Das Turnier des Zaren Weit und breit keine Schneestalinorgel

Schwedische und deutsche Eishockeyspielerinnen, verklumpt vor dem Tor

Schwedische und deutsche Eishockeyspielerinnen, verklumpt vor dem Tor

Foto: Petr David Josek/ AP/dpa

Eben noch hüpften der Reihe nach lächelnde Blondinen mit Zahnpastalächeln über Skisprungschanzen, landeten falsch herum und fuhren dann rückwärts den Berg hinunter. Und dann ist plötzlich der Spaß vorbei.

Da gewinnt die kanadische Slopestylerin Yuki Tsubota auf dem feuchten Schnee zu wenig Schwung, knallt mit dem Hintern auf den Scheitel der nächsten Schanze, bevor sie wie eine Gliederpuppe den Hang hinunterpurzelt und leblos liegenbleibt. "Das ist jetzt wirklich ein wenig gefährlich, was sich hier abspielt", meint der Moderator, als Tsubota abtransportiert wird. Kieferverletzung, wie es später heißt. Oben startet schon die nächste Kandidatin.

Als zum Eishockey der Damen geschaltet wird, steht es schon 0:1 für "sehr aggressive Schwedinnen", wie Bernd Schmelzer zu berichten weiß. Schmelzer weiß überdies: "Auch im Frauen-Eishockey entscheiden einfach Tore!" Auf dem Eis passiert allerdings nicht viel, wie gelangweilte Kameraschwenks über ein lethargisch in seinen Sitzen versunkenes Publikum zeigen. "Zuspruch ist heute nicht ganz so groß", kommentiert Schmelzer treffend. Was bedeuten muss, dass die eigentümliche Geräuschkulisse - das Geklapper mit den Stöcken, die möwenartigen Zurufe - von den Sportlerinnen selbst produziert sein müssen.

Besonders sehenswert sind hier, außer den Verklumpungen vor dem Tor, die immer wieder vorkommenden Doppelrammstöße ineinander verkeilter Spielerinnen in die Bande, so heftig, dass das Plexiglas scheppert. Ansonsten wird nach einem Puck gestochert, der auf einem zu kleinen Bildschirm leider komplett unsichtbar bleiben muss. Sein aktueller Standort lässt sich nur aus der Position der Sportlerinnen vage ableiten. Oder eben daran, dass weitere Tore fallen. Was nicht der Fall ist.

Ganz anders beim Curling, wo die Steine - nicht zu klein, nicht zu schnell - ganz ausgezeichnet zu sehen sind. Deutschland gegen England, und "Deutschland" ist in diesem Fall die Hamburger Vereinsmannschaft. Geleitet wird sie von John Jahr, Sohn und Enkel der bekannten Verleger. Sein Gegenspieler auf englischer Seite heißt Murdoch. Olympische Medienspiele, sozusagen, und das in einer Sportart, die wie eine Mischung aus Billard und Boule wirkt. Eine sehr, sehr beruhigende Mischung. Als wir aus dem wohligen Schlummer wieder erwachen, leisten die Richtmikrofone gerade gute Arbeit. Männer mit Besen beraten sich. Es ist, als könnte man in das Gehirn eines Schachspielers mit multipler Persönlichkeit hineinhorchen: "Was, wenn wir dort hinspielen?" - "Das bringt nichts, wir müssen ihm hier den Weg abschneiden!"

Zur Abwechslung ist zwischendurch die Schwangerschaft von Magdalena Neuner ein Thema, und zwar für Matthias Opdenhövel, der sich das Bäuchleintatschen gerade noch verkneifen kann. Dafür twittert er ein Bild von sich und Neuner in einer nachgestellten Berghütte, noch bevor die entsprechende Szene ausgestrahlt wird. Neuner meint, sie habe einen entspannten Flug gehabt, ihr Hotel sei in Ordnung und die Autobahn hinauf zu den Wettkampfplätzen in den Bergen bequem. Sie wird, erfahren wir, für "die ARD auch noch ein wenig arbeiten".

Und schon geht's wieder raus aus der Halle in die stolze Bergwelt des westlichen Kaukasus. Weit und breit keine Schneestalinorgel zu sehen, das Weiße scheint also alles echt zu sein, trotz Temperaturen "jetzt schon fast im Plusbereich". Beim Langlauf (oder war's der Sprint?) der Damen gibt es keinen "double underbelly neckbreak backflip 666", oder wie die Figuren beim Free- oder auch Slopestyle heißen.

Dafür hat's zahllose Sloweninnen, die alle einer Amerikanerin hinterherhecheln und dabei möglichst ausladend fuchteln, damit niemand vorbeikommt. Am Ende schiebt sich, wir sind im Viertelfinale, Denise Herrmann ziemlich spektakulär auf den letzten Metern vom vierten auf den ersten Platz, was den Moderator zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißt. Endlich Emotionen.

Arno Frank
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