TV-Kritik zum 13. WM-Spieltag Kommentatoren-Kühlschrank im Ersten

Viel Temperament, wenig Ahnung - das trifft auf so manchen Fußballreporter zu, nicht aber auf den ARD-Kommentator Tom Bartels: Der schilderte das Spiel Ghana-Deutschland so emotionslos, dass selbst Kubricks Supercomputer Hal 9000 vor Neid geweint hätte.

DPA

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Was geguckt? England - Slowenien, USA - Algerien, Schland - Ghana, (alle ARD) . Boykottiert: Weizenbierselige Schenkelklopfer in "Waldis WM-Club".

Was ist passiert? In dieser Kolumne schreibt mittlerweile sowieso jeder, was und wie er will, und das ist auch schön so, muss ja mal sein. Der Kollege Glindmeier etwa berichtet, wie er im Stadtpark herumliegt, sich Frikadellen brät oder neurotische Katzen betreut. Tja, und der Kollege Schader beschreibt, wie es sich in einer Prenzlberger Pizzeria so sitzt. Kleine Fluchten sind das, das Leben ist ja hart genug, es gelten also hier überhaupt keine journalistischen Regeln mehr, daher brechen wir doch mal zu Anfang gleich zwei und rufen aus: Gottlob, es war Gottlob!

Wenn ein Journalistenschullehrer Namenswitze hört, meckert er, und wenn die Namenswitze unwitzig sind, dann tut der Journalistenschullehrer das gleich noch mal, aber das war jetzt nötig: Gerd Gottlob kommentierte das Spiel des Tages. Und, lieber Fußballgott, wir danken Dir dafür. Zack, der nächste schlechte Witz, wie übel ist das denn!? Und noch dazu irreführend, weil Gerd Gottlob zwar der beste Kommentator der ARD ist, aber natürlich Tom Bartels das Spiel besprochen hat.

Für Sie, liebe Leser, die sich jetzt wundern, was dieses bizarre Gelaber soll, folgt hier die Antwort: Es ist eine hölzerne Ehrbezeugung für "Ulysses", den großartigen Roman des Iren James Joyce, der den Bewusstseinsstrom als Erzähltechnik in der modernen Literatur zur Perfektion gebracht hat, und somit ist dieses bizarre Gelaber auch als hölzerne Ehrbezeugung vor den Iren zu verstehen, denn die haben - trotz Bono und den Corrs - jede noch so hölzerne Ehrbezeugung verdient, nachdem sie von den derangierten Franzosen so perfide um ihren WM-Startplatz gebracht wurden.

Und überhaupt? Was haben die Franzosen literarisch in den letzten sechs oder sieben Dekaden schon hervorgebracht im Vergleich zu Joyce? Einen Seh-Behinderten mit Schlag bei Frauen (Sartre) und einen Nicht-Seh-Behinderten ohne Schlag bei Frauen (Houellebecq). Doll ist das nicht, und da diese Kolumne im Kulturressort läuft, darf man das ja mal schreiben, oder?

Statt Gerd Gottlob/Tom Bartels jedenfalls hätte, wenn's dumm gelaufen wäre, auch ARD-Lautsprecher Steffen Simon das Spiel gegen Ghana kommentieren können. Simon leidet entweder unter Hypertonie oder war in einem früheren Leben brasilianischer Fußballkommentator, oder, nein, vielleicht doch peruanischer, weil: Temperament hat er sehr viel, Ahnung leider sehr wenig. Das machte beim Spiel England gegen Slowenien gar nicht mal viel aus, es passierte ja nichts: Simons Puls blieb also knapp unter Kolibri-Flügelschlag-Niveau. Hätte der Mann allerdings das deutsche Spiel besprechen dürfen, er müsste sich jetzt künstlich beatmen lassen von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem inzwischen 67 Jahre alten Dorian Gray (Wie gesagt, Sie haben sich ins Kulturressort verlaufen) des Deutschen Fußball-Bundes, ach, diese unergraute Haarpracht, man schaue sich diesen Mann an.

Herr Gottlob-Bartels hingegen war ganz Kommentator-Kühlschrank, ein aufrechter Arbeiter im Garten des Sportsprech-Handwerks, ein Kerl, der zwar ein Wort wie "Wahnsinn" in den Mund nimmt, aber es so emotionslos ausspricht, dass Hal 9000 weinen würde vor Neid ob solcher Kälte (Wie gesagt, Sie haben sich ins Kulturressort verlaufen).

Irgendwann Mitte der ersten Halbzeit sagte Herr Gottlob-Bartels jedenfalls, dass man gar nicht mal so entspannt sein könne angesichts des Spiels der deutschen Mannschaft, und recht hatte er: Sogar beim ziemlich unpatriotischen Kneipenwirt des Vertrauens in einer Hamburger Souterrain-Bar war die Lage angespannt: Eine La Ola verebbte, nur drei Arme gingen in die Höhe, zwei davon gehörten einem Sozialarbeiter, der Bodybuilder ist, bei seiner Klientel ist Muskelmasse ja vielleicht keine schlechte Idee. Die Spannung löste sich erst, als Özil traf ("Bild"-Schlagzeile von übermorgen: "Mesut gut, alles gut!"), und ein eigentlich mit Pferdesport befasster Mitgucker ausrief: "Oh nein, jetzt geht das noch wochenlang weiter!"

Eine Sorge, die die Stimmung nach dem Abpfiff vorwegnahm, denn besagte Hamburger Souterrain-Bar verfügt über einen Fensterblick auf den An- und Abmarschierweg unzähliger "Schlaaand"-Schlachtenbummler, die auf dem nahen Heiligengeistfeld mal so richtig Public Viewing machten. Da laufen dann die unsäglichen Bots mit "Was wollen wir trinken", junge Männer wickeln sich in Deutschland-Bettwäsche ein und junge Frauen mit "Playboy"-Bunny-Ohren in schwarz-rot-gold kieksen die Nationalhymne.

Solche Ausfälle werden von den Öffentlich-Rechtlichen leider ermutigt. Beliebt die Schalte zur Fanmeile: Dort ist dann ein Mensch postiert, der in der Sender-Hackordnung unten steht, der also noch kein Spiel kommentieren darf oder sich mit einem der vielen Experten auf den zahlreichen Gemeinplätzen der Fußballwelt verdribbeln (in diesem Fall Sarah Beckmann aus Berlin). So ein Mensch sagt dann sinngemäß Sätze wie: "Ja, die Stimmung ist wirklich sommermärchenhaft hier", während hinter seinem Rücken einige Spätpubertierende herumhopsen und harmlosen Schwachsinn grölen.

Was die Sender nie zeigen: Wie irgendein Kevin danach in die städtischen Grünanlagen kotzt oder irgendeine Doris ihren Freund zusammenkeift, weil der - haubitzenvoll und hormonbesoffen - ihrer besten Freundin Jacqueline ans schwarz-rot-goldene Top greift. Das sieht man aber alles aus dem Souterrain-Bar-Fenster!

Was war der Höhepunkt des Tages? "Scheiße. Fuck." Zwei Worte unbekannten Ursprungs, die sich wegen einer technischen Panne in den Kommentar von Steffen Simon einschlichen, die aber nicht von ihm stammten. Er hielt für einen Moment den Mund.

Was der Tiefpunkt? Das ARD-WM-Studio. Schon in der England-Halbzeit zeigte man auf zwei Studio-Monitoren schwarz-rot-goldene Doppelbeflaggung und ließ einen Countdown ablaufen, der anzeigte, wie viele Minuten bis zum Auftritt der deutschen Mannschaft vergehen. Außerdem sieht das Studio aus wie eine Milchbar aus den frühen Sechzigern im Afro-Themenlook; man meint, es könnte jederzeit Peter Kraus reinwackeln, erst mal mit Vorzeige-Backfisch Conny Froboess abhotten, und dann spaziert noch Heinrich Lübke rein und sagt: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger" .

Was bleibt vom Tage übrig? In der Halbzeitpause zeigt die ARD Youtube-Videos, man hatte die Zuschauer gebeten, witzige Clips einzuschicken. Selbst schuld, da kriegt man halt das, wonach man verlangt: Einen Schimmel im Stall mit Deutschland-Fähnchen im Maul, der einfach nur seinen Kopp hin- und herschüttelt; eine dämliche Idee kommentiert sich selbst.

Und heute? Paraguay - Neuseeland (ZDF, Sky), Slowakei - Italien (ZDF, Sky), Kamerun - Niederlande (RTL, Sky), Dänemark - Japan (ZDF, Sky)


Hinweis: Liebe Leser, in einer ersten Version dieser TV-Glosse wurde Gerd Gottlob als ARD-Kommentator des Spiels Deutschland gegen Ghana ausgewiesen. Dieses satirische Stilmittel führte allerdings viele von Ihnen in die Irre, so dass in der aktuellen Version korrekt auch Tom Bartels als Kommentator genannt wird.

insgesamt 21 Beiträge
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emkayenne 24.06.2010
1. Schland?
Ich weiss weiterhin nicht, wieso in einem "Spiegel"-Artikel "schland" steht. Mein Gott, das macht eine andere (grössere) Zeitung besser!
Anima, 24.06.2010
2. Auch super
Der tolle Körpereinsatz im WM-Studio an der ca. 100 Zoll Touch-Screen. Nennt man das Fortschritt?
Grubengeist 24.06.2010
3. Boateng - Boateng oder Ghana - Deutschland ??
... das war ja noch nicht alles. Den größten Raum in der Kommentierung nahm das Thema Boateng ein, irgendwann hat man dann einfach den Ton abgeschaltet. Es wäre wirklich ein toller Service, wenn man den Kommentatorenkanal abschalten könnte, um wenigstens die Stadion-Geräusche noch zu hören. Aber hier ist der Zuschauer Geisel.
blaubärt 24.06.2010
4. Kompetenz der Kommentatoren
Zur Kompetenz bzw. Nichtkompetenz der Live-Kommentatoren eine gute Analyse auf Sportal. http://www.sportal.de/sportal/generated/kommentare/2010/06/21/17017600000.html Ich bin kein Ex-Fußballer, und bin daher für gute Taktik- und sonstige Erläuterungen zum aktuellen Geschehen auf dem Platz sehr dankbar. Da erwarte ich aber mehr als das Gelaber, wo der Spieler zuletzt gespielt hat, wie seine Freundin heißt, oder ähnliches. Und die Blindheit mancher Kommentatoren ist wirklich erstaunlich: Fouls oder Abseits oder Handspiel werden nicht gesehen, teilweise trotz Wiederholung und Zeitlupe. Da bin ich mir schon paarmal als richtiger Fußballexperte vorgekommen.
meinungsherrscher 24.06.2010
5. Public Viewing
Wann hört diese Public Viewing scheiß endlich auf? Ihr lieben möchteger Supersprachler: Schaut mal ins Wörterbuch, was Public Viewing bedeutet ... http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=&search=public+viewing Na dann Prost...
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