TV-Kritik zum 17. WM-Spieltag Ein ganzes Land trägt breite Brüste

Schon während des Countdowns zum England-Spiel wühlten die Fernsehberichterstatter mächtig im Metaphernsalat. Nach dem deutschen Triumph schlugen wahre Sternstunden der Reporterpoesie. Das vielleicht kompetenteste, sicher aber coolste Expertenteam analysiert im Kinderkanal.

Nummer 13 jubelt: Thomas Müller grüßt Oma und Opa
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Nummer 13 jubelt: Thomas Müller grüßt Oma und Opa

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Was geguckt? Deutschland-England (ARD), Argentinien-Mexiko (RTL), Logo! (Kika)

Was ist passiert? Der Fußballsommer ist sehr groß, die Zeit aber, unerbittlich wie sie ist, was tut sie? "Die Zeit läuft herunter." Fast jeder Stadionreporter aus deutschen Landen gebraucht diese vielleicht wunderlichste Metapher der Weltmeisterschaftspoesie im Jahr 2010. Natürlich verkündet auch ARD-Reporter Steffen Simon gegen Ende des deutschen Triumphs gegen England, als unsere Jungs auf wunderbare Weise den Weg ins Viertelfinale freigeräumt hatten: "Die Zeit läuft herunter."

Und ist das nicht wahr gesprochen, um uns an die Vergänglichkeit allen menschlichen und fußballerischen Strebens zu erinnern? Gerade jetzt, da wir Roooooney und Konsorten nach Hause gemüllert haben, sollten wir uns daran erinnern, dass auch für unsere Euphorie "die Minuten herunterlaufen", wie es auf RTL ausgedrückt wird. Da denkt man doch gleich an das berühmteste aller Salvador-Dali-Kitschbilder, in dem Zifferblätter wie Wachs in der Sonne zerfließen. Man kriegt gleich Lust, im Endlosroman des großen Schwärmers Marcel Proust zu schmökern. Hieß der nicht "Auf der Suche nach der heruntergelaufenen Zeit"?

Die Königsmetapher des 17. Spieltages der WM-Berichterstattung aber ist nicht "Deutschlands Oberschenkel", wie Schweinsteigers schmerzender Musculus adductor longus von den Fernsehmenschen vereinfachend vor dem Spiel genannt wird, sondern Deutschlands Brust. "Wir gehen jetzt mit breiter Brust ins Viertelfinale", sagt Schweinsteiger einem Reporter nach dem Sieg. "Wie groß ist die Brust?" fragt ein anderer Reporter den Stürmer Podolski. "Die Brust ist erstmal da!" lautet die Antwort. Auch RTL-Experte Klopp findet nach Argentiniens mittelprächtigem Sieg über Mexiko, jetzt sei in Löws Team "breite Brust" angesagt, denn "die sind zu schlagen, ganz klar". Mittendrin taucht in der ARD Angela Merkel auf und lobt in Kanada begeistert das Spiel unserer Jungs, was der TV-Experte Delling als enorme Leistung der Kanzlerin einstuft, "wenn man so einen G-20-Gipfel vor der Brust hat."

Möge Deutschlands Brust schwellen und blühen im Glanz des südafrikanischen Glücks. "Jeder hat Spaß, jeder ist froh, dass uns dieses Highlight beschert wird", wie es der liebe Hans-Dieter Flick, unser Sonnyboy von der deutschen Trainerbank, in die Kameras spricht. Zu loben ist, wie sich die TV-Berichterstatter auf allen Kanälen vor, während und nach dem Spiel die allermeiste Häme gegen Englands glücklose Recken verkneifen, wie in der "Tagesschau" mitgelitten wird mit traurigen Fans in Leeds, wie das nicht gegebene Tor der Engländer nach den Gesetzen des fair play als späte Wiedergutmachung für das Wembley-Trauma der Deutschen eingeordnet wird. Es ist ein toller WM-Tag, an dem es auch für den Fernsehkritiker wenig zu meckern gibt.

Wozu auch? "Er kommt so schnell, der Augenblick, in dem nichts mehr bleibt, auf das es sich zu warten lohnt", warnt uns Marcel Proust. Und spendet uns doch Trost für die Zeiten, in denen wir vergeigten Chancen und heruntergelaufenen Minuten des Glücks nachtrauern: "Die wahren Paradiese sind die, die wir verloren haben."

Was war der Höhepunkt des Tages? In der Nachrichtensendung "Logo!" des Kinderkanals KIKA macht ein vierköpfiges Jungsteam den Fußballexperten der großen Sender Konkurrenz. Auf einem Spielplatz rutschen sie eine merkwürdige Fußballtorrutsche herunter oder wippen auf der Schaukel und kommentieren dabei obercool das deutsche Spiel. Der Auftritt war okay, finden Nico, Lars und die beiden anderen, aber zu mehr als einer Note 2 reicht es leider nicht. "Man darf den Gegner nicht so kommen lassen", heißt die Devise fürs nächste Spiel.

Der Tiefpunkt? Der argentinische Abwehrspieler Heinze, ohnehin ein tückischer Knopf und stets wehleidig greinender Schwalbenkönig ersten Ranges, schlägt beim Torjubel zum 2:0 gegen Mexiko auf eine Kamera ein, weil die ihn offenbar behinderte. Der Mann muss ab ins Medientraining!

Was bleibt vom Tag übrig? "Das ist wahre Größe", sagt ARD-Experte Günter Netzer, als der Kabinengang-Reporter nach dem Spiel Thomas Müller interviewt hat, "dass der erstmal die Oma grüßt!" Und dann wischt er doch alle im deutschen Fernsehen ganzjährig streng verbotene Ironie beiseite und sagt, heute sei er "stolz auf unsere Mannschaft".

Und heute? Niederlande-Slowakei (16 Uhr, ARD), Brasilien-Chile (20.30 Uhr, ZDF).



insgesamt 3 Beiträge
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dent42 28.06.2010
1. Schon blöd
wenn man ein Kolummne zu schreiben hat, aber so gar kein Material, da kommt dann solch ein publiziertes Vakuum heraus, lahmer als Englands Spielaufbau.
fireflycan 28.06.2010
2. jetzt richtig kalauern...
Die breiten brueste beim trikot-tausch waren schon nett, auch die englischen. Und mein teenager sohn fand die deutschen brueste im publikum auch nicht schlecht :) Aber aus der Brust der Frau Kanzler haette man sicher noch mehr machen koennen...die Dame hat ja gottseidank einen Sinn fuer Humor
Steve CGN 28.06.2010
3. Heinze?!
Ich hoffe, ich übersehe beim Abschnitt mit Gabriel Heinze die Ironie. Nicht, dass ich den Spieler an sich mag, für mich ist er auch ein komischer Vogel... Aber wenn die Medien, die eh so nah dran sind, wie nie, auch noch die allerletzte Grenze überschreiten, dann kann man seine Reaktion schon verstehen. So ein Zusammenstoß kann auch mit ner aufgeplatzten Augenbraue oder ähnlichem enden. Von daher wäre da Zurückhaltung vom Kameramann viel eher angebracht gewesen.
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