Das Turnier des Zaren Der Sabber am Kinn ist hin

Skiathlon in Sotschi: Eigentlich nur ein Sprint mit langem Anlauf

Skiathlon in Sotschi: Eigentlich nur ein Sprint mit langem Anlauf

Foto: Hendrik Schmidt/ dpa

Ich liebe Olympia im Fernsehen. Was ist entspannender, als den ganzen Sonntag auf der Couch rumzuhängen und eine Sportart nach der anderen zu schauen? Abfahrt, Langlauf, Eishockey, Rodeln, Eisschnelllauf - es könnte so schön sein. Wenn das Fernsehen nicht so wäre, wie es ist.

Denn leider denkt es, dass der Zuschauer dumm ist, keine Geduld hat und trotzdem möglichst alles erfahren will. Das ist keine neue Erkenntnis, führt aber dazu, dass viele Disziplinen nun TV-gerechtere Wettbewerbe austragen.

Dann kommt sowas wie der Skiathlon dabei raus. Ein Langlauf-Wettbewerb mit Massenstart (sonst weiß der dumme TV-Gucker vielleicht nicht, wer gerade vorn liegt), die Hälfte der Strecke wird im klassischen Stil gelaufen, die andere in der freien Technik. An sich keine schlechte Idee, nur dass am Ende fast immer 10 bis 20 Läufer zusammen ins Stadion einbiegen. Es ist im Prinzip ein Sprint mit knapp 30 Kilometern Anlauf.

Überhaupt, der Sprint, auch so ein TV-kompatibler Wettbewerb. Im Langlauf! Das ist ungefähr so, als würde FIFA-Chef Joseph Blatter sagen: "Vier Wochen Fußball-WM können wir den Zuschauern nicht zumuten, wir machen ein langes Wochenende daraus. Die Spiele dauern dann halt nur 2 X 5 Minuten!" Oder Vettel & Co. drehen in der Formel 1 nur noch eine Runde pro Rennen. Es gewinnt ja trotzdem der Beste, aber Hauptsache, der Zuschauer kommt nicht auf die irrsinnige Idee, sich zu langweilen und mittendrin umzuschalten!

Das passierte früher durchaus öfter. Etwa beim 50-Kilometer-Langlauf, klassisch, Intervall-Start, dem größten Fest aller Couch-Wintersportler, längst aus dem Programm verbannt. Da tauchten keuchende, bärtige Typen wie Thomas Wassberg oder Wladimir Smirnow mit Sabber am Kinn zur Zwischenzeitmessung aus dem Unterholz auf und waren schnell wieder verschwunden, das alles dauerte den halben Tag, und man musste immer auf die vor besinnlicher Winterkulisse eingeblendeten Bestenlisten warten, um zu wissen, wer gerade vorne liegt.

Manchmal stand gar ein Name eines Läufers auf der Liste, den man noch gar nicht im Bild gesehen hatte. Immerhin verdanken wir diesem Umstand den berühmtesten Wintersport-TV-Satz aller Zeiten: "Wo ist Behle?", sprach der kürzlich verstorbene Bruno Moravetz 1980 in Lake Placid wiederholt ins Mikro, als der deutsche Langläufer die Zwischenbestzeit beim 15-Kilometer-Rennen inne hatte, aber nie von der Kamera eingefangen wurde. Das wäre heute unmöglich. Wie wüssten längst, wo Behle ist, wie es ihm geht, was er während des Rennens trinkt und ob seine Skier gut gewachst sind.

Aber ich will nicht so nostalgisch wirken wie der Pulli, den ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein heute anhatte. Immerhin war der Endspurt des Skiathlon sehr spannend. Zuvor gönnte ich mir noch eine knappe Stunde Snowboard-Slopestyle der Damen, die neueste Errungenschaft von Winter-Olympia. Fesche Mädels und hohe Sprünge statt bärtiger Typen im Unterholz. "Sie mag mexikanisches Essen und harten Punkrock, liebt es also scharf und laut", sagt der Reporter über die finnische Silbermedaillen-Gewinnerin Enni Rukajärvi. Wenn das mal nicht TV-gerecht ist.

Dirk Brichzi

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