Uhr, ZDFNeo

insgesamt 31 Beiträge
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Erich91 06.10.2011
1. Oh mein Gott
Darauf gabe ich mein Leben lang gewartet.
rst2010 06.10.2011
2. das zdf
ist obsolet. für die 1 oder 2 sendungen im zdf, die vielleicht ein bisschen interessant sind, rentieren sich die teueren gez gebühren auf keinen fall; insofern ist die arbeit von joko und klaas vergebene liebesmüh, das zdf wird wie seit jahrzehnten weiterhin nur eine zielgruppe bedienen, nämlich die scheintoten.
fragezeichenheute 06.10.2011
3. Wayne
interessierts? Ich fand beide schon immer unfähig, einzeln schon kaum erträglich, zusammen unertragbar. Und für so was zahle ich GEZ. "daumenrunter"
zephyros 06.10.2011
4. siamesen yoghi und glaaaas
können die beiden eigentlich auch mal was allein? Allein sind die Hampelmänner wohl nicht nervtötend genug.
worldwatch, 06.10.2011
5. Abermals mehr ...
... Sendezeit und Gebuehrenverschwendung fuer Volksverbloedung und intellektuelle Arterienverkalkungen aus der Anstalt "ZDF", einem Sender des oeffentlich rechtlichen Zwangsabgabenfunks. Ob das Prekariat auf den neuerlichen Joko&Klaas-Spam wohl positiv regieren wird? Wirklich entscheidende Gesellschaftsfragen.
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