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Deutscher Fernsehpreis: Zoten weg, Quoten pfutsch

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TV-Auszeichnung Schafft den Fernsehpreis ab!

Gala aus der Konserve: Selbstzensur und lächerliche Regeln haben den Deutschen Fernsehpreis zu einer absurden Veranstaltung gemacht. Diesmal wurden sogar MDR-Gags von Oliver Pocher rausgeschnitten. Bei so viel Hasenfüßigkeit, findet Christian Buß, bleibt nur die Abwicklung des Preises.

Warum wir Gala-Veranstaltungen im Fernsehen anschauen? Weil der Unterhaltungsbetrieb bei dieser Art Live-Veranstaltung ganz bei sich ist - in seiner schönsten und in seiner schlimmsten Form. Unvergessen der Auftritt von Tom Cruise bei der Bambi-Verleihung 2007, wo er in einer endlos anmutenden Rede scientologische Denkweisen verbreitete, als Preisträger ausgerechnet bejubelt von Vorzeige-Feuilletonist Frank Schirrmacher. Unvergessen auch die rabiate Ansprache Marcel Reich-Ranickis beim Deutschen Fernsehpreis 2008: ein Standtribunal, das den gesamten deutschen TV-Betrieb verdammte.

Doch irgendwann zwischen diesen beiden Veranstaltungen tat sich etwas: Nach dem unterhaltsamen und lehrreichen Desaster bei den Bambis 2007 versuchten die Verantwortlichen vom Deutschen Fernsehpreis schlauer zu sein; sie zeichneten die Gala auf, um sie dann einen Tag zeitversetzt in geschnittener Form auszustrahlen.

Ein Kontrollversuch, der bei der Ranicki-Ausgabe 2008 allerdings noch nicht so recht hinhaute: Bei der Aufzeichnung anwesende Journalisten trugen den Skandal direkt nach der Gala in die Redaktionen; als die Preisverleihung am Abend danach in leicht gekürzter Variante ausgestrahlt wurde, war sie bereits in den Online-Medien ausgiebig diskutiert worden und erschien so als etwas für das schnelle Medium Fernsehen Unverzeihliches: Schnee von gestern.

Inzwischen versucht man immer verzweifelter, den News-Aspekt für die Gala-Konserve namens Fernsehpreis aufrechtzuerhalten: Dieses Jahr, in dem man die Veranstaltung am Sonntag aufzeichnete, um sie am Montag auf RTL in geschönter Form auszustrahlen, verhängte man eine Sperrfrist von unglaublichen 24 Stunden. Erst nach deren Verstreichen durften die Medien bekanntgeben, wer die Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2011 sind.

Bernd das Brot, der Saubermann vom MDR

Leider hatten die Veranstalter dabei nicht die Verarbeitungswege der meisten Online-Medien berücksichtigt: Im Newsticker einiger Nachrichtenseiten war die Meldung bereits Sonntagnacht zu lesen. Fernsehpreis-Sprecher Hartmut Schultz räumte auf Anfrage Klärungsbedarf für die Informationspolitik seines Arbeitgebers ein: "Das ist eine Übung, die man sich intern noch mal angucken muss."

Angucken muss man sich wohl auch noch einmal, wie man die Gala elegant glättet, ohne am Ende als Zensurstelle dazustehen. Komiker Oliver Pocher hatte am Sonntag bei der Gala vor 1200 Gästen im Kölner Coloneum einige Scherze über die ARD gerissen; außerdem hatte er sich darüber lustig gemacht, dass "Bernd das Brot der einzige beim MDR ohne Vorstrafen" sei. In der Aufzeichnung war die betreffende Stelle rausgeschnitten worden.

Pikant: Der Produzent der von RTL übertragenen Fernsehpreis-Gala ist Werner Kimmig, der auch mit dem inzwischen wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten entlassenen MDR-Unterhaltungschef Udo Foht in geschäftlicher Verbindung stand. Kimmig produziert unter anderem auch die vom MDR verantwortete Bambi-Verleihung für die ARD.

RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer rechtfertigte den groben Schnitt bei der Fernsehpreis-Aufzeichnung mit den Worten: "Wir hatten uns an diesem Abend auf die Fahnen geschrieben, würdevoll und positiv mit Nominierten, Preisträgern und Mit-Stiftern umzugehen. Dies wurde an dieser Stelle der Verleihung nicht erfüllt."

Würde, verordnetes Positiv-Denken, vermeintliche Exklusiv-Neuigkeiten - eine unterhaltsame Show wird daraus natürlich nicht. Ein Konservenprodukt, das man einerseits künstlich aktuell zu halten versucht und andererseits langweilig entschärft, kann kaum die öffentliche Wucht entfalten, die sich die Verantwortlichen von einer solchen Veranstaltung erhoffen. Die Rechnung kam denn auch prompt: Nur 2,41 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 8,7 Prozent) schalteten die Möchtegern-Glamour-Parade bei RTL ein, die schnurrige Treuhand-Posse "Stankowskis Millionen" im ZDF sahen mit 5,19 Millionen Menschen (15,2 Prozent) indes gleich doppelt so viele Zuschauer. Unter Aufmerksamkeitsgesichtspunkten ein Desaster für das gesamte deutsche Fernsehen.

Hinzu kommt, dass der von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 ausgelobte Preis immer mehr als Proporz-Veranstaltung der beteiligten Sender daherkommt. Für die Fernsehmacher selbst steht der renommierte Grimme-Preis, der jährlich ohne Einflussnahme der Sender vergeben wird, sehr viel höher im Kurs.

Wenn nicht eine umfassende Justierung der Gähn-Gala Deutscher Fernsehpreis stattfindet, kann die Forderung nur lauten: Schafft den Fernsehpreis ab! Diese Lösung wäre für alle Beteiligten, um mit RTL zu argumentieren, würdevoller.

Mit Material von dpa
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