TV-Kritik zum 16. WM-Spieltag "Die Straßen stehen still!"

Es ist wie im Krisengebiet - ein deutsches Kamerateam mitten in der Londoner Innenstadt. Vor dem großen Spiel. Die Überlebensstrategie von RTL-Mann Klose: sich bloß nicht zu erkennen geben.

1966-Siegesdenkmal in London: "Der Engländer trinkt ohnehin ganz gern"
REUTERS

1966-Siegesdenkmal in London: "Der Engländer trinkt ohnehin ganz gern"

Von Peer Schader


Was geguckt? "Wochenjournal" (ZDF), Uruguay - Südkorea (ZDF), DFB-Pressekonferenz (N-tv), USA - Ghana (RTL)

Was ist passiert? Beim Aufwachen festgestellt, dass meine Public-Viewing-Bilanz bisher einseitig kneipenlastig war, und beschlossen, das zu ändern. Inklusive Kiezwechsel. Zwölf Stunden später ruft der Mann von der Security, der gerade keine Lust hat aufzustehen, den ersten Gästen im "Garten der Entschleunigung" zu: "Habt ihr Getränke dabei?" Nein, wir würden gerne vor Ort konsumieren.

In Berlin-Treptow, auf dem Gelände der Konzerthalle Arena, hat ein Berliner Indie-Radio eine Gelegenheit zum gemeinsamen Fußballgucken geschaffen. Mit einer Leinwand, die aussieht, als sei sie in ein vom Himmel gefallenes Raumschiff eingebaut worden, vollständig mit Kunstrasen verkleideten Sitzgelegenheiten in Autoform und überdimensionierten Parkbänken wie bei "Alice im Wunderland". Eintritt frei, bitte keine Getränke mitbringen, Fahnen nur bis einem Meter Stiellänge.

Vielleicht hätte man zum Spiel USA gegen Ghana nicht ganz so rechtzeitig da sein müssen, gegen halb 8 sind noch fast alle Plätze frei, was daran liegen könnte, dass man um diese Zeit wegen der Sonne eh noch nix sieht - oder die meisten Leute einfach schlau genug sind, sich die Vorberichterstattung zu sparen.

Heute ist RTL dran. Während des ersten Anstehens an der Zapfanlage schaltet Moderator Günther Jauch zum RTL-Korrespondenten Ulrich Klose, der in der Londoner Innenstadt steht und - natürlich - erzählen soll, wie die Stimmung ist vor dem Spiel gegen die Deutschen am Sonntag. Klose redet wie aus einem Kriegsgebiet. Als deutsches Kamerateam gebe man sich hier gerade nicht zu erkennen, das sei zu risikoreich. "Der Engländer trinkt ohnehin ganz gerne, am Wochenende noch viel mehr", warnt Klose. Wahrscheinlich rechnet er mit seiner sofortigen Ausweisung, falls die Engländer heute verlieren sollten. (Und das wäre nicht mal eine schlechte Idee.)

Weiter hinten in der Schlange grummelt ein Gast: "Es gibt Sender, die sollten nicht über Fußball berichten dürfen."

Dabei hat RTL doch geballte Kommentatorenkompetenz eingekauft. Dortmund-Trainer Jürgen Klopp zum Beispiel, damit der mit Jauch wetten kann, wer das Spiel gewinnt. Jauch tippt: Ghana. Und Klopp: "Weil's mir auch egal ist, sag ich: Die USA gewinnen."

Inzwischen haben sich ein paar Leute mehr nach Treptow verirrt, wobei die Fußballkonzentration zu wünschen übrig lässt. Eine Teenagergruppe weiter vorn beglückt die Besucher mit Seifenblasen und krampft auf der mitgebrachten Akustikgitarre herum, immer dieselben paar Akkorde. Das "Grill & Snack"-Häuschen ("Schweinenackensteak im Brötchen 3,50 Euro") hat gar nicht erst aufgemacht, stattdessen steigt die Wanderbereitschaft zur Pizzabude im gegenüberliegenden Club. Alle paar Minuten kehrt jemand mit Papptellern zurück.

Und RTL lässt seinen anderen Facheinkauf aufs Publikum los: "Der Amerikaner an sich hat nicht das Ziel, Profifußballer zu werden, sondern ein Stipendium zu bekommen", klärt Jürgen Klinsmann die Zuschauer über die Eigenheiten dieses sonst kaum beachteten Naturvolks auf. Inzwischen jedenfalls habe sich die ehemalige Randsportart Fußball auch in den USA als Zuschauermagnet etabliert: "Die Straßen stehen still!"

Dann läuft der Ball. In Treptow wird das erste Tor Ghanas gefeiert, später geben sich auch einige Fans der Gegenseite zu erkennen, und zum Schluss wimmelt es plötzlich von amerikanischen Teenagern mit Nationalflaggen um den Hals, die ein bisschen zu viel German Beer getrunken haben.

Nach 90 Minuten steht es 1:1, in der Nachspielzeit sind nicht nur beide Teams augenscheinlich erschöpft, sondern auch die RTL-Kommentatoren Klinsmann und Florian König schon nach Hause gegangen, um ihren Job einem Computer zu überlassen, der per Zufallsprinzip vorher aufgezeichnete Allgemeinheiten einspielt: "Der Ball läuft ja bei Ghana, nur die Spieler nicht mehr so"; "Dieses Spiel wird auf jeden Fall einen Sieger finden. Nur welchen?"; "Mit zunehmender körperlicher Ermüdung steigt die Fehlerquote"; "Machen Sie bei unserem Gewinnspiel mit."

Das erlösende Tor für Ghana fällt in der 93. Minute. Ein ghanaischer Fan hüpft verzückt auf und ab, ohne Fahne. Die Teenager mussten schon nach Hause.

Was war Höhepunkt des Tages? Der uruguayische Fernsehkommentator, der nach dem ersten Treffer seines Teams beim Spiel gegen Südkorea so in Verzückung geriet, dass der nebendran sitzende ZDF-Kollege den Zuschauer die lauten Schreie erklären musste - auch wenn das sonst kein Achtelfinale war, "um zu Hause das Schunkeln zu beginnen".

Was der Tiefpunkt? Abgesehen von Ulrich Klose: Dass die N-tv-Moderatorin bei der DFB-Pressekonferenz mit Torwarttrainer Andreas Köpke am Abend die Fragen der englischen Journalisten immer mitten in Köpkes Antworten hinein übersetzte.

Was bleibt vom Tage übrig? Eine kurzzeitige ZDF-Marktführerschaft in der Krisenberichterstattung zum Spiel gegen die Engländer. Im "Wochenjournal" am Mittag berichtet Reporterin Ariane Vuckovic über die Sicherheitsvorkehrungen in Bloemfontein: "Die Südafrikaner haben Hubschrauber dabei, sie haben Wasserwerfer." Außerdem hat das ZDF-Kamerateam am Austragungsort zwei Nationenvertreter aufgetrieben, die überraschende Gemeinsamkeiten entdeckt haben: "Wir haben beide die gleichen Ambitionen: Wir trinken gern Bier."

Und heute? Deutschland - England (ARD), Argentinien - Mexiko(RTL).



insgesamt 9 Beiträge
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VisualTwo, 27.06.2010
1. Friedlichkeit?
Das verstehe ich jetzt gar nicht. Hier in Deutschland wird doch immer vorgeheuchelt, dass Fußballfans auf der ganzen Welt friedlich zusammen feiern?
shokaku 27.06.2010
2.
Zitat von sysopEs ist wie im Krisengebiet - ein deutsches Kamerateam mitten in der Londoner Innenstadt. Vor dem großen Spiel. Die Überlebensstrategie von RTL-Mann Klose: sich bloß nicht zu erkennen geben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,703124,00.html
VOR dem Spiel braucht es doch da noch keine Überlebensstrategie. Die wird erst nach Abpfiff benötigt.
WernerS 27.06.2010
3. Es ist nicht die vuvuzela
mich stört nicht die vuvuzela, ich würde viel lieber den bezahlten akkordlaberern den ton abstellen. in der oper erklärt mir ja auch keiner während der vorstellung, dass der tenor gestern noch darmgrippe hatte.
PhysikerTeilchen 27.06.2010
4. Krieg und Frieden
Meine Guete, so langsam habe ich aber die Nase voll von der ganzen Kriegsberichtserstattung aus Deutschland. In England scheint ausser der bekanntermassen unserioesen Boulevardpresse auch niemand Aggressionen mit diesem Spiel zu verbinden. Im Gegenteil, die serioese Presse beschwert sich allenfalls (und offensichtlich nicht ganz zu Unrecht) ueber den Ton deutscher Tages- und Wochenzeitschriften.
Hercules Rockefeller, 27.06.2010
5. Rtl
Also RTL schießt wirklich den Vogel ab, so schlecht ist die Berichterstattung dort. Allein die nervigen Aufforderungen, bei deren Gewinnspiel mitzumachen, sollte die FIFA bewegen, denen keine Übertragungsrechte mehr zu geben. Jauch demontiert sich da auch schleichend selber. Spätestens ein Jahr nachdem er komplett zum Witwenmacher ARD gewechselt ist (die haben immerhin Schmidt erledigt, der war vorher unverwundbar), wird er den Absturz nicht mehr aufhalten können. Großartig finde ich Netzer und Delling, die sind wirklich amüsant und mit Niveau und Kompetenz. Das ZDF hat mit Kahn auch einen symphatischen und kompetenten Moderator. Da muss man wirklich sagen, was die WM und EM angeht, sind die Öffis Top!
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