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"Dina Foxx": Rufmord im Netz

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TV-Experiment "Dina Foxx" Mord im ZDF, Lösung im Internet

Wir schludern mit unseren Daten - das ZDF führt jetzt vor, wie gefährlich das ist. Der TV-Krimi "Dina Foxx" ist sehenswert und kurios: Den Fall lösen die Zuschauer in einem dreiwöchigen Internetspiel - und hinterlassen dabei selbst verräterische Spuren.
Von Peer Schader

Eigentlich sollten Sie das hier gar nicht lesen. Wer weiß, wo Sie vorher wieder überall rumgeklickt haben. Und ob Ihr Mobiltelefon nicht gerade ein Bewegungsprofil anlegt und mit Ihrem Medienrezeptionsverhalten abgleicht. Das finden Sie paranoid? Dann lassen Sie am Mittwochabend den Fernseher besser ausgeschaltet, weil Ihnen sonst im ZDF eine junge Frau namens Dina Foxx in die Quere kommen könnte.

Die sitzt zwar gerade im Knast, erzählt ihrem Anwalt bei der ersten Begegnung aber nicht nur, dass sie Opfer einer digitalen Identitätsmanipulation geworden ist, sondern - wie frisch aus der Volkshochschule gefallen - auch noch, dass wir alle viel zu leichtsinnig mit unseren Daten umgehen. Sonst wäre sie ja nicht in dieser beknackten Situation: von der Staatsgewalt eingekerkert, weil sie ihren Freund ermordet haben soll. Nach 45 Minuten endet der Film abrupt, und eine Stimme, die wohl offiziell klingen soll, sagt: "Das ZDF enthält sich jeder Stellungnahme. Helfen Sie Dina Foxx. Finden Sie den Mörder!"

Also: Wenn Sie um kurz nach Mitternacht nicht schon ein bisschen müde für eine Verbrecherjagd sind.

"Wer rettet Dina Foxx?"  heißt das Experiment, zu dem sich das ZDF entgegen der Behauptung gerade ganz und gar nicht einer Stellungnahme enthalten mag - im Gegenteil: Mit ungeheurem PR-Aufwand promotet der Sender den Auftakt seines "Cross-Media-Projekts", bei dem Realität und Fiktion miteinander verschmelzen sollen, um das Schlechteste aus unserem Umgang mit den neuen Medien herauszudestillieren, nämlich dass wir die Kontrolle über unser eigenes Handeln an andere abgeben.

Schauspielerin Jessica Richter spielt in dem bisweilen arg erzieherischen Film die NGO-Aktivistin "Datagrrl", die einen PR-Job bei einer umstrittenen Internetfirma annimmt, welche einen digitalen Radiergummi fürs Netz erfunden haben will. Als Dinas Freund einem massiven Datenmissbrauch auf die Schliche kommt, wird er beseitigt, und Dina kriegt die Schuld in die Schuhe geschoben. Wie der Fall ausgeht, löst das ZDF online auf.

Neuartig - für den Sender

Was der Sender als "neuartiges Format" verkauft, ist allerdings gar nicht so neu - außer: fürs ZDF selbst. Zum einen würde "Wer rettet Dina Foxx?" völlig autark als Netzprojekt funktionieren. Dass zusätzliche Sendezeit im klassischen TV-Programm geopfert wird (am Mittwochspätabend nach dem Fußballspiel, weil dann viele junge Leute ZDF gucken, glaubt der Sender), ist wahrlich keine Revolution. Und steht hinter einem ähnlichen Projekt zurück, das der SWR bereits im vergangenen Jahr über alle Medienplattformen spielte: Bei "Alpha 0.7 - Der Feind in dir"  ging es ebenfalls um Datenkontrolle und Manipulation, allerdings in die Zukunft versetzt und noch um einiges drastischer dystopisiert.

Begleitend zur TV-Reihe, in der die Geschichte der Hauptprotagonistin erzählt wurde, liefen im Radio Features mit Nebenhandlungssträngen, im Internet sollten Blogs der Protagonisten, täuschend echt gestaltete Firmenwebsites und YouTube-Videos dafür sorgen, dass "Alpha 0.7" wie versprochen zum "Universum" wird.

Ganz ähnlich funktioniert jetzt auch "Dina Foxx", allerdings ohne Inhalte vom Internet wieder in andere Medien zurückzuspiegeln. Wenn die Zuschauer einmal ins Netz geleitet wurden, sollen sie da auch bleiben. Mehr Sendezeit wollte man in Mainz offensichtlich nicht freigeben, nicht mal beim Jugendkanal ZDFneo.

Deutlich weiter trieb es das schwedische Fernsehen vor vier Jahren mit seinem Experiment "The Truth about Marika" , einer vom Fernsehen initiierten und ins Internet verlagerten Vermisstensuche, die wieder zurück ins Fernsehen geholt wurde, um die Zuschauer mit einer komplex verschachtelten Wirklichkeitsbehauptung zu irritieren - als "Alternate Reality Game", das die Nutzer medienübergreifend einbezieht.

Trotzdem ist "Dina Foxx" fürs ZDF ein absolut lohnenswertes Experiment, weil die Zuschauer auch hier selbst zu Ermittlern werden können. Dafür hat sich der Sender mit jungen Kreativen aus dem Berliner UFA Lab zusammengetan, wo über digitale Unterhaltungsformen gebrütet wird.

Achten Sie auf Ihre Daten - außer wenn das ZDF sie will

In den vergangenen Monaten hat das Team eine Art Drehbuch für die Charaktere erarbeitet, die man als Zuschauer im Auftaktfilm kennenlernt, und die nachher mit ihren Aktionen im Netz weiterleben. Projektentwickler Kristian Costa-Zahn vom UFA Lab sagt: "Für das Spiel haben wir die Charaktere verschiedenen Personen aus unserem Team zugeteilt, die sich dann entsprechend verhalten." Es gibt exakte "Style Guides", weil die Figuren unterschiedlich schreiben, und dramaturgische Vorgaben für jeden Tag. Sie laden Videos hoch, kommentieren in Blogs, schreiben bei Facebook. Drei Wochen soll das Spiel dauern. So lange dient das UFA Lab in Kreuzberg als Steuerzentrale, aus der über die Website der Datenschutzaktivisten (www.freidaten.org ) jeden Tag neue Rätsel übermittelt werden. Die Spieler müssen im Netz nach Hinweisen suchen, auf Websites und Social-Media-Profilen, in Flickr-Fotoalben oder YouTube-Videos Details entdecken und diese kombinieren.

"Als Fernsehproduzent gibt man irgendwann ein fertiges Sendeband ab - das geht bei uns natürlich nicht. Das Team ist bis zum Ende des Spiels Teil der Narration und arbeitet als Geschichtenerzähler", sagt Costa-Zahn.

Es gibt zwei Schwierigkeitsgrade: einen für erfahrenere Spieler, einen für Anfänger. "Wenn man möchte, kann man sich theoretisch mehrere Stunden mit dem Spiel beschäftigen", erklärt Costa-Zahn. "Wir gehen aber davon aus, dass die meisten maximal eine Stunde pro Tag Zeit haben." Und wer einfach nur wissen will, wie die Geschichte ausgeht, kann sich Videozusammenfassungen mit den neusten Entwicklungen ansehen.

Als Botschaft im öffentlich-rechtlichen Sinne geht es während des Projekts darum, die Teilnehmer dafür zu sensibilisieren, sorgsam auf die eigenen Daten zu achten - oder sich zumindest der möglichen Konsequenzen bewusst zu werden, wenn man sein halbes Leben ins Internet kippt.

Das Kuriose daran ist, dass das ZDF die Nutzer allein durch ihre Teilnahme am Spiel zum Gegenteil animiert, weil sie bei ihrer Spurensuche im Netz selbst Spuren hinterlassen. In drei großen Städten ist zudem ein gemeinsames Live-Rätsel geplant, das die Spieler über die Lokalisierungsfunktion ihres Handys lösen können. Wenn das ZDF die Erlaubnis gibt, scheint das mit der Herausgabe der eigenen Daten also okay zu sein. Oder es handelt sich dabei auch wieder um eine Botschaft, die eigentlich das Gegenteil erreichen und darauf abzielen soll, die Skepsis gegenüber öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zu stärken.

Das wäre, zum Beispiel wegen des Datenhungers einer gewissen Gebühreneinzugszentrale, geradezu revolutionär selbstkritisch. Aber vielleicht ist das dann doch eine Alternativrealität zu weit gedacht.


"Wer rettet Dina Foxx?", ZDF, Mittwoch, 23.20. Danach ist der Film in der ZDF-Mediathek  abrufbar. Das Spiel startet in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf freidaten.org