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Maischberger-Talk: Akzeptanz? Mitnichten

Foto: Paul Zinken/ dpa

Maischberger-Talk über Homosexualität Wenn Worte wehtun

Werden in Baden-Württemberg demnächst die Kinder in der Schule schwul gemacht? Und muss man so eine dumme Frage überhaupt ernsthaft diskutieren? Man muss es offenbar. Immer wieder. Und geduldig wie Sandra Maischberger.

So einfach ist das also.

"Wir müssen nicht über die einzelnen Worte so viel nachdenken", sprach Hartmut Steeb ganz am Anfang der aktuellen Ausgabe von "Menschen bei Maischberger". Zur Debatte stand der gerade entstehende neue Bildungsplan in Baden-Württemberg, in dem vorgesehen werden soll, den Schülerinnen und Schülern jede denkbare sexuelle Orientierung als gleichwertig zu vermitteln, sowie die Online-Petition dagegen, in der befürchtet wird, es drohe nun eine "moralische Umerziehung" an den Schulen.

"Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?" betitelte die Maischberger-Redaktion ihre Sendung - und erntete Entrüstung bei Schwulen, Lesben, Trans- und Intersexuellen, denn: Sie hatte nicht so viel über die einzelnen Worte nachgedacht. Erstens, monierten die Nicht-Heteros, mache sich Maischberger mit dieser Wortwahl schon im Titel die Interpretation des Bildungsplans durch dessen Gegner zu eigen - keineswegs werde darin gefordert, zur Homosexualität zur erziehen, es ginge lediglich darum, sie als gleichwertig darzustellen. Und zweitens dürfe man Steeb sowieso kein Forum bieten, dem Generalsekretär der evangelikalen Deutschen Evangelischen Allianz, der jüngst in einer anderen Talksendung geäußert hatte, er sei froh, dass keines seiner zehn Kinder homosexuell sei. Und auch die Autorin Birgit Kelle (vierfache Mutter) solle Maischberger nicht auftreten lassen, denn sowohl Steeb als auch Kelle seien "notorische Homo-Hasser".

Keine Akzeptanz zu erwarten

Sandra Maischberger allerdings lud weder Kelle noch Steeb aus. Der produzierende WDR ließ stattdessen flugs Anführungszeichen in den Sendungstitel einflicken, damit klar werde, dass es sich dabei um ein Zitat aus der Online-Petition handle. Und so kam es, dass Steeb und Kelle auf dem Sofa saßen und also doch diskutierten: mit Olivia Jones, der dem TV-Publikum hinreichend bekannten kinderlosen Dschungel-Transe. Mit Hera Lind, Bestseller-Autorin und ebenfalls vierfacher Mutter. Und mit Jens Spahn (CDU), dem gesundheitspolitischen Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, übrigens schwul.

"Droht die Umerziehung?", fragte Sandra Maischberger also Hartmut Steeb, worauf der wie gesagt davon sprach, man müsse nicht über Worte so viel nachdenken, es ginge viel mehr um "das Gefühl, dass das Stichwort sexuelle Vielfalt ein Übergewicht bekommt". Dem widersprach Jens Spahn, es komme eben doch auf die Worte an, denn: "Worte tun weh." Die Petition tue so, als würden die Kinder in der Schule durch den Bildungsplan "schwul gemacht" - und das sei erstens nicht sein Inhalt. Und zweitens auch gar nicht möglich.

Birgit Kelle ging es, anders als ihrem Mitstreiter Steeb, erstens darum, dass der Staat den Eltern in die Erziehung hineinreden wolle, und zweitens sehr um ein ganz bestimmtes Wort: die im Bildungsplan geforderte "Akzeptanz" von nicht-heterosexuellen Lebensweisen. Während nämlich die bloße Toleranz, also die schlichte Duldung der anders Liebenden, völlig unproblematisch sei, bedeute Akzeptanz eine Zustimmung. Und das ist Kelle zu viel verlangt: "Sie können nicht Akzeptanz von mir erwarten."

Was solle eigentlich ein schwuler Jugendlicher denken, wenn Steeb darüber frohlockt, dass keines seiner Kinder homosexuell ist, will Spahn wissen? Dass es schlechter ist als andere? "Meine Eltern freuen sich übrigens, dass sie einen schwulen Sohn haben", sagt Spahn, im Übrigen habe er jedoch nichts gegen die Diskussion über den (so viel Parteipolitik muss dann doch sein) "überdrehten" Bildungsplan der "grün-roten Ideologen": "Ich bin froh über die Meinungsfreiheit", sodann an Steeb gerichtet, der auffällig um das Wohlwollen des CDU-Mannes bemüht scheint: "Und im Zweifel begegnen wir uns nach der Sendung nie wieder."

Maischberger hantiert mit Styropor-Penis

Auf der einen Seite: keine Akzeptanz zu erwarten. Auf der anderen Seite: die Forderung nach Akzeptanz. Und in der Mitte die Moderatorin Sandra Maischberger, die sich mehrmals darüber wunderte, dass es noch immer keinen gesellschaftlichen Konsens in Fragen der sexuellen Orientierung gibt. Dieser konnte selbstverständlich, auch unter Maischbergers bewundernswerter Aufbringung von Geduld, bei den hier anwesenden Menschen nicht hergestellt werden.

Wie sollte das auch möglich sein, wenn Steeb Homosexualität für nicht gleichwertig weil "nicht natürlich" hält und tatsächlich (wie in der Petition unterstellt) glaubt, die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen sei deshalb höher als bei heterosexuellen Altersgenossen, weil sie eben schwul sind - und nicht etwa, weil sie es nicht ertragen können, wie ihr Umfeld auf ihr Schwulsein reagiert. Dabei handle es sich um eine "Verkennung der Kausalzusammenhänge", konstatierte Spahn. "Da habe ich andere Erkenntnisse", sagte Steeb. Und so weiter und so fort.

Das war zwar recht munter debattiert, bildete dabei wohl auch eine immer noch existierende gesellschaftliche Realität ab, doch genauso gut wie mit Hartmut Steeb könnte man auch mit einer Wand diskutieren: Man wird beide nicht erweichen. Immerhin war dann noch Sandra Maischberger beim Hantieren mit einem Styropor-Penis zu betrachten ("Das ist auch nicht das, was ich am liebsten tue") und es wurden einige Anekdoten aus dem Leben der Anwesenden zum Besten gegeben: über das Coming-out von Jens Spahn, über die Lust an der Provokation von Olivia Jones, über die völlig entspannte Sexualaufklärung durch Hera Lind (ja, die war auch da), und über den Wunsch Birgit Kelles, die Aufklärung ihrer Kinder "selbst zu begleiten".

Und vielleicht ist das tatsächlich das einzige, was die gesellschaftliche Debatte voranbringen kann: sich gegenseitig die Angst zu nehmen, indem man von seiner subjektiven, völlig normalen Lebensrealität berichtet. Also gut, dann zum Abschluss noch schnell eine Geschichte aus dem Leben des Autors: Ein Kita-Kamerad meines Sohnes hat zwei Mamas. Die Kita steht noch.

So einfach ist das.