Fotostrecke

TV-Film "Männer ticken, Frauen anders": Wen das Rudel beißt

Foto: ZDF

TV-Film "Männer ticken, Frauen anders" Chef, ich brauch' mehr Macht!

Wirtschaftskrimi oder Geschlechterkomödie? Der gelungene ZDF-Film "Männer ticken, Frauen anders" schmeißt die Genreregeln über den Haufen und erzählt so präzise wie unterhaltsam über den Kampf einer Frau um eine Chefposition in der Wirtschaft.
Von Daniela Zinser

Sieben Punkte sind es, für die man diesem ZDF-Film am Donnerstag ein Top-Rating ausstellen muss. Denn positive Kritik, so lehrt es jedes Führungskräfteseminar, bringt so viel mehr als negative, die macht nur die Märkte nervös. Deshalb wird hier nun mal kräftig gelobt in der Hoffnung, dass es viel, viel mehr solcher Ideen in deutsche Filme schaffen und alles nur noch AAA ist, mindestens. Nun, die Wirtschaftsanalogien erschließen sich gleich.

Der Titel: "Männer ticken, Frauen anders". Für einen deutschen Fernsehfilm ist das geradezu waghalsig unverständlich, irgendwie ironisch, völlig frei von Herz, Liebe, Sommer und Entflammen. Und sogar eine leichte Geschlechterkritik klingt an. Der Titel ist wie auch das Filmgenre offen - Liebe ist mit dabei, Sozialdrama, Krimi, aber auch Komödie.

Die Story: Was Autor und Regisseur Rolf Silber sich ausgedacht hat, ist topaktuell. Ratings, Wirtschaftskriminalität, Heuschrecken, Frauenquote, Überwachung - alles drin. Alice Tanner, Chefanalystin einer Frankfurter Rating-Agentur, will Chefin werden, muss dabei aber gegen zwei männliche Konkurrenten kämpfen, und dann kommt auch noch ein dritter hinzu. Der ist blöderweise nicht nur nett, sondern wird auch auf das gleiche Unternehmen wie sie angesetzt. Er soll ein Gegengutachten erstellen, weil sie, auch blöd, mit dem Chef der Firma, die sie prüfen soll, ins Bett gegangen ist und der ihr zum Dank nun misstraut.

Die Hauptdarstellerin: Endlich mal wieder eine Rolle für Julia Koschitz. Als Dr. Hassmann war sie in "Doctor's Diary" das alleinerziehende, zynische Gegenstück zu Gretchen Haase. Nun darf sie als Alice Tanner in einem Rutsch eiskalt-karriereorientiert, fragend-emotional und böse-lustig sein. Man glaubt ihr alles. Vor allem aber die Frage: Muss ich bei diesem Jungsspiel mitmachen, mit allen Mitteln, auch wenn man ganz schön einsam wird dabei? Immer stärker zweifelt sie daran und sieht erschrocken, was die Branche aus so manchem machen kann. Etwa, wenn Kollegen sich auf der Toilette selbst anbrüllen mit Motivationsmantren dieser Art: "On top, immer on top, immer den Kern beschützen".

Das Frauenbild: Hier ist nichts süßlich, sondern alles handfest. Statt heulend billigen Rotwein auf durchgesessenen Sofas zu trinken, gibt es hier deftige Sprüche auf Hartschalensitzen an der Bowlingbahn. Als Ventil für Aggression und Einsamkeit werden Pins umgehauen, ein Strike nach dem anderen. Der Chef sieht Alice als "Provokation fürs Rudel", fordert aber zugleich völlige Selbstaufgabe im Beruf und fragt sich trotz allem, ob sie überhaupt normal sein kann, so als Frau, die nichts als ihren Job im Kopf hat. Da reflektiert Alice durchaus ihr Tun, entdeckt die Moral, ohne aber plötzlich ein Waisenhaus in Afrika gründen zu wollen. Die Wandlung bleibt plausibel. Die Frauen sind hier nicht nur entweder Seelchen oder kühle Macherinnen, der Film lässt Facetten zu.

Die Nebenfiguren: Auch hier sind die Frauen stark, ohne zickig zu sein. Ausgerechnet die so gemütlich-naiv wirkende Freundin Elfie (Floriane Daniel) hat die Idee, eine Wanze im Männerklo der Rating-Agentur zu verstecken, um herauszufinden, was die Männer aushecken. Die ehemalige Viva-Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi, vietnamesischer Herkunft, spielt Alices Halbschwester Lan, die sich als neue Sekretärin einschmuggelt, was viele schöne Migrationshintergrundwitze provoziert. "Gelbworscht" und "Handkäs", wie Lan und Alice sich gegenseitig nennen, decken reichlich Intrigen innerhalb und außerhalb des Büros auf und entlarven den Oberchef (herrlich schmierig: Dietrich Hollinderbäumer). Unerwartete Hilfe bekommen sie von Tim Bergmann als neuem Kollegen.

Die Dialoge: Messerscharf sind sie. Als Alice sich ärgert, ein One-Night-Stand mit dem Kunden sei "so unprofessionell", entgegnet Schwester Lan: "Ich würde mir eher Sorgen machen, wenn du professionell...". Und auf die Frage des neuen Kollegen, ob sie im Sekretariat arbeite, kontert Alice: "Und Sie sind für die Klimatechnik zuständig?" Von dieser Sorte Humor gibt es reichlich.

Die Liebesgeschichte: Ist eigentlich keine. Den ersten Sex gibt es hier nicht nach exakt 45,5 Minuten. Auch die kompletten 90 Minuten des Films reichen nicht. Denn die Annäherung zwischen Alice und dem neuen Kollegen ist nicht nur völlig kitschfrei, sondern auch realistisch. Erst mal beschnuppern, reden, streiten, schweigen, sich Vertrauen hart erarbeiten, die Bösen ausschalten, ein paar Strikes werfen, einen Mordanschlag überstehen. Die Liebe kommt dann nach dem Abspann. Allein dafür gibt es AAA.


"Männer ticken, Frauen anders", ZDF, 20.15 Uhr

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.