Das Turnier des Zaren Mit Lebenspartner oder ohne

US-Skifahrerin Mancuso: Wer da nicht auch den Slalom schaut, dem ist nicht zu helfen

US-Skifahrerin Mancuso: Wer da nicht auch den Slalom schaut, dem ist nicht zu helfen

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Alle sind dick eingepackt und sehen irgendwie gleich aus: Das ist ein Nachteil des Wintersports, insbesondere für das Fernsehen, das einprägsame Bilder braucht. Je verwechselbarer die behelmten Athleten sind, desto genauer hört man den Kommentatoren zu - aber das ist auch nicht immer schön.

Marco Büchel, Ex-Skiprofi und heute ZDF-Wintersportkommentator, war neulich auf einer Kutsche in Kitzbühel unterwegs. Für den Spartensender Eurosport wurde er durch hübsche Gassen gefahren. Er erzählte Geschichten über die berühmte Streif, den Zirkus Alpinsport und ein anstehendes Rennen. Büchel, eigentlich neutraler Liechtensteiner, sollte einen Tipp abgeben. Büchel lachte: "Da ich ja für das deutsche Fernsehen arbeite, muss ich auch den Felix Neureuther nennen."

Beim Arbeitgeber ZDF wird diese Entwicklung zufrieden registriert. Büchels Formanstieg in der Disziplin deutschtümelnde Wintersportberichterstattung fürs öffentlich-rechtliche Sofa kommt für den Sender genau richtig. Denn jetzt ist Olympia. Es gibt Medaillenspiegel. Silver ager sieht Schwarz-Rot-Gold. Da ist es gut, wenn man "Maria" statt "Höfl-Riesch" sagt. Da darf man die Schweizer nicht zu gut finden. Die Österreicher schon gar nicht. Integration durch Ausgrenzung. Büchel fällt so etwas schwer, auch wenn er "Marias" Gold-Slalom mit einem lauten "Yes" kommentiert. Nicht unbedingt, weil er Liechtensteiner ist. Nein, weil er gerne und oft einen sehr guten Job abliefert.

Olympische Winterspiele machen es der TV-Berichterstattung darüber hinaus nicht leicht. Im Sommer strahlen unablässig leichtbekleidete Sportler in die Kameras, liefern Bilder, die so stark sind, dass sie fast nicht kaputtgeredet werden können. Weil man vor lauter Körperkult und gelebtem Endorphin-Wahnsinn gar nicht mehr hinhört. Der Winterathlet versteckt sich in der Regel hinter einem Helm und einer verspiegelten Schneebrille, unter die noch jedes dick berahmte Hipster-Brillengestell passt. Emotion transportiert so ein Bogner-Roboter nicht von alleine.

Da muss der Kommentator nachhelfen und preist schon mal die deutsche Curling-Mannschaft, hörbar erregt: "Die sind alle geboren in Hamburg, leben in Hamburg, eisern verheiratet, haben alle Kinder. Ein verschworener Haufen." Haben wir richtig gehört? Und das ohne Helm und Brille.

Wörter, die bleiben. Leider. Bilder, die bleiben, sollen die vielen TV-Kameras im Zielraum liefern, die dort zunehmend zum Einsatz kommen. Identitätsstiftende Bilder, voll Drama, mit Lebenspartner oder ohne: US-Beauty Julia Mancuso ohne Mann, Helm und Brille, dafür mit Dekolleté; die Schweizerin Lara Gut mit dunkelbeglastem, dick berahmtem Hipster-Brillengestell, blond und süß, perfekt. Wer da nicht nach der Abfahrt auch den Slalom schaut, dem ist auch nicht zu helfen.

Zwischen Abfahrt und Slalom thront Katrin Müller-Hohenstein, die im Duktus der Privatradiomoderatorin die Zuschauer auf ihrer UKW-Welle mitreiten lassen will, indem sie andauernd vom "super Olympia-Tag" illusioniert. Ein Tag wie jeder andere halt, mit viel Shorttrack und Curling. Für KMH aber ist alles so super, dass sogar ZDF-Mentalexperte Hans-Dieter Hermann am Wochenende nach einer typischen Alles-Super-oder-alles-Scheiße-Frage insistiert: "Bleiben wir doch mal seriös." Da muss also ein Duz-Freund der Moderatorin kommen, um endlich einmal die Euphorie-Pillen zu verstecken. Oliver Kahn, leider nur Hobby-Psychologe, hat sich das nie getraut.

Zwei Dinge bleiben nach zwei Tagen ZDF: Hans-Dieter Hermann und, "auch wenn ich nicht fürs deutsche Fernsehen arbeite, muss ich auch den Marco Büchel nennen".

Frieder Pfeiffer
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