TV-Folter Französische Doku-Show geht an die Schmerzgrenzen

Fernsehunterhaltung tut weh - und verroht. Das wollen die Macher einer französischen TV-Sendung beweisen. In einer inszenierten Doku-Show sollen Kandidaten einen Zuschauer foltern. Erschreckende Einsicht: Über zwei Drittel machen mit.

AP/ France 2

Paris - Das Experiment stammt noch aus den Sechzigern. Damals hatte der US-Psychologe Stanley Milgram an der Yale-Universität männliche Testpersonen auf Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft getestet. Die Teilnehmer stellten einem Darsteller Fragen: Antwortete er falsch, wurde er von ihnen unter Strom gesetzt. Auch wenn der Schauspieler die Schmerzen nur spielte: Das Ergebnis sorgte für Aufruhr und galt als Bestätigung für die Macht der Gruppe über den Einzelnen.

Jetzt zeigt der französische Staatssender France 2 die Sendung "Jeu de Mort", zu deutsch: "Todesspiel". Darin wird ein Kandidat eines fingierten Ratespiels ebenfalls gefoltert. Auch diesmal machen die meisten Teilnehmer mit: Über zwei Drittel der insgesamt 80 Testpersonen aus verschiedensten Milieus waren bereit, dem Mann extrem schmerzhafte Stromstöße zu verabreichen.

Die Sendung wurde von Christophe Nick und Michel Eltchaninoff produziert. Die beiden Journalisten und Filmemacher haben auch ein Buch zum Thema veröffentlicht. "Die Erfahrung des Extremen" heißt das Werk, das die Macht des Fernsehens über unser Bewusstsein anprangert, vor allem die Perversionen des Reality-TV.

Die fiktive Doku-Show wird von France 2 nicht unkommentiert auf den Mediennutzer losgelassen: Auf der Web-Seite des Senders findet im Anschluss eine Debatte mehrerer Experten statt, am Donnerstag folgt die Dokumentation "Le temps de cerveau disponible" ("Die Ära des verfügbaren Gehirns"). Sie rollt die Geschichte von Grenzüberschreitungen im französischen Fernsehen seit den achtziger Jahren auf.

Nick und auch die Verantwortlichen von France 2, die das Projekt begleitet haben, seien geschockt von dem Resultat gewesen, berichtet die französische Tageszeitung "Le Monde". "Was das 'Todesspiel" über das Fernsehen und die menschliche Seele aussagt, jagt einem Kälteschauer über den Rücken", wird die Dokumentarfilmredakteurin Patricia Boutinard-Rouelle zitiert.

Für den Autoren und Journalisten Jean-Claude Guillebaud ist das Ergebnis beredter als die meisten Abhandlungen zum Thema: "Die letzte Schritt zur Gewinnung der Zuschaueraufmerksamkeit wird der tatsächliche Mord sein."

dan



insgesamt 3 Beiträge
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Fabian G, 18.03.2010
1. journalisten
so kommen die netz-hippies den journalisten immer näher.... /sarkasmus off
Magna 18.03.2010
2. Der Mensch ist
eben so wie er ist. Bestes Beispiel Otto Schillys Metamorphose. Deshalb ein Bedarf an unabhängigen Medien von denen aber schon lange nicht mehr viel zu spüren ist.
prenzberger 18.03.2010
3. Titel, bitte.
Zitat von Fabian Gso kommen die netz-hippies den journalisten immer näher.... /sarkasmus off
Ich dachte gerade das selbe, nur mit Grünen statt Journalisten. Aber das überschneidet sich ja mittlerweile ziemlich.
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