Das Turnier des Zaren Die Kunst, sich über Curling lustig zu machen

Curling: Die "Walnuss" im "Zentrum des Nestes" platzieren
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Curling: Die "Walnuss" im "Zentrum des Nestes" platzieren

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Es gibt Sportarten, über die lässt es sich trefflich spotten. Curling zum Beispiel. Oder? Auch Lästern will gelernt sein, wie ein Altmeister zeigt.

Okay, da traten also Damen aus Kanada und Schweden im Curling gegeneinander an. Und da hätten sie bei der ARD ein sportjournalistisches Feuerwerk abbrennen können - ich bekam einfach die Stimme von Sir David Attenborough nicht mehr aus dem Kopf. Diese Stimme kannte ich schon, seit ich in meiner Kindheit seine zahllosen Expeditionen ins Tierreich begleitet hatte. Danach verwechselte ich David jahrelang mit Richard Attenborough, und heute begegnete er mir wieder. Im Internet, bei der BBC.

Nun ist Curling, sofern man sich mal darauf einlässt, wahrscheinlich ein wenig packender als rhythmische Sportgymnastik oder Wasserballett. Dennoch bedarf es mehr guten Willen, als ich aufzubringen in der Lage bin, um sich nicht darüber lustig zu machen. An dieser Stelle war schon am Mittwoch die richtige Rede davon, wie bierernst und unlustig die Ereignisse in Sotschi seitens des deutschen Fernsehens begleitet und kommentiert werden. Nun, Sir David Attenborough konnte wohl ebenfalls nicht widerstehen und hat sich, im Auftrag der BBC, auf eine Weise über Curling lustig gemacht, die im Grunde für diese Sportart vernichtend ist. "In all den Jahren meiner Erkundungen", sagt Attenborough mit dem altbekannten Pathos des weitgereisten Tierfilmers, "sind dies die Geschöpfe, die ich am interessantesten fand. Zum ersten Mal überhaupt, gefilmt im Zeitraum von drei Nachmittagen von den modernsten Kameras der Welt im tiefsten Russland: Das. Ist. Curling."

Dann senkt er die Stimme, als wolle er den Gegenstand seiner Untersuchungen nicht aufschrecken: "Hier haben wir ein Rudel von Curlerinnen. Sehen Sie das Alphaweibchen, wie es seine Dominanz über die Herde demonstriert, indem es das Ende des Besens nach lästigen Insekten abklopft." Tatsächlich zu sehen ist die Kapitänin des russischen Teams, wie sie Anweisungen gibt. Aber wir befinden uns mit Attenborough längst in einer anderen Welt, der Wildnis: "Und schon geht sie los, sanft und doch großartig schickt sie die überdimensionale Walnuss den gefrorenen Fluss hinab. Die Arbeit des Alphaweibchens ist getan, nun ist es die Aufgabe der Herde, der Walnuss auf ihrem Weg den Fluss hinab hektisch zu folgen und behutsam den Vordergrund zu schrubben. Jetzt überquert die Walnuss die rote Linie - Natur in all ihrer Verletzlichkeit."

Schließlich erreicht der Curling-Stein die "Teeline", in der schon andere Steine liegen. Und wenn Attenborough hier gespannt flüstert: "Damit soll das Territorium markiert werden", dann ist das nicht einmal falsch. Der Stein muss "im Zentrum des Nestes" platziert werden, schließt Attenborough schwärmerisch seine Beobachtungen und erklärt, dies alles sei Teil eines natürlichen Spiels, das alle Beteiligten entzücke: "Sehen Sie, wie glücklich es sie macht!" Was wir tatsächlich sehen, sind die finsteren Gesichter der US-Curlerinnen, weil es den Russinnen gelungen ist, ihre "Walnuss" im "Zentrum des Nestes" zu platzieren.

Während vor allem in Nordamerika das Curling als eine der coolsten olympischen Disziplinen gefeiert wird, erledigt Attenborough den albernen Quatsch auf die denkbar eleganteste Weise. Allein seine Aussprache des englischen Wortes für den Schub ("thrrrrust") der schweren Walnuss birgt mehr Komik, als alle deutschen Sportreporter zusammen bisher auf die Spiele zur Anwendung gebracht haben. Sport, das lehrt dieses kleine Beispiel, handelt von Leiden und Leistung. Deshalb verlangt er, mit Seriosität und Pathos kommentiert zu werden. Piekst man ihn aber mit einem Witz, zerplatzt er wie die Seifenblase, die er ist.

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9 Leserkommentare
curlit 20.02.2014
optionalerKanzler 20.02.2014
sebastian.grebe 20.02.2014
anonymous123a 20.02.2014
josefinebutzenmacher 20.02.2014
katzebraasch 20.02.2014
HansZoellinger 20.02.2014
claus-hoeppner 20.02.2014
miss_moffett 21.02.2014

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