TV-Kritik zum 19. WM-Spieltag Deutschland. Ein Sommermädchen

Fußball könnte so schön sein - wenn da nicht Spiele wie am Dienstag sowie Leute wie Oliver Kahn und ehemalige "Topmodel"-Kandidatinnen wären, die sich nicht zu schade sind, auch die blödesten Geschlechterklischees auszuleben.

ZDF-Experte Oliver Kahn mochte sich nicht dazu äußern, ob Cristiano Ronaldo attraktiv ist
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ZDF-Experte Oliver Kahn mochte sich nicht dazu äußern, ob Cristiano Ronaldo attraktiv ist

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Was geguckt? Paraguay - Japan (ARD), "taff" (ProSieben), Spanien - Portugal (ZDF)

Was ist passiert? "Eins - zwei - drei: Oberkörper frei!" Na, wem ist dieser flotte Reim wohl über die Lippen gekommen? Dieter Bohlen beim DSDS-Casting auf Malle? Einem der namenlosen Juroren bei ProSiebens "Sommermädchen", wo Frauen nach einzelnen Körperregionen bewertet werden ("Kleiner Busen, aber besser, als wenn sie einen Riesenhintern hätte")?

Nein, ZDF-Kommentator Oliver Schmidt dichtete den kurzen Vers im Spiel Spanien gegen Portugal, als der Portugiese Ricardo Carvalho seinem Gegenspieler Fernando Llorente derartig am Trikot zog, dass es zerriss. Dass so ein kleiner Quatschsatz am Dienstagabend auffiel, war aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass Schmidt ansonsten angenehm unauffällig kommentierte. Kein Gefasel von "Fado gegen Flamenco", kein vielbeschworener "iberischer Bruderkrieg" - einfach saubere Begleitung von einem meist sehr zähen Spiel.

Peinlich dagegen der andere Olli im ZDF - Oliver Kahn. Jüngst war man ja sehr froh, dass er und Katrin Müller-Hohenstein endlich zu einem etwas entspannteren Umgang miteinander gefunden hatten. Doch als Müller-Hohenstein vor Beginn der Partie Spanien gegen Portugal Kahn fragte, ob er nachvollziehen könnte, warum so viele Frauen für den portugiesischen Kapitän Cristiano Ronaldo schwärmten, kriegte der nur ein Stammeln raus - und entschuldigte sich schließlich dafür, dass er auf so eine Frage nicht antworten könnte. MEINE HERREN! Wie verklemmt muss man sein, um einem anderen Mann nicht eine gewisse Attraktivität zusprechen zu können? Wenn so viel Angst herrscht, mit irgendeiner Form von Homoerotik, geschweige denn Homosexualität, in Verbindung gebracht zu werden - kein Wunder, dass noch kein aktiver Profi-Fußballer das Coming-out gewagt hat. In Momenten wie am Dienstagabend wird Repression gelebt.

Aber auch Frauen müssen wir hier mal in die Pflicht nehmen, gegen Vorurteile anzuarbeiten. In der Halbzeitpause von Paraguay gegen Japan schalteten wir nämlich kurz um zu ProSieben und seinem Boulevardmagazin "taff" und waren entsetzt, dass es sie immer noch gibt: Frauen, die sich vor laufender Kamera eins abstottern zur Abseitsregel! MEINE DAMEN! Entweder legen Sie sich drei gerade Sätze zur Abseitsregel parat - oder sagen ehrlich, dass Sie sich nicht für das Spiel interessieren. Alles andere treibt weibliche Fußballfans in den Wahnsinn.

Zugegeben, die Frauen, die bei "taff" befragt wurden, waren gescheiterte "Topmodel"-Kandidatinnen und wahrscheinlich durch Heidi Klums Knebelverträge dazu verpflichtet, bei jedem Käse mit ProSieben-Kamera mitzumachen. Und wahrscheinlich sind die Kandidatinnen nach diversen Shoots mit Bodypainting und Kakerlaken einfach nur froh, wenn die Kameras ausnahmsweise mal auf ihren Mund halten. ABER TROTZDEM!

Was war der Höhepunkt des Tages? Das erste Elfmeterschießen des Turniers in der Partie Paraguay gegen Japan! Dramatischer, weil ungerechter und gleichzeitig effizienter kann Fußball nicht sein.

Der Tiefpunkt? Die 120 Minuten Spiel vor dem Shoot-out. Aber die waren ab dem ersten Elfmeter schon wieder vergessen.

Was bleibt vom Tag übrig? Immer noch ein bisschen ÄRGER über Olli Kahn und die ProSieben-Frauen.

Und heute? Ist der erste spielfreie Tag seit Beginn der WM.

insgesamt 36 Beiträge
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BouvardPecuchet 30.06.2010
1. Top oder Flop?
Zitat von sysopFußball könnte so schön sein - wenn da nicht Spiele wie am Dienstag sowie Leute wie Oliver Kahn und ehemalige "Topmodel"-Kandidatinnen wären, die sich nicht zu schade sind, auch die blödesten Geschlechterklischees auszuleben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,703712,00.html
Totgesagte leben bekanntlich länger, vor allem, wenn man wie das ZDF über ein Stammpublikum verfügt, das dieser Thematik doch weit näher steht, als das Publikum anderer Stationen. Alles in allem möchte ich sagen, die machen ihren Job beim ZDF gar nicht so schlecht. Olli Kahn mag man etwas hölzern finden, aber er ist nunmal der Fußballexperte, als solcher ist er kein Populist und läßt sich dann z.B. auch nicht darauf ein, das Spiel der Spanier nur deshalb schlecht zu reden, weil es nicht den erwarteten Glanz geboten hat. Seine Mitmoderatorin hat eine andere Aufgabe, sie hat die "menschliche Seite" zu repräsentieren und bringt damit den guten Herrn Kahn manchmal etwas aus dem Konzept. Sei's drum, dass ist doch alles gar nicht blöd und es ist vor allem weitaus unterhaltsamer als das alte Ehepaar in der ARD, das einzig aus wissenschaftlicher Sicht verblüfft, weil es zeigt, dass auch Scheintote moderieren können. Über den RTL-Populismus decken wir mal lieber den Mantel des Schweigens. Wenn ich grölende Fans hören möchte, dann gehe ich in's Stadion, so etwas tue ich mir nicht auch noch während der Berichterstattung vor und nach dem Spiel an. Das ZDF hat übrigens noch weitere Pluspunkte. Das sind z.B. die Berichte von Joanne Strauß, die so manch Überraschendes bieten und auch journalistisch überzeugen. Wie sehr leidet man dagegen, wenn man der armen Franzi van Almsick beim debütieren/dilettantieren zuschaut. Mein Gott ARD, ihr kassiert soviel Gebühren, da sollte doch etwas mehr drin sein, als dieser Edelpromikitsch. Und wenn es schon eine Ex-Sportlerin sein soll, die mit Fußball nichts zu tun habt, dann nehmt doch lieber die Franziska Schenk, die versteht wenigstens etwas vom Fernsehgeschäft. Auch die Idee mit dem Fanbeauftragten beim ZDF ist überraschend gelungen. Hatte man im Vorfeld noch gemunkelt, man bräuchte ihn gar nicht, da die Reporter ja meist selbst aus strikter Fanperspektive berichten (man nennt das auch Hofberichterstattung), so entwickeln sich doch durch dessen Interventionen interessante Debatten, die die angestammten Journalisten auch wieder mehr auf ihre eigentliche Rolle verpflichten. Uff, das wär's erstmal, hätte nicht gedacht, dass man zur "spannendsten Nebensache" der Welt (ich meine das Fernsehen und nicht den Fußball, der Fußball ist eine Hauptsache) soviel schreiben kann.
Lisachen 30.06.2010
2. Selten so einen ..
.. dämlichen Artikel gelesen. Was soll man (Kahn) denn auch schon auf so eine bescheuerte Frage antworten? Abgesehen davon, dass vermutlich auch nicht jeder diesen Milchbubi und Spieler, der zwar ständig trickst, aber leider (fast) nie trifft, attraktiv findet. Das hat für mich nichts damit zu tun, dass Olli Kahn sich nicht mit Homosexualität in Verbindung bringen lassen möchte. Aber man kann auch jedes lächerliche Beispiel dazu heranziehen, nur um dieses Thema der Homosexualität im Fußball immer wieder hochzupushen..
schuldig_bei_verdacht 30.06.2010
3. Ich
persönlich finde die Kommentare der beiden meistens überflüssig. was mich aber noch mehr aufregt ist der Autor dieser Artikel (Mit vollem Respekt). Wenn Sie aber besser kommentieren oder moderieren können dann bitteschön.
camou 30.06.2010
4. frauen und ronaldo
Zitat von sysopFußball könnte so schön sein - wenn da nicht Spiele wie am Dienstag sowie Leute wie Oliver Kahn und ehemalige "Topmodel"-Kandidatinnen wären, die sich nicht zu schade sind, auch die blödesten Geschlechterklischees auszuleben. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,703712,00.html
zu ronaldos aussehen muss sich kahn nicht äussern. dies hat nichts mit verklemmtheit zu tun; eher mit vornehmer zurückhaltung. im gegensatz zu frauen können männer ronaldos gesichtsausdruck und gesamteindruck durchaus auch als dümmlich empfinden. männer differenzieren mehrheitlich nämlich zwischen fußball und aussehen.
ichliebeeuchdochalle 30.06.2010
5. Heute
Heute (spielfrei) wäre so ein Tag, wo man ausgezeichnete Hintergrund-Beiträge hätte zeigen können. Die man sich an anderen Tagen zuvor hätte sparen können. Aber nein. Ich lege dem Herrn Kahn mal eine mögliche Antwort in den Mund: Aber, liebe Kathrin, nichts gegen die Bauchmuskeln von Ronaldo, aber du weißt doch, es zählen die inneren Werte. 1400gr funktionierendes Hirn sind wichtiger als 5kg Bachmuskeln."
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