Vatersuche als Reality-Format Hose runter, Spermatest!

"Labor of Love" ist eine Dating-Show, die nicht so tut, als wolle hier wer die wahre Liebe finden. Gesucht wird stattdessen ein Kindsvater. Die guten Momente sind wahres Trash-Gold - und trotzdem schlimm.
"Labor of Love"-Teilnehmerin Kristy Katzmann: die final zu befruchtende Frau

"Labor of Love"-Teilnehmerin Kristy Katzmann: die final zu befruchtende Frau

Foto: ©20thCentFox/Courtesy Everett Collection/ picture alliance / Everett Collection

Sie sehen im "Bachelor" die brutalste Massenbrautschau aller Zeiten? Sie lehnen "Germany's Next Topmodel" als gruselige Mädchendrillanstalt ab? Dann wappnen Sie sich: Es kommt noch schlimmer, anderswo laufen noch wildere Formate. In unserer Rubrik "Die Globalisierungs-TV-Kritik" berichtet SPIEGEL-TV-Expertin Anja Rützel von den schönsten und schrecklichsten Auswüchsen auf dem internationalen Fernsehmarkt.

Es beginnt mit einem Ejakulier-Wettbewerb. Gerade haben sich die Kandidaten von "Labor of Love" in der ersten Folge kennengelernt, sie vollführen nach klassischer Trash-TV-Männchenart erste Plustermanöver und metaphorische Revierbepieseleien, dazu gibt es Drinks, es ist die obligatorische Party-aus-der-Hölle-Eröffnung, wie man sie eben aus Dating-Formaten wie dem "Bachelor" und "Love Island" kennt.

Bis Kellner mit Tabletts herumgehen, von denen sie kleine Plastikbecher an die Männer verteilen. Nacheinander werden sie in einen Container gebeten, mit schwiemeligen Worten wird abgefragt, wann sie zuletzt masturbiert haben. Denn "Labor of Love" behauptet ausnahmsweise nicht, hier seien Menschen ernsthaft auf der Suche nach der großen Liebe - hier will eine Frau einen geeigneten Vater für ihr zukünftiges Kind finden. Also Hose runter, Spermatest!

Sehr vieles ist irritierend an diesem neuen TV-Format, das gerade auf dem US-Sender Fox läuft, am meisten vielleicht die patent-forsche, fast etwas geschäftsmäßig-abgeklärte Nonchalance, mit der Kristy Katzmann, 41, zuschaut, wie ein Mann nach dem anderen im Juckel-Container verschwindet.

Die Samenspender-Legende

Sie ist die "Mother to be", die final zu befruchtende Frau, die sich (so erzählt es ihre Casting-Schnurre), als ihre Ehe nach sechs Monaten scheiterte, ausgiebig mit diversen Methoden beschäftigte, Mutter zu werden. Kirsty dachte über Samenspenden und Co-Parenting nach, ließ vorsorglich ihre Eier einfrieren und bekam schließlich, so will es zumindest die Legende, von einer Freundin den Casting-Aufruf von "Labor of Love" zugemailt (der angeblich wohlmeinende, in Wahrheit aber schlicht übergriffige Mensch aus dem Freundeskreis, der beherzt und heimlich die Bewerbung ausfüllt, ist ein ebenso beliebter wie grusliger Trash-TV-Topos). Tatsächlich war Kristy 2007 bereits Kandidatin in der elften Staffel des US-"Bachelor", damals schied sie in der fünften Folge aus.

Kristin Davis und Kristy Katzmann: "I don't see us starting a family together"

Kristin Davis und Kristy Katzmann: "I don't see us starting a family together"

Foto: ©20thCentFox/Courtesy Everett Collection/ picture alliance / Everett Collection

In "Labor of Love" hat sie nun die Wahl aus 15 vorgeblich zeugungsfrohen Männern zwischen 36 und 46, alle davon bereit "to skip the dating and go straight to baby-making", wie es Schauspielerin Kristin Davis formuliert, bekannt als bambihafte Charlotte aus "Sex and the City", die Kristy als Hybrid aus Vertrauter und Kommentatorin zur Seite steht.

Es geht hier also ganz dezidiert wirklich nicht um Verpaarung, sondern um die tatsächliche, körperliche Paarung, Mating statt Dating. Eine dazugehörige Beziehung, Liebe gar, scheint eher optional. Das ist erfreulich unkitschig, vor allem ungewohnt: Der Fokus des Formats liegt klar bei der allein entscheidungsbemächtigten Frau, die Männer sind – anders als bei der "Bachelorette" - eher Mittel zum Zweck. Die Produzenten von "Labor of Love" jubilieren direkt von "Female Empowerment". Das wirkt freilich überzogen, trotzdem ist diese Perspektive erst einmal bemerkenswert.

Sämtliche Märchenschnörkel wurden weggerümpelt

Kristys Männersortiment ist ein Mix aus Genre-treuen Auffälligkeiten und betont bodenständigen Figuren. Es gibt einen Ex-Wrestler und einen Tennislehrer, der sein Stofftier dabei hat. Dazu den obligatorischen Suffski, der die Sendung vor allem als Möglichkeit zum Gratis-Picheln zu sehen scheint. Aber es gibt eben auch einen Anästhesisten  ("He's a doctor!", gurrt Kristy), den Besitzer einer nachhaltigen Baseballschläger-Manufaktur, einen Optiker und einen Bestatter, (der, ein bisschen rührend, große Angst hat, allein zu sterben).

Von Anfang an hat Kristy das Gebärziel fest im Blick, ticktock-ticktock, bitte keine Zeit verlieren. Nicht nur spermamäßig geht es darum sofort ans Eingemachte, sie erzählt Matthew auch direkt beim ersten Date, dass sie bei dem Terroranschlag 2016 in Nizza direkt am Ort des Geschehens war und wie dieses Erlebnis ihren Blick aufs Leben verändert habe. 

Sämtliche Märchenschnörkel, aller Kitsch-Tinnef gängiger Datingformate wurde ebenfalls weggerümpelt, statt bei einer gnadenlos albernen Rosenvergabe erfolgen die Rauswürfe der ausgemusterten Nicht-Väter fast wie bei Erwachsenen: Kristy schiebt die Bilder der Männer, die eine Runde weiter sind, auf ihrem iPad in einen entsprechenden Ordner und bittet dann die Wackler zum finalen Einzelgespräch, alles geht sehr Excel-sachlich vonstatten.

Immerhin gönnt man Freunden der Trash-Folklore eine Catchphrase, mit der Kristy die Aussortierten hinauskomplimentiert: "I don't see us starting a family together."

Auch bei den Dates gibt es nicht die gewohnten Ritte auf dem Bananenboot, sondern Tests, die die Vater-Eignung der Kandidaten belegen sollen. Kaum dem Onaniercontainer der Auftaktfolge entstiegen, müssen die Männer etwa bei einem Campingtrip ihren Beschützerinstinkt beweisen: Es ist ein goldener Trash-Moment, als ein Mensch im Bärenkostüm 15-mal brummend und tatzenschwenkend aus dem Dickicht bricht, um zu testen, wie der jeweilige Mann Kristy im Falle einer Raubtierattacke verteidigen würde – die meisten Männer brauchen tatsächlich eine Weile, um den Lügenbären zu erkennen.

Bei anderen Tests müssen sie sich bei einer Party um fremde Kinder kümmern, man sammelt Pluspunkte, wenn man einen Ballondackel zusammenschnurzeln kann. In der nächsten Folge werden die Männer an einen Wehen-Simulator angeschlossen, um ihren Respekt für die Geburtsleistung zu mehren.

Natürlich ein grundschlimmes Format

Aber es gibt tatsächlich auch sinnvolle Tests, zum Beispiel Gruppengespräche darüber, wie die Männer sich die gemeinsame Elternschaft vorstellen. Wer hier direkt blökt, um die Erziehung solle sich gefälligst die Frau kümmern, und eigentlich wünsche man sich ganz unbedingt einen Sohn, fliegt erfreulicherweise prompt aus der Sendung.

In wenigen, stilleren Momenten denken die Teilnehmer über ihre Ideen vom Elternsein nach, über den eigenen Vater, der sich nicht um die Familie scherte: Was, wenn ich wie er werde, auch wenn ich das nicht will, fragt sich Keith, aber schnell ist diese Szene wieder vorbei – stattdessen gibt es reichlich Romcom-hafte Sofasequenzen, in denen die Eltern sämtlicher Beteiligten interviewt werden und Kalendersprüche aufsagen.

Mit seiner sonderbaren Dringlichkeit und der Reduzierung der Männer auf potenziell potente Zeugungswesen ist "Labor of Love" natürlich ein grundschlimmes Format. Allerdings tatsächlich nicht so schlimm wie gedacht (oder, je nach Gemüt, erhofft), sondern, zumindest gemessen an der Datingshow-Historie von Fox, fast schon dezent: Immerhin sendete man hier schon bizarre Dumpfigkeiten wie "I Wanna Marry, Harry" ein Datingformat, bei dem ein Prince-Harry-Double arglose Dümmelinchen vorführte.

Schlimm ist an "Labor of Love" nicht die Ausführung, sondern die Ausweitung der Krampfzone: Wenn Menschen sich im Fernsehen willent- und wissentlich selbst demütigen wollen, wenn sie beschließen, jemanden zu heiraten, obwohl sie sich gerade zum ersten Mal sehen – sei's drum. "Labor of Love" aber belastet zusätzlich ein noch nicht existentes Kind mit einer bizarren Entstehungsgeschichte, einer öffentlich vertrashten Zeugungsanbahnung.

Alan, der Gewinner der Sperma-Challenge aus Folge eins, bekam übrigens sogar einen Pokal für seine herausragende Ejakulatsgüte. Und flog drei Folgen später dann doch aus der Sendung, weil er Kristy mehrfach versehentlich "Cindy" nannte. Eine versöhnliche Botschaft dann doch: Potenz ist nicht alles.