TV-Kritik zum 18. WM-Spieltag Anti-Sommermärchen in Neukölln

Auf'm Platz lief am 18. Spieltag alles nach Plan; viel entscheidender sind die Nachwirkungen des deutschen 4:1 gegen England: Antifaschisten bekämpfen schwarzrotgoldene Flaggen, Miroslav Klose wird auch als Mensch gebraucht und Jogi Löw könnte sogar die Bundespräsidentenwahl entscheiden.

Jubeln hier gemeingefährliche Flaggen-Nazis? Deutsche Fans nach dem 4:1 gegen England
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Jubeln hier gemeingefährliche Flaggen-Nazis? Deutsche Fans nach dem 4:1 gegen England

Von Reinhard Mohr


Was geguckt? Niederlande-Slowakei (ARD), Brasilien-Chile (ZDF)

Was ist passiert? Das 4:1 gegen England wirkt nach. "I don't like Mondays" - das gilt nur für Bob Geldof und die Boomtown Rats, Campino und seine britischen Leidensgenossen. Der Rest, ganz Deutschland, ach was: die ganze Welt staunte auch noch am Tag danach über Jogi Löws Buben, die Lampard, Rooney & Co. zurück auf die Insel geschossen haben.

Am Sonntagabend war nicht nur der Berliner Kurfürstendamm eine glühende schwarzrotgoldene Partyzone, und wenn der optische Eindruck nicht täuscht, nimmt die Beflaggung von Autos, Fahrrädern und Balkonen weiter zu.

Auch in Berlin-Neukölln, dem Multikulti-Kiez par excellence. Vor allem Deutschtürken und Deutscharaber staffieren ihre Läden schwarzrotgold aus. Das konnten die Szene-"Autonomen" vom schwarzen Block - "Nie wieder Deutschland!" - natürlich nicht dulden. Der antifaschistische Kampf kennt keine Gnade, und auch ein Kleinhändler aus dem Libanon kann ein gemeingefährlicher Flaggen-Nazi sein.

Dramatisch zugespitzt hat sich der Berliner Kulturkampf um den politisch korrekten WM-Fahnenschmuck an der Ecke Sonnenallee/Pannierstraße vor "Bassal's Elektro-Shop", wo Ibrahim Bassal und seine Freunde ein gigantisches Flaggentuch aufgehängt haben. Dreimal schon wurde es von autonomen Einsatztruppen zerstört, die das kollektiv verankerte deutsche Naziungeheuer auch noch im voll integrierten türkischen Gemüsehändler bekämpfen.

Doch auch schwarzrotgold drapierte Autos sind zur Zielscheibe revolutionärer Attacken geworden. Die politische Stoßrichtung ist glasklar: Nieder mit Özil, Cacau, Khedira und den anderen blondgermanischen Nazi-Bestien! Der Schuss ist fruchtbar noch. Den deutschen Antifaschismus in seinem Lauf halten weder Mesut noch Yussuf auf.

Fast vergessen könnte man bei alldem, dass entscheidend natürlich immer noch auf'm Platz is', und da hatten es am Montagnachmittag die Holländer nicht allzu schwer gegen die Slowaken. Ein brillanter Arjen Robben genügte zum Sieg.

Auch Brasilien machte es kurz und schmerzlos beim 3:0 gegen Chile. Das psychologische Geheimnis des deutschen Erfolgs offenbarte im Ersten derweil der genesene Miroslav Klose: "Es ist schön, dass meine Person gebraucht wird. Und ich als Mensch. Der Trainer redet wirklich jeden stark."

Aber auch das Fernsehen macht jeden stark. Jedenfalls an diesen heißen Tagen, da vor fast jeder Kneipe und jedem zweiten Restaurant die Flachbildschirme stehen. Wo sonst die Glotze eher zur Vereinzelung verführt, wird sie umsonst & draußen bis in die Nacht zu einem ganz neuen Kommunikationsmittel, zu einem kollektiven Euphoriedisiakum. Wie gestern Abend, als man vom Potsdamer Platz bis zum Café am Neuen See, vom Bundespressestrand bis zur "Ständigen Vertretung" (StäV) am Schiffbauerdamm schlendern (oder radeln) konnte und wie im Vorübergehen das Spielgeschehen verfolgte. Eine merkwürdige Mischung aus Realität und Virtualität.

Im Minutentakt blieben vorzugsweise ältere Herren, die gerade aus dem Theater kamen, stehen, um das jeweils letzte Tor der Brasilianer in Zeitlupe zu begutachten.

Zugleich sorgt der flächendeckende massenmediale Klangteppich aus Werbetrailern, Anmoderationen, Interviews und Schaltgesprächen für jenes heitere Hintergrundrauschen, das auch Fußballverächtern im Ohr bleibt. Ein Hauch von Thing wehte durch die warme Hauptstadtluft, und selbst der "Fan-Experte" des ZDF, der alerte 26-jährige Student Dennis Wiese, konnte daran nichts mehr ändern.

Was war der Höhepunkt des Tages? Der Dauerflirt zwischen Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn. Stichwort "Innerer Reichsparteitag". Thema diesmal: Wann und wie oft dürfen die Spielerfrauen ins Mannschaftshotel? Entscheidende Frage: Bringt es was für den Spielaufbau? Und natürlich die Bilder von den Müllers am Ammersee beim "Family-Viewing". Bei der Gelegenheit: Public viewing heißt eigentlich Aufbahrung des Leichnams, öffentliches Totenbegängnis. Ist manchmal ja auch was Wahres dran. Siehe England.

Der Tiefpunkt? Der erbarmungswürdig schlechte, kackblöde und oberpeinliche Deutschrap der fluchwürdigen Gruppe "Blumentopf" im Ersten. Aufhören und ab in die Muttererde! Dann doch lieber gleich "So sehn Sieger aus - Schallalllallaalah!"

Was bleibt vom Tag übrig? Eine spannende Frage: Wie wirkt sich das heiße Sommermärchen 2010 auf die Wahl des Bundespräsidenten am Mittwoch aus? Anders gesagt: Wenn Jogi Löw zur Wahl von Joachim Gauck aufrufen würde, sähe dann Christian Wulff noch blasser, opportunistischer und schwiegersohniger aus als sowieso schon?

Und heute? Paraguay-Japan (16 Uhr, ARD), Spanien-Portugal (20.30 Uhr, ZDF)

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Seite 1
Marvel Master 29.06.2010
1. titel
[Ironie on] Finde auch, dass man den ganzen Nazi-Ausländern die Flaggen wegenehmen sollte. ;-) Noch 5 Jahre, und eine neue Wehrmacht bestehend aus 50% fanatischen Migranten wird ihre abtrünigen Ursprungsländer Heim ins Reich holen und eine neue Weltmacht wird sich etablieren. [Ironie off] Mal was anderes: Wenn gewisse Personengruppen in so einem Verein "Nie wieder Deutschland" beitreten, warum wandern sie dann nicht in die umliegenden Länder aus. Da ist schliesslich kein Deutschland vorhanden.
EugenVerheugen 29.06.2010
2. ...
Zitat von sysopAuf'm Platz lief am 18. Spieltag alles nach Plan; viel entscheidender sind die Nachwirkungen des deutschen 4:1 gegen England: Antifaschisten bekämpfen schwarzrotgoldene Flaggen, Miroslav Klose wird auch als Mensch gebraucht und Jogi Löw könnte sogar die Bundespräsidentenwahl entscheiden. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,703447,00.html
Herr Mohr mal wieder... So unterschiedlicher Meinung man sein kann, inwiefern türkische Lebensmittelhändler ihrer verkaufsfördernden Maßnahmen (D-Flaggen) beraubt werden sollten, und inwiefern das Flaggen-aus-dem-Fester-Hängen überhaupt eine normativ wünschenswerte Form der Integration türkischer Gemüsehändler in deutsche Verhältnisse darstellt, so sehr bleibt doch zu konstatieren: eine kritische Reflexion der beflaggten Patriotismus-Trunkenheit zu WM-Zeiten findet in den deutschen Medien schlichtweg nicht statt. Den "antifaschistischen Übereifer" mancher Akteure (im Einzelfall zurecht) ins Lächerliche zu ziehen, kann noch keine befriedigende Analyse des mindestens ebenso lächerlichen Volksgemeinschafts-Getues ersetzen, das in schwarz-rot-güldenem Gewandt derzeit wieder durch die Lande schwappt. "Schwarz-Rot-Geil - Wir machen weiter!". Vor vier Jahren wollte die Bildzeitung den patriotischen Schwung des "Sommermärchens" (ist eigentlich irgendwem die unfreiwillige Komik dieses Wortspiels in Hinblick auf das Heinrich-Heine-Original bewusst!?) in die dritte Halbzeit mitnehmen. Bleibt abzuwarten, was man sich dort diesmal einfallen lässt um der deutschen Volksseele wieder ein wenig "Zusammenhalt" beizubringen.
peterki 29.06.2010
3. Einfach...
Zitat von Marvel Master[Ironie on] Finde auch, dass man den ganzen Nazi-Ausländern die Flaggen wegenehmen sollte. ;-) Noch 5 Jahre, und eine neue Wehrmacht bestehend aus 50% fanatischen Migranten wird ihre abtrünigen Ursprungsländer Heim ins Reich holen und eine neue Weltmacht wird sich etablieren. [Ironie off] Mal was anderes: Wenn gewisse Personengruppen in so einem Verein "Nie wieder Deutschland" beitreten, warum wandern sie dann nicht in die umliegenden Länder aus. Da ist schliesslich kein Deutschland vorhanden.
Na, das ist einfach: Woanders gibts doch nicht so ne schöne Kohle vom so verhassten Staat fürs den ganzen Tag auf der Couch sitzen und Antifa-Pamphlete verfassen... ;-)
shokaku 29.06.2010
4. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von Marvel Master[Ironie on] Finde auch, dass man den ganzen Nazi-Ausländern die Flaggen wegenehmen sollte. ;-) Noch 5 Jahre, und eine neue Wehrmacht bestehend aus 50% fanatischen Migranten wird ihre abtrünigen Ursprungsländer Heim ins Reich holen und eine neue Weltmacht wird sich etablieren. [Ironie off] Mal was anderes: Wenn gewisse Personengruppen in so einem Verein "Nie wieder Deutschland" beitreten, warum wandern sie dann nicht in die umliegenden Länder aus. Da ist schliesslich kein Deutschland vorhanden.
Da gäbe es halt keine Kohle auf lau, und das zerstören fremden Eigentums könnte tatsächlich Konsequenzen nach sich ziehen. Darüber hinaus, welches Land würde solche Flachpfeifen bei sich rein lassen?
ploxystar 29.06.2010
5. Warum auch?
Zitat von EugenVerheugenHerr Mohr mal wieder... So unterschiedlicher Meinung man sein kann, inwiefern türkische Lebensmittelhändler ihrer verkaufsfördernden Maßnahmen (D-Flaggen) beraubt werden sollten, und inwiefern das Flaggen-aus-dem-Fester-Hängen überhaupt eine normativ wünschenswerte Form der Integration türkischer Gemüsehändler in deutsche Verhältnisse darstellt, so sehr bleibt doch zu konstatieren: eine kritische Reflexion der beflaggten Patriotismus-Trunkenheit zu WM-Zeiten findet in den deutschen Medien schlichtweg nicht statt. Den "antifaschistischen Übereifer" mancher Akteure (im Einzelfall zurecht) ins Lächerliche zu ziehen, kann noch keine befriedigende Analyse des mindestens ebenso lächerlichen Volksgemeinschafts-Getues ersetzen, das in schwarz-rot-güldenem Gewandt derzeit wieder durch die Lande schwappt. "Schwarz-Rot-Geil - Wir machen weiter!". Vor vier Jahren wollte die Bildzeitung den patriotischen Schwung des "Sommermärchens" (ist eigentlich irgendwem die unfreiwillige Komik dieses Wortspiels in Hinblick auf das Heinrich-Heine-Original bewusst!?) in die dritte Halbzeit mitnehmen. Bleibt abzuwarten, was man sich dort diesmal einfallen lässt um der deutschen Volksseele wieder ein wenig "Zusammenhalt" beizubringen.
Warum auch!? Deutschland kann doch froh sein, endlich wieder zu seinem Land stehen zu können. Die Zeiten, in denen Deutschland als Hund mit eingeklemmter Rute herumrutschte sind zum Glück vorbei. Ja, es gibt wieder einen deutschen Patriotismus - und das ist gut so!
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