TV-Kritik zum 1. WM-Spieltag Kloppo und der Mistkäfer

Hohe Einschaltquoten, mal fundierte Analysen, mal dämliche Kommentare: Die Fußball-WM ist das TV-Ereignis schlechthin. Ein Team aus SPIEGEL-ONLINE-Autoren sieht und hört genau hin, wenn Netzer, Delling, Klopp und Co. zum Mikro greifen - und hält fest, was der Fernseh-Spieltag gebracht hat.

Kommentator Jürgen Klopp: Mist mit Käfer
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Kommentator Jürgen Klopp: Mist mit Käfer

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1. Spieltag - der Tag, an dem wir die Tröte kennenlernten

Was geguckt? Die offizielle Eröffnungsfeier (ARD); Südafrika - Mexiko (ARD); Uruguay - Frankreich (RTL)

Was ist passiert? Ob das südafrikanische Fernsehen während der WM 2006 eine Deutschland-Expertin hatte? Eine Wurstfachverkäuferin, die ihnen erklärt, warum es "auf Schalke" heißt ?

Die ARD hat sich für diese WM jedenfalls eine Südafrika-Expertin geholt: die Tänzerin Motsi Mabuse, die sehr sympathisch rüber kommt, aber auch nichts von Gewicht ("Südafrika freut sich sehr auf diesen Tag") sagen muss. Mabuse - die alle Namenswitze zum Glück selbst macht - scheint vor allem da zu sein, um davon abzulenken, dass die ARD schon wieder Gerhard Delling und Günter Netzer am Start hat - ein Duo, über das sich zu beschweren schon genauso langweilig ist wie das Team selbst. Auch beim WM-Auftaktspiel liefern sie ihr Standardprogramm aus semi-zündenden Pointen und gut abgehangenen Spiele-Analysen ab.

Viel interessanter ist die Moderatoren-Kombi Günther Jauch/Jürgen Klopp von RTL, die beim Abendspiel ihr Debüt gibt. Erwartbar für den Privatsender startet man etwas atemlos: Kaum ertönt der Halbzeit-Pfiff, wirbt Stadion-Kommentator Florian König für das Gewinnspiel eines Spielkonsolenherstellers.

Auch Jauch, kommender Chef-Polit-Talker der ARD, muss durchs Werbeumfeld hetzen, die Pausenanalyse wird so fix wie lustlos wegmoderiert: "Ganz schnell: Wie müsste, sollte ein Wechsel aussehen?" Zack, Werbung.

Das Duo Jürgen Klopp/ Günther Jauch, das aus Berlin moderiert, fremdelt noch. Zwei Portionen Buben-Charme - das hebt sich auf und wirkt zunächst einfach nur läppisch. Klopp fehlt nach seinem Wechsel vom ZDF zu RTL sein Sidekick Urs Meier, der Schiedsrichter, der zuletzt bei den Fußball-Großereignissen mit seiner Regelhuberei den angenehm unprätentiösen Ausgleich zu den Strahlemännern brachte.

Aus dem Stadion selbst bietet Florian König biedere Kommentatoren-Konfektionsware ohne Low- oder Highlights. Klinsmann versucht sich als klassischer Co-Kommentator, eine Gattung, die ja fast komplett ausgestorben ist. Allerdings ist mehr Schweigen als Schwäbeln angesagt: Mit einem Sprechanteil von gefühlt zehn Prozent hat der Ex-Bundestrainer ähnlich viel vom Spiel wie die Fußballnationalmannschaft von Liechtenstein, wenn sie gegen Brasilien antritt.

Richtig RTL-ig wird die bis dahin fast angenehm unaufgeregte Übertragung erst, als die perfekt frisierte WM-Reporterin Nazan Eckes durch Südafrika hetzt. In einem Einspielfilm beschenkt sie schwarze Kinder aus einer Township mit großen, bunten Bällen, belästigt einen Medizinmann mit Fragen nach Poldi und lässt sich durch die Wildnis chauffieren. Ihr cleverster Satz: "Willkommen im Busch!"

Was war der Höhepunkt des Tages? Die zwei Tore des Eröffnungsspiels - dann haben die Fans im Stadion wenigstens für ein paar Sekunden die Vuvuzelas weggelegt und einfach nur gejubelt.

Der Tiefpunkt? Als sich Klopp und Jauch nach dem Spiel Uruguay gegen Frankreich im Wechsel einen Mistkäfer über ihre Arme und Hände krabbeln lassen - als "Synonym für das Spiel", wie Jauch sagt: "Mist."

Was bleibt vom Tag übrig? Ein Summen im Ohr und das ungute Gefühl, dass bei dieser WM kein Sender überzeugen wird.

Und heute? Südkorea - Griechenland (13.30 Uhr), Argentinien - Nigeria (16.00 Uhr), England - USA (20.30 Uhr) - alle ARD.



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