Das Turnier des Zaren 342 Mikros im Monat

Skifahrer Felix Neureuther: Das große Ganze im Blick
DPA

Skifahrer Felix Neureuther: Das große Ganze im Blick


Wir müssen hier auch einmal den irrlichternden Wolf-Dieter Poschmann zu Wort kommen lassen. Also nun im Eisschnelllaufsprech des Rundlauferhitzers: "Es geht auf die letzte Runde, das wird ganz eng!" Oder anders: Es ist fast geschafft. Die streitbaren Olympischen Spiele in Sotschi werden weiter diskutiert werden, die Sportler reisen in wenigen Tagen jedoch endgültig ab.

Danach ist Fußball-WM, zumindest gefühlt von jetzt bis Juli, eine lange Zeit. Und es wird wieder richtig schlimm werden. Nach zwei Winterwochen mit Athleten, die gerne mal sagen, was sie denken, auch weil sie noch keine drei Semester Medientraining absolviert haben, beherrschen dann wieder kickende Interview-Roboter das TV-Sofa.

Einen Vorgeschmack gab es diese Woche, Champions League, der FC Bayern beim FC Arsenal. Die Münchner gewannen 2:0, und egal, wer kurz nach Abpfiff am Mikro stand, es war immer die gleiche fiese Phrasendrescherei: "Sind noch nicht durch. Wird schwer im Rückspiel. War noch nicht alles perfekt." Wie schnell kann man bitte Aussagen abstimmen? Jede Verbrecher-Combo wäre stolz. Wer nicht mit dem Abpfiff den Off-Knopf drückt, wird gehirngewaschen.

Aber wahrscheinlich sind wir das sowieso alle schon, und es fällt uns die meiste Zeit nur gar nicht mehr auf. Doch nach knapp zwei Wochen mit Wintersportlern, von denen manche eben nicht 342 Mikros im Monat vors Gesicht gehalten bekommen, sind die Maßstäbe wieder leicht verrückt.

Wie angenehm war die Zeit mit Typen wie dem Biathleten Erik Lesser, der nach seiner Silbermedaille in Interviews mit trockener Unverfrorenheit begeisterte ("Ach, die Experten, die haben immer gut reden."). Oder die Rodlerinnen: Räumen Medaillen ab und haben dennoch keine Lust, von tollen Bedingungen und erstklassiger Unterstützung zu sülzen. Nein, Silbermedaillengewinnerin Tatjana Hüfner findet dennoch alles scheiße und schlägt einmal um sich. Blicke mit Siegerin Natalie Geisenberger tauscht sie nicht wirklich aus. Das ist Zickenkrieg wie damals bei Claudia Pechstein und Anni Friesinger - Sport, ungefiltert, herrlich.

Noch beeindruckender waren in diesen Tagen jene, die nicht nur Phrasen, sondern auch die IOC-Gebrauchsanleitung für den unpolitischen Sportler in die Tonne traten. Die ukrainische Skifahrerin Bogdana Matsotska verzichtete "aus Protest gegen die kriminellen Aktionen gegen die Demonstranten und gegen die Verantwortungslosigkeit des Präsidenten" in ihrer Heimat auf den Slalomstart.

Auch Skispringerin Daniela Iraschko-Stolz tat etwas, für das es kein Trainingslager und eigentlich auch wenig Talent braucht. Sie bezog Stellung. Ihr Wunsch: "Dass das IOC bei der Auswahl des Gastgeberlandes für die nächsten Spiele mehr auf Menschenrechte und die Gesetzgebung achtet", sagte die Österreicherin "CNN".

Kein Sportler ist gezwungen, solche Dinge zu tun. Umso eindrücklicher ist es, wenn es doch passiert. Felix Neureuther hat bereits vor den Spielen gezeigt, dass er auch das große Ganze im Blick hat. Der Skifahrer ist darüber hinaus der Beweis, dass ein Sportler, der es auf eine ordentliche Medienzeit (342 Mikros im Monat) bringt, nicht nur Weichgespültes von sich geben muss.

Am Samstag startet er als Favorit im Slalom, so lange höre ich zu. Danach regiert die Floskel. Mit dem Schlusspfiff wird abgeschaltet.



Diskutieren Sie mit!
7 Leserkommentare
derdichter 21.02.2014
dosmundos 21.02.2014
sekundo 21.02.2014
gerchla63 22.02.2014
sekundo 22.02.2014
sekundo 22.02.2014
sekundo 22.02.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.