TV-Doku "Muhi" Alle fünf Minuten bricht einem das Herz

Weil er in Gaza nicht medizinisch versorgt werden kann, muss der kleine Muhammad nach Westjerusalem - und strandet dort auf Jahre zwischen den Fronten. Die Doku "Muhi" fängt seine einzigartige Geschichte ein.

ZDF/ Rina Castelnuovo-Holland

Von


In der katholischen Theologie gibt es die Idee des Limbus. Es ist ein Vorhof zur Hölle, an dem Seelen sich aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind. Muhi ist ein kleiner Junge. Er bewohnt diesen Ort, seit er denken kann. Er darf nicht zu seiner Familie, weil er sonst stirbt. Und seine Familie darf nicht zu ihm, weil sie sonst ebenfalls gefangen ist. Muhi hat keine Hände und keine Füße mehr. Nur sein Großvater harrt an seiner Seite aus.

Eine fiktive Geschichte über einen solchen kleinen Jungen würde man zurückweisen, empört über die sadistische Vorstellungskraft ihrer Urheber. Mit "Muhi" ist das nicht möglich. Die Geschichte ist wahr.

Muhammad, genannt Muhi, gesprochen "Muchi", leidet unter einer seltenen Autoimmunkrankheit. Als Kleinkind kam er ein israelisches Krankenhaus, wo ihm die Ärzte zwar nicht die Gliedmaßen, aber immerhin das nackte Leben retten konnten.

Mit Armen und Beinen nach Gaza

Zuhause in Gaza, wo sein Vater als Aktivist der Hamas tätig ist, würde Muhi wegen mangelhafter medizinischer Versorgung sterben. Seine einzige Bezugsperson ist der Großvater, Abu Naim. Der alte Mann mit dem weißen Bart darf aus gesetzlichen Gründen israelischen Boden nicht betreten. Es geht nicht vor und nicht zurück.

In diesem Limbus haben Rina Castelnuovo-Hollander und Tamir Edelmann über mehr als vier Jahre den Jungen begleitet. Am Anfang ist Muhi vier Jahre alt und hat seine Mutter seit zwei Jahren nicht gesehen, weil die palästinensischen Behörden ihr die Ausreise nicht erlauben. Sie klagt ihrem Vater am Telefon: "Er spricht hebräisch. Ich verstehe ihn nicht."

Das Augenmerk der Filmemacher liegt auf ihrem kleinen Helden, auf seinen Arrangements mit dem Schicksal. Seiner Kraft. "Warum haben sie meine Finger abgenommen?", will er von Abu Naim wissen. "Das ist von Allah", sagt der Großvater. Darauf das Kind, das so gern eines Tages "mit Armen und Beinen nach Gaza" gehen möchte: "Gott ist ein Untier".

"Für ihn ist es besser, wenn er nichts weiß"

Manchmal liegt die Kamera scheinbar endlos auf dem betrübten Gesicht des Jungen, wie er vor seiner Geburtstagstorte sitzt. Manchmal folgt sie ihm, wie er auf Prothesen durch die Gänge des Krankenhauses eilt.

Als dann doch einmal die Oma und die halbwüchsigen Onkel zu Besuch kommen, macht die Familie einen Ausflug mit dem Auto. Im Parkhaus, wo es dann auf dem Beton ein Picknick gibt. Der Besuch aus Gaza beharrt, es könne keinen Frieden geben zwischen den Völkern. Abu Naim verweist auf einen Israeli, den ehemaligen Soldaten Buma Inbar, der ihm mit den Behörden hilft: "Was nützt mir der Krieg?"

Fotostrecke

5  Bilder
"Muhi": Nicht Israeli, nicht Palästinenser

Wenn die Hamas wieder Raketen nach Israel schießt, denkt Muhi, dass die Sirenen zum Krankenhaus gehören. "Ich werde dem Jungen nicht sagen, dass zwischen uns ein Krieg tobt", erklärt der Großvater: "Für ihn ist es besser, wenn er nichts weiß".

So bricht einem dieser Film beinahe alle fünf Minuten das Herz, während er unmerklich den Fokus aufmacht - und den Nahostkonflikt in den Blick nimmt. Eine Vorhölle. "Blut", sagt Muhi entsetzt, als " Al Jazeera" Bilder von Trümmerbergen zeigt. Die Großmutter tröstet: "Das ist ganz, ganz weit weg", sagt sie. Das ist Syrien.

Und was ist mit der Hoffnung?

Zwar ist "Muhi" auch ein Film über die barbarischen Auswirkungen von Grenzen, Zäunen, Mauern. Er schlägt sich selbst aber auf keine Seite. Nur kurz kommen am Grenzposten israelische Soldaten in den Blick, nur kurz die Offiziere der Hamas.

Als Abu Naim nach Gaza reisen muss, weil sein Sohn nach einem Unfall im Sterben liegt, halten sie ihn fest, sperren ihn drei Tage ein, nehmen ihm alle Papiere weg. Der alte Mann war zu lange schon "in der Hand des Feindes". Der Vater des Kindes will wissen, ob es noch Hoffnung gibt. "Sie sagen immer, dass es Hoffnung gibt", erzählt der Großvater: "Die Juden sagen immer, das es Hoffnung gibt."

Auch Muhi weiß nicht, wer er ist. Mal plappert er jüdische Gebete nach, mal imitiert er die Gebete seines Großvaters. Mal schwenkt er die israelische Fahne und singt patriotische Lieder des Zionismus, mal preist er den "Allerbarmer". Einmal erklärt er zur Überraschung des jüdischen Freundes: "Ich liebe Bibi [Netanjahu]", und will wissen: "Beschützt er Gaza?" Der Israeli lächelt bitter: "Oh ja, er beschützt Gaza. Und wie!"

Einen Ausweg aus der Situation bietet der Film nicht. Tröstlich ist allein die Tatsache, dass es ihn überhaupt gibt. Und die ungebrochene Fröhlichkeit, mit der Muhi, am Ende acht Jahre alt, endlich in die Schule stelzt. Er will nicht mehr "Muhi" genannt werden. Sondern Muhammad.


"Muhi", Montag, 24.09.18, 22.25 - 23.50 Uhr, 3sat

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.