Das Turnier des Zaren Doping fördert die Verdrängungsleistung

Gedopte Biathletin Sachenbacher-Stehle: Doping als Spaß- und Quotenkiller
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Gedopte Biathletin Sachenbacher-Stehle: Doping als Spaß- und Quotenkiller

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Jubel, Trubel, Medaillenregen - und dann futtert plötzlich eine Sportlerin einen nahrungsergänzten Müsliriegel und lässt sich dabei erwischen! Dazu noch eine Deutsche! Der Fall Sachenbacher-Stehle zeigt: Mit Doping im Sport ist das Fernsehen komplett überfordert.

Denn die Enthüllung des Dopingfalls gestern wirkte so, als hätte jemand beim zweiwöchigen "Happy Dance" der ARD plötzlich die Musik ausgestellt und das große Licht angemacht. Das erste Opfer war Moderator Gerhard Delling. Der hoffte erst noch, "dass es ein Schuss in den Wind ist", und stotterte sich in den nächsten Stunden durch die Sendung, als wäre ihm gerade der böse Geist von Günter Netzer erschienen.

Ansonsten setzte das Fernsehen auf den bewährten Mix aus Betroffenheit und "Weiter geht's, es sind ja noch Medaillen zu vergeben!". Dass der Trailer zur Biathlon-Staffel noch Evi Sachenbacher-Stehle feierte - geschenkt, das kann passieren in der Aufregung. Oder wie Michael Antwerpes sagte: "Wir wollen erst mal sportlich draufschauen, es geht ja noch um Gold." Puh, endlich wieder Sport! Kann Kati Witt diese unangenehme Sache nicht mit ihrer guten Laune wegtanzen?

Dabei wäre der Fall Sachenbacher-Stehle mit dieser Vorgeschichte doppelt interessant gewesen. 2006 war die damalige Langläuferin bei Olympia in Turin wegen eines zu hohen Hämoglobin-Wertes mit einer sogenannten "Schutzsperre" belegt worden. Was im Prinzip heißt: Wir wissen, dass du manipuliert hast, können es aber nicht beweisen. Evi heulte, ganz Olympia-Deutschland zürnte. Nicht gegen die Athletin, sondern gegen die Leute, die den Grenzwert so niedrig angesetzt hatten.

Nun gab's wieder die üblichen TV-Reaktionen auf einen Dopingfall, ob bei Sportlern, Kommentatoren oder Moderatoren: "Dummheit", "Ich bin schockiert!", "Das hätte ich nicht gedacht!" Gerne wurde auch das Interview mit Wolfgang Pichler gezeigt, derzeit Biathlontrainer in Russland. "Eine Riesendummheit, das ist eine Katastrophe!", raunte er. Übrigens jener Pichler, der früher als Privattrainer von Sachenbacher-Stehle fungierte - auch vor Olympia 2006. Manchmal muss man kein Experte sein, um Zusammenhänge zu erkennen, es reicht auch logisches Denkvermögen.

Aber wo waren sie denn, die Dopingexperten der Öffentlich-Rechtlichen? Das sind ja die Schattenwesen des TV-Journalismus. Kaum jemand kenne ihre Namen, sie tauchen fast nie vor der Kamera auf, und wenn, dann mal irgendwann in düster klingenden Dokus gegen Mitternacht. Gestern wäre ein guter Tag gewesen, um sie mal ans Licht zu zerren und sie über all das reden zu lassen. Über Sachenbacher-Stehle. Über Nahrungsergänzungsmittel. Über all die Zusammenhänge. Aber nein: Doping ist nicht nur ein Spaßkiller, sondern ein Quotenkiller. Schnell wieder verdrängen. Das Interview mit dem deutschen Chef der Mission, Michael Vesper? Nur Blabla.

Stattdessen sendete die ARD lieber Sport. Oder schöne PR-Beiträge. Erst einen über Maria Höfl-Riesch, und später sogar einen noch schleimigeren über einen Tag mit IOC-Präsident Thomas Bach. Da durfte der Reporter mit ihm verschiedene Sportstätten besuchen und nette Fragen stellen, darauf bekam er nette Antworten. Herrlich. "Goldmedaille für Arschkriecherei", kommentierte Journalist Jens Weinreich.

Aber als TV-Zuschauer kann man nur hoffen, dass heute schnell wieder alles vergessen ist. Lieber wieder klassisch Jubel, Trubel und Medaillenregen als dieses halbgare Betroffenheits-Gedöns ohne Erkenntnisgewinn. Und eine pseudo-traurige Katrin Müller-Hohenstein mit Maskottchen "Wotschi" auf dem Arm - das könnte man nun wirklich nicht ertragen.

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10 Leserkommentare
nemesis_01 22.02.2014
coyote38 22.02.2014
claus-hoeppner 22.02.2014
ulrich_frank 22.02.2014
ulrich_frank 22.02.2014
jaaaaaaaa 22.02.2014
DonFresa 22.02.2014
helmutderschmidt 22.02.2014
renee gelduin 23.02.2014
bert_baller 23.02.2014

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