TV-Kritik zum 14. WM-Spieltag Danke fürs Drama!

Spiel! Spaß! Tore! Jauch! Kloppo! Katrin! Zum Schluss der Vorrunde wird die WM endlich richtig spannend, und das Fernsehen läuft ohne großes eigenes Zutun zu Bestform auf. Fast wären wir versöhnt - wenn da nicht der Trainer der Slowaken wäre.

So sehen slowakische Sieger aus: Durch ihren Sieg gegen Italien sind sie im Achtelfinale
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So sehen slowakische Sieger aus: Durch ihren Sieg gegen Italien sind sie im Achtelfinale

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Was geguckt? Slowakei - Italien, Dänemark - Japan (beide ZDF), Kamerun - Niederlande (RTL)

Was ist passiert? Hallo, hier ist die verdammte Schwuchtel, die am Donnerstag die WM-Spiele für Sie verfolgt hat. Keine Angst, das ist nicht der Umgangston, den wir in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE pflegen. Als "verdammte Schwuchteln" hat vielmehr der slowakische Trainer Vladimir Weiss Journalisten im Vorfeld des letzten Vorrundenspiels seiner Mannschaft beschimpft. Nun könnte das ein Land wie Deutschland, wo schon Worte wie "Gurkentruppe" oder "Rumpelstilzchen" mittelschwere Koalitionskrisen auslösen können, ins Chaos stürzen. Aber wir sind gerade mehr mit dem Oberschenkel von Bastian Schweinsteiger beschäftigt. Und für Weiss ist die homophobe Wortwahl eigentlich auch das Einzige, worüber er sich mal ein paar mehr Gedanken machen sollte. Seine Mannschaft hat nämlich am Donnerstag einen Bombentag gehabt - und wir vor dem Bildschirm endlich auch.

So spannend wie bei den parallel laufenden Abschlussspielen der Vorrunde war die WM nämlich bislang noch nicht. Das fing an mit dem spektakulären Duell Slowakei gegen Italien, dessen Schauwert an diesem Tag nicht zu überbieten war. Jubelnde Slowaken wenige Meter von weinenden Italienern entfernt: Stärker kann sich ein Drama räumlich nicht verdichten. Da brauchte es das zweite Spiel der Gruppe F, Neuseeland gegen Paraguay, übertragen auf ZDFinfokanal, fast nicht mehr, um zu zeigen, wie ein Fußballturnier die gesamte emotionale Palette des Menschen in wenigen Minuten abdecken kann. Und doch verdeutlicht der zweite eingeblendete Spielstand die Kompaktheit des Nachmittags: gegeneinander, füreinander, nebeneinander - hier wird überall gekämpft.

Gleiches Bild am Abend in Gruppe E: Eigentlich zählte nur das Spiel Dänemark gegen Japan, denn nur die beiden Mannschaften konnten sich als Zweitplatzierte noch für das Achtelfinale qualifizieren. Das ZDF, das die Begegnung übertrug, verzichtete dann auch reichlich arrogant darauf, den Spielstand des Matches Kamerun gegen die Niederlande einzublenden. Bei RTL war man großzügiger und blendete bei der Übertragung auch den Stand des anderen Spiels ein. Dafür betonte man zwar auch, dass sich ob dieses tollen Services das Umschalten ins Zweite überhaupt nicht mehr lohnen würde - aber geschenkt, denn was wir zu sehen bekamen, waren zwei spannende Spiele, die nicht nur das Bessere von vier Mannschaften, sondern auch von zwei Sendern zu bieten hatten.

Wem Oliver Schmidt im ZDF auf den Geist ging, konnte zu RTLs Florian König umschalten. Wer genug vom Fahnentaumel um Günther Jauch und Jürgen Klopp hatte, konnte zurück zu Katrin Müller-Hohenstein und Olli Kahn ins ZDF-Studio zappen - für jeden Geschmack und jede Multitasking-Fähigkeit was dabei: So sollte Fernsehen eigentlich immer sein.

Was war der Höhepunkt des Tages? Die Erkenntnis, dass bei einer WM immer auch eine Autopilot-Funktion eingebaut ist: Irgendwann wird es so spannend, dass das Fernsehen nicht mehr tun muss, als einfach nur noch abzubilden.

Was der Tiefpunkt? Keine Ahnung - da müssen wir gerade weggezappt haben.

Was bleibt vom Tage übrig? Eine fixe Idee, wie die ARD die Probleme mit ihren tausend Talkshows lösen könnte: einfach parallel zeigen! Anne Will in der ARD, Günther Jauch auf EinsFestival, wir mit der Fernbedienung immer souverän in der Entscheidung, wo wir gerade was verpassen könnten. Schöner Nebeneffekt: FDP-Generalsekretär Christian Lindner oder Peter Scholl-Latour könnten nur noch halb so oft auftreten.

Und heute? Portugal - Brasilien/Nordkorea - Elfenbeinküste (16 Uhr, ARD), Chile - Spanien (20.30 Uhr, ZDF), Schweiz - Honduras (20.30 Uhr, RTL)

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
misterbighh, 25.06.2010
1. Nun seid mal nicht so Mimösig :)
Wer mal die Umgangsformen auf der anderen Seite der Kamera beobachten durfte, kann es durchaus nachvollziehen, wenn mal jemand die Nerven verliert. Ihr Journis werdet es überleben. Dafür werdet ihr ja auch gut bezahlt und seid Live dabei.
jobie09 25.06.2010
2. Flachpfeife
Zitat von sysopSpiel! Spaß! Tore! Jauch! Kloppo! Katrin! Zum Schluss der Vorrunde wird die WM endlich richtig spannend, und das Fernsehen läuft ohne großes eigenes Zutun zu Bestform auf. Fast wären wir versöhnt - wenn da nicht der Trainer der Slowaken wäre. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,702766,00.html
treffend beschrieben - aber das mit den "blauen Samurai" hätte ich dem Kommentator nicht durchgehen lassen. Zumindest nicht so oft.
langenscheidt 25.06.2010
3. "Bei mir hat sich das keiner getraut"
Joh, war ein gelungener Abend von allen Beteiligten. Nur der Olli Kahn kann noch etwas mehr aus sich rauskommen und nicht jeden Satz erst zweimal durchdenken - und das mit einem langen durch die Zähne gezogenen Luftzug. Seine Antwort auf die Frage, was er denn gemacht hat, wenn man ihn als Torwart im Tornetz angegangen wäre war ein genialer Kommentar ("Bei mir hat sich das keiner getraut."). Lockert die Stimmung im Studio mit der mittlerweile strahlenden Katrin Müller-Hohenstein weiter auf und könnte Konkurrenz zur Pat-und-Patachon-Revue von Delling-Netzer im ARD werden. Auch bei denen ist nicht alles paletti. Da wäre nach den Jokes und dann die gelungene ernste Miene mit Kommentar von Netzer zu bemängeln, dass er immer mit "nein" beginnt. Weglassen kann man das Gespann Beckmann-Scholl. Das wirkt gequält. Anscheinend hat Beckmann sich den Falschen ausgesucht und bereut das nun.
JustinSullivan 25.06.2010
4. TV-Duo
Zitat von langenscheidtJoh, war ein gelungener Abend von allen Beteiligten. Nur der Olli Kahn kann noch etwas mehr aus sich rauskommen und nicht jeden Satz erst zweimal durchdenken - und das mit einem langen durch die Zähne gezogenen Luftzug. Seine Antwort auf die Frage, was er denn gemacht hat, wenn man ihn als Torwart im Tornetz angegangen wäre war ein genialer Kommentar ("Bei mir hat sich das keiner getraut."). Lockert die Stimmung im Studio mit der mittlerweile strahlenden Katrin Müller-Hohenstein weiter auf und könnte Konkurrenz zur Pat-und-Patachon-Revue von Delling-Netzer im ARD werden. Auch bei denen ist nicht alles paletti. Da wäre nach den Jokes und dann die gelungene ernste Miene mit Kommentar von Netzer zu bemängeln, dass er immer mit "nein" beginnt. Weglassen kann man das Gespann Beckmann-Scholl. Das wirkt gequält. Anscheinend hat Beckmann sich den Falschen ausgesucht und bereut das nun.
Gerade dieses Duo finde ich spannend. Scholl zeigt schonungslos Beckmanns Grenzen auf, und der merkt es nicht einmal.
Tarja13, 25.06.2010
5. .
Zitat von sysopSpiel! Spaß! Tore! Jauch! Kloppo! Katrin! Zum Schluss der Vorrunde wird die WM endlich richtig spannend, und das Fernsehen läuft ohne großes eigenes Zutun zu Bestform auf. Fast wären wir versöhnt - wenn da nicht der Trainer der Slowaken wäre. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,702766,00.html
Wie kommt der Autor darauf, dass das ZDF den Spielstand von Holland - Kamerun nicht eingeblendet hätte? Der war doch klar und deutlich zu sehen und jedes Tor wurde zusätzlich vom Reporter mit maximal 2 Minuten Verspätung verkündet.
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