TV-Film in der Krise Quatsch mit Quote

Die Fernsehfilm-Saison hat wieder begonnen, aber so richtig freuen will man sich nicht: ARD, ZDF und Co. pumpen Millionenbeträge in Eigenproduktionen - auf den besten Sendeplätzen landen indes nur seichte Schmonzetten und laute Eventmovies. SPIEGEL ONLINE zeigt, was bei den Sendern schief läuft.
Von Christian Bartels und Peter Luley

Immer umfangreicher werden die Enthüllungen im Fall der NDR-Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze; immer kuriosere Details kommen ans Licht über phantasievoll ausgeschmückte Biografien nicht existierender Drehbuchautoren. Angesichts der dringend nötigen Debatte über Vetternwirtschaft und "geschlossene Systeme" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen droht allerdings ein anderer Aspekt des Themas in den Hintergrund zu rücken: Welche Filme dieses System eigentlich hervorbringt.

Die Quantität ist immer noch äußerst eindrucksvoll, die Qualität oft bestürzend. Wichtig wären gute, gehaltvolle, gewagte Inhalte - und die Courage der Programmplaner und Fernsehfilmchefs, sie dann auch einem breiten Publikum zu zeigen. Wer genau für langweilige Drehbücher kassiert, ist dagegen fast schon zweitrangig. Jedenfalls sollten die nach dem Aufklärungsprozess nötigen Aufräumarbeiten dazu genutzt werden, den drohenden Verfall der ehemaligen Königsdisziplin Fernsehfilm aufzuhalten.

Passend zur Bekanntgabe der Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis und pünktlich zum Beginn der Herbstsaison, in der öffentlich-rechtliche und private Sender wieder jede Menge Herzschmerz- und Krach-Bumm-Eskapismus auf die Bildschirme schicken, hat SPIEGEL ONLINE eine Bestandsaufnahme in zehn Thesen verfasst.

Fernsehfilme sind langweilig …

ProSieben-Film "Crashpoint": Königsdisziplin des Fernsehens? Von wegen ...

ProSieben-Film "Crashpoint": Königsdisziplin des Fernsehens? Von wegen ...

Foto: ProSieben

Die "Königsdisziplin" des Fernsehens, wie der kürzlich in den Ruhestand gegangene Fernsehfilmchef des ZDF, Hans Janke, gerne sagte, ist der Fernsehfilm längst nicht mehr. Eher eine Verwaltungsinspektoren-Disziplin, deren Wahrnehmung sich im Marktsegment Mittelklasse eingerichtet hat. Billiger herstellbare Doku-Soaps und Reality-Shows erregen viel mehr Aufmerksamkeit. Das hat auch damit zu tun, dass die meisten der immer noch sehr zahlreichen Fernsehfilme todlangweilig sind.

… und wenn nicht, merkt es meist niemand.

Szene aus dem ARD-Film "Shoppen": Im Hauptabendprogramm keine Chance?

Szene aus dem ARD-Film "Shoppen": Im Hauptabendprogramm keine Chance?

Foto: BR

Natürlich gibt es unter den rund 200 90-Minütern, die im deutschen Fernsehen pro Jahr produziert werden, mehr als eine Handvoll gute. Da gibt es exzellente Einzelfilme wie "Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" oder "Haus und Kind" (beide ARD). Die Arbeiten von Dominik Graf und Stefan Krohmer, die Fernsehverantwortliche regelmäßig als Qualitätsnachweise anführen (demnächst: "Dutschke" von Krohmer im ZDF, "Im Angesicht des Verbrechens" von Graf in der ARD), sind tatsächlich hochwertig und spannend.

Genauso wichtig, aber längst nicht so prominent plaziert, sind die Nachwuchsreihen. Kleine Kinoerfolge wie "Shoppen" (Debüt im Ersten) und beseelte Drehbucherstlinge wie "Schwesterherz" von und mit Heike Makatsch (ZDF-Reihe "Gefühlsecht") sind professionell gemacht und keineswegs über die Maßen avantgardistisch. Im Hauptabendprogramm laufen sie trotzdem nicht.

Denn Perlen werden im Programm versteckt.

ARD-Talker Beckmann: In der Sommerpause gibt's Filme statt Geplauder

ARD-Talker Beckmann: In der Sommerpause gibt's Filme statt Geplauder

Foto: NDR / Morris Mac Matzen

Was auch nur geringfügig von Fernsehkonventionen abweicht, gilt als Wagnis, und die wenigen Wagnisse werden auf geradezu groteske Weise versteckt. Die Debütreihen werden in den Sommerpausen der Talkshows auf den Late-Night-Plätzen versendet und noch dazu oft erst nach 23 Uhr. Dass sie dann keine tollen Marktanteile erreichen, versteht sich von selbst. Fernsehen funktioniert schließlich über gelernte Sendeplätze. Sogar ZDF-Zuschauer wissen genau, wann Kerner, Lanz und Beckmann kommen, und sind irritiert, wenn plötzlich andere Programmfarben auftauchen.

Die Themeneinfalt erzeugt Überdruss.

ARD-Film "Folge Deinem Herzen": Es muss nicht immer Afrika sein ... oder?

ARD-Film "Folge Deinem Herzen": Es muss nicht immer Afrika sein ... oder?

Foto: ARD

Den Ausnahmen steht ein Inferno der Dutzendware zur Primetime gegenüber - Mainstream, der, selbst wenn nicht schlecht gefilmt, durch die thematische Einfalt Überdruss verursacht. Unglaublich etwa, wie viele "starke Frauen" das deutsche Fernsehen nach Afrika schickt, seit sich Südafrika als preiswerter und schön anzusehender Drehort etabliert hat: Christine Neubauer ("Afrika im Herzen", "Für immer Afrika"), Katja Flint ("Stürme in Afrika"), Hannelore Elsner ("Mein Herz in Afrika"), demnächst Hannelore Hoger ("Ellas Geheimnis"). Veronica Ferres drehte kürzlich auch dort - allerdings ist die Handlung von "Gesang der Wale" ausnahmsweise in Neuseeland angesiedelt …

Die Schmonzetten-Konjunktur wird langsam unheimlich.

Szene aus "Inga Lindström" (mit Gaby Dohm, Peter Sattmann): Keine Schnulzen-Krise in Sicht

Szene aus "Inga Lindström" (mit Gaby Dohm, Peter Sattmann): Keine Schnulzen-Krise in Sicht

Foto: ZDF

Leider - sieht man vom Aspekt der Arbeitsplätze ab - ist hier keine Krise in Sicht. Im Bereich der seichten Fernsehschmonzetten kommen unermüdlich Neuproduktionen zum eifrig ausgewerteten Altbestand hinzu. Die Drehstartmeldungen der Sender vermitteln davon einen plastischen Eindruck. In den vergangenen Wochen entstanden zum Beispiel: die ARD-Komödie "Gräfliches Roulette" mit Fritz Wepper, eine neue Folge der ZDF-Sonntagsreihe "Meine wunderbare Familie" mit Tanja Wedhorn und Patrick Fichte, die ARD-Komödie "Die Hüttenwirtin" mit Christina Plate.

Die Schauspielerin Lara Joy Körner verkörperte erst eine Klagenfurter "Auktionatorin aus Leidenschaft" ("Lilly Schönauer - Verliebt in einen Unbekannten", ARD) und anschließend "eine der besten Sport-Seglerinnen Schwedens" ("Inga Lindström: Das Herz meines Vaters", ZDF). Und so weiter und so fort. Das Vorhersehbarkeitsfernsehen blüht und gedeiht. Dazu gehört im Übrigen auch das Jahrestagsfernsehen, das gerne mit ergänzender Doku gezeigt wird und pflichtschuldig anstehende Jubiläen abarbeitet. Demnächst in dieser Sparte zu sehen: der gefühlsduselige ARD-Film "Jenseits der Mauer" (30. September).

Die Krimischwemme killt den Kriminalfilm.

Allgäu-Krimi "Erntedank" (mit Herbert Knaup): Hauptsache Krimi

Allgäu-Krimi "Erntedank" (mit Herbert Knaup): Hauptsache Krimi

Foto: BR

Das Gegengewicht zum Seichten bildet die Krimischwemme. Es gibt die Samstagskrimis des ZDF, die Sonntagskrimis der ARD und die Schwedenkrimis, die ARD und ZDF am späteren Sonntagabend zeigen. Regionen, bei denen es nicht für "Tatort"- oder "Polizeiruf 110"-Schauplätze reicht, bedenkt der Bayerische Rundfunk mit Regionalkrimis für sein Drittes (z.B. der Allgäu-Grusel "Erntedank"). Und wenn man auf dem Montagsfilm-Termin des ZDF nicht Ermittlerinnen wie Mariele Millowitsch als Hauptkommissarin Marie Brand begegnet, dann spiegeln sich oft auch in schweren Dramen (wie in "Bis an die Grenze", 7. September, ZDF) hochkomplizierte Familienvorgeschichten in dramatischen Außenhandlungen, so dass ebenfalls Krimispannung herrscht - beziehungsweise herrschen soll. Aber auch hier kommen materielle Sorgen oder soziale Probleme kaum öfter vor als bei Inga Lindström und Rosamunde Pilcher.

Gute Schauspieler allein reißen's nicht raus.

Ensemble-Drama "Im Schatten der Macht" (mit Michael Mendl): Gespieltes Gesichtsgulasch

Ensemble-Drama "Im Schatten der Macht" (mit Michael Mendl): Gespieltes Gesichtsgulasch

Foto: NDR / Ziegler Film

Natürlich sind viele Fernsehschauspieler, die in Kritiken so oft gelobt werden, wirklich gut - auch wenn man einige von ihnen lieber etwas seltener in besser ausgewählten Filmen sähe. Aber ihre Leistungen sind verschenkt im gängigen Stilmittelmix aus Dialogen, die keine Fragen offen lassen, Mimik, die dieselben Fragen noch mal klar beantwortet ("Gesichtsgulasch" nennen leidgeprüfte Schauspieler diese Anforderung), und der intensiven musikalischen Begleitung, die die erwünschten Emotionen auch solchen Zuschauern vermittelt, die zwischendurch mal aufs Klo müssen.

Krach-Bumm-Pakete sind auch keine Lösung.

RTL-Eventmovie "Vulkan": Aufkochen von Abenteuern

RTL-Eventmovie "Vulkan": Aufkochen von Abenteuern

Foto: RTL

Die Privatsender folgen angesichts von Wirtschafts- und Werbekrise noch rigoroser ihrer Programmfarbenlehre. Zwar realisieren sie vereinzelt durchaus mutige Stoffe, wie den erst von RTL, inzwischen von Sat.1 verantworteten Zweiteiler "Die Grenze", in dem sich Mecklenburg-Vorpommern unter einer rechtsextremen Partei vom Rest der Republik abspaltet. Vor allem aber tragen sie zur wachsenden Einfalt bei. Marktführer RTL hat gerade 20 Stellen in seiner Fiction-Abteilung gestrichen und beschränkt sich 2009/10 auf Krach-Bumm-Eskapismus und mythisierendes Aufkochen von Abenteuern: Angekündigt sind der Zweiteiler "Vulkan" (mit u. a. Matthias Koeberlin, Katharina Wackernagel, Yvonne Catterfeld, 18./19. Oktober) und "Die Jagd nach der heiligen Lanze" (u.a. mit Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann).

Sat.1 rühmt sich derweil zwar seiner Aktivität (Sendereigenwerbung: "Allein im Mai fünf Drehstarts im Bereich Fiction!") - doch dabei geht es vor allem um Titel wie "Im Brautkleid durch Afrika" mit Wolke Hegenbarth (siehe Punkt 4). Senderschwester ProSieben schnürt unterdessen ein Movie-Paket namens "Thrill Time", das im Sinne der hauseigenen Programmpolitik an den eingeführten "Mystery-Montag" anknüpfen soll, aber einfach nur wirkt, als traute man den Filmen einzeln nicht über den Weg.

Das "Event" wird zum Feind des Ereignisses

Der Trend zur "Eventisierung", den 2001 die Privaten lostraten ("Der Tunnel", Sat.1), läuft und läuft und läuft ... sich langsam tot. Nach einer Welle arg ähnlich gelagerter Zweiteiler auf allen Kanälen ("Die Luftbrücke", "Die Sturmflut", "Dresden") herrscht Event-Müdigkeit, die sich in langsam, aber stetig sinkenden Zuschauerzahlen und trotzigem Festhalten an immer gleichen Rezepten ausdrückt. ProSieben-Fiction-Chef Christian Balz kündigte anlässlich der Reihe "Thrill Time" an, "einen Movie-Slot mit solch einer Event-Dichte" habe es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. Doch gerade die Dichte der vielen Untergangs-, Absturz-, Einsturz- und Ausbruchs-Szenarien steht dem Ereignischarakter im Weg.

Was ARD und ZDF wenigstens tun müssten ...

ARD-Produktion "Die Nonne und der Kommissar": Schmonzette im Krimi-Format

ARD-Produktion "Die Nonne und der Kommissar": Schmonzette im Krimi-Format

Foto: SWR

Zu allem Überfluss sind die Programmmacher zwar beinhart beim Programmieren von Schmonzetten und Krimis - aber nicht, wenn es um die als anspruchsvoll deklarierten öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmtermine geht. Bei ARD und ZDF laufen mittwochs und montags Filme, die auf den explizit anspruchslosen Terminen beider Sender, beim ZDF sonntags und in der ARD freitags, genauso laufen könnten. Wer sich für ambitionierte Filme interessiert und stattdessen "Die Nonne und der Kommissar" mit Ann-Kathrin Kramer und Günther Maria Halmer ansah, wird so schnell nicht wieder mittwochs zur ARD schalten.

Dringend nötig wäre es, Sendeplätze zu etablieren, auf denen regelmäßig mutige, junge, gute Filme ihr Publikum finden können (und umgekehrt). Zurzeit fehlen solche Sendeplätze - auch bei den Kultursendern 3sat und Arte, sogar in den digitalen Spartenkanälen wie EinsPlus und ZDFtheaterkanal. Und: Womöglich lässt sich der Anteil der Dramolette und Schmonzetten ja wenigstens unter die gefühlte 50-Prozent-Marke der Gesamt-Produktion drücken.

Die schizophrene Praxis, mit massenweise Quatsch Quote zu generieren, um Gebührengelder zu legitimieren, die eigentlich für das Gegenteil erhoben werden - dürfte jedenfalls gern mal eingestellt werden.