Das Turnier des Zaren Rauschgift, Smartphones, gute Freunde

Die deutschen Skispringer: Ganz schön verrückt, diese jungen Leute

Die deutschen Skispringer: Ganz schön verrückt, diese jungen Leute

Foto: Robert Schlesinger/ dpa

Die Welt der Snowboarder ist schon eine verrückte. Zumindest für den, der sie so sehen will wie das deutsche Fernsehen. Mit einer Mischung aus Ver- und Bewunderung glotzen ARD und ZDF auf die "ja so anderen" Sportler aus den ehemaligen Funsportdisziplinen. Ein ziemlich zweifelhafter Spaß.

Denn als der Start für den Snowboardcross-Wettbewerb am Montag aufgrund schlechter Sicht mehrfach verschoben und schließlich auf Dienstag verlegt wurde, hatte der ARD-Reporter vor Ort Sensationelles zu berichten.

Die Sportler würden in ihrer Unterkunft warten und sich - Achtung, verrückt - nicht etwa auf dem Ergotrainer warmhalten. Nein, diese jungen Männer würden am Smartphone hängen: "Sie twittern, posten und spielen." Das ist wirklich erstaunlich. Nicht die Handy-Sucht dieser Generation, nein, die ist im Alltag ja allgegenwärtig und auch unter Skispringern und Alpinrennfahrern verbreitet. Überraschend ist die Überraschung über das Alltägliche.

Ui, ein goldiger Kiffer!

Es ist eben alles immer etwas verrückter, sobald ein Snowboarder verantwortlich ist. Gratuliert ein Verlierer einem Sieger auf der Halfpipe oder im Slopestyle, wird man plötzlich Zeuge des "ja so bekannten" Fairplays: "Das ist einfach eine eingeschworene Szene."

Das ist sie. Aber nur wenn man, böse gesagt, alle vier Jahre draufschaut. Die Rolle des Außenseiters, die diese vermeintlichen Spaßsportarten in Deutschland immer noch innehaben, führt zu solchen Annahmen. Und verkennt die Tatsache, wie sich der Sport, der selbst natürlich gar nicht so viel gegen das etwas andere Image hat, professionalisiert hat.

Da werden am Dienstag vor dem Snowboardcross auch gerne mal die alten Geschichten rausgeholt, wie die des ersten Olympiasiegers Ross Rebagliati, der 1998 trotz positiven Cannabis-Tests Gold gewinnt. Rauschgift, Smartphones, beste Freunde - fertig ist das Zerrbild des Funsportlers. Nein, eines fehlt noch: das Risiko.

Als ein Italiener nach einem Sturz abtransportiert werden muss, fühlt sich der sonst sehr besonnene Rudi Cerne plötzlich an "Gladiatorenspiele" (wie übrigens auch die "FAZ") erinnert, über die man sich doch einmal Gedanken machen müsste. Die Bedenken mögen angesichts der gehäuften Verletzungen im Snowboardcross nicht falsch sein. Dass sie aber besonders gut in Deutschland zu hören sind, passt dennoch ins Bild.

Olympia in Deutschland ist Rodeln, Skispringen, Ski Alpin, Biathlon und Langlauf. Dazu ein wenig Curling und Eishockey. Dabei geht schnödes Ergebnis vor spektakulären Bildern, da ist man pragmatisch. Thront Schwarz-Rot-Gold auf der Ergebnistafel, ist die Welt in Ordnung. Letzteres ist in anderen Ländern nach eigener Farbenlehre nicht unbedingt anders. Doch die Freude an der Kreativität, am Neuen, dem nicht jahrelang Bewährten, ist hierzulande deutlich unterentwickelt - und damit auch der Erfolg in diesen irgendwie fremden Disziplinen.

Erfolgreich sind Gott sei Dank die deutlich bekannteren Skispringer. Rudi Cerne begrüßt das Siegerteam beim Frühstück mit Sven Voss. Es gibt Wasser und Filterkaffee aus weißen Kantinentassen. Schon das passt perfekt. Auf den Tisch haben die Verantwortlichen zudem eine "jämmerliche Brettlsjausn" (Cerne) aus etwas Wurst und Scheibenkäse gepackt. In seiner einfallslosen Spießigkeit ein äußerst stimmiges Ensemble, wollte man das deutsche Wintersportverständnis bebildern. Die jungen Skispringer, übernächtigt und sowieso abgehärtet, stört das nicht.

Sven Voss beweist dann aber noch, dass er lebenswirklicher unterwegs ist als sein ARD-Kollege am Tag zuvor. "Na, bei Ihnen wird es (auf dem Handy) auch richtig gerattert haben." Der angesprochene Andreas Wellinger ist 18 Jahre alt, und natürlich hatte auch er sein Smartphone nach dem Sieg griffbereit. Wäre er nicht Skispringer, er könnte auch Snowboarder sein.

Sotschi im Newsletter
Foto: Michael Kappeler/ dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.