TV-Kritik zum 22. WM-Spieltag Schlaaand ohne Vorspiel - nein, danke!

Was muss, das muss: In einer kleinen Hamburger Souterrain-Bar fieberten die Gäste ganz opportunistisch für Uruguay. Doch das Halbfinale gegen die Niederlande war nur das Vorspiel. Der Höhepunkt wurde von ZDF und Co. immer wieder hinausgezögert.

Hamburger Kiezkneipe im WM-Fieber: Hier strebt niemand nach Größe...
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Hamburger Kiezkneipe im WM-Fieber: Hier strebt niemand nach Größe...

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Was geguckt? ARD-"Morgenmagazin", Uruguay - Niederlande (ZDF)

Was ist passiert? Wer mal nüchtern die Schlaaandisierung dieses Landes betrachtet, der kommt nicht umhin, das Phänomen mit anderen psychischen Extremzuständen zu vergleichen. Der Begriff Verzückung fiele einem ein, Rausch sicher auch oder gar Ekstase. Misstrauische Leser werden vielleicht ahnen, in welche Richtung sie der durchtriebene Autor dieser Zeilen jetzt jagen will, und zack, da kommt es auch schon: diese WM wirkt irgendwie wie Sex. Und aus eben dieser Feststellung folgern wir: Das Spiel der Niederlande gegen Uruguay war nichts anderes als - ein Vorspiel (man verzeihe die billige Sex-Kalauerei, die WM hebelt ja alle journalistischen Grundsätze aus).

Beweis für diese These? Trat das ZDF sehr früh an diesem Fernseh-Fußballabend selbst an. Holländer und Urus waren nur Nebensache, wichtig schien vor allem, die Schlaaandisierung der Zuschauerschaft bis zur Besinnungslosigkeit voranzutreiben, das Publikum also quasi richtig geil auf mehr zu machen. Schon gleich zu Beginn der Übertragung betrieben die ZDF-Zahlenmagier daher krudesten Kicker-Kabbalismus: Vier Tore gegen Australien! Vier Tore gegen England! Vier Tore gegen Argentinien! Bedeutet? Vierter Weltmeistertitel! Eine Umfrage unter internationalen Sportjournalisten (Sinngemäß: How gut ist Schlaaand?) sollte diese Hybris untermauern, die Kollegen lobten brav und eifrig, allein ein smarter Brite wies maliziös darauf hin, dass der Schlüssel zum deutschen Erfolg einen Namen trägt: Michael Ballack.

Später sendete das Zweite noch ein Porträt: der Super- und Shooting- und Sonstwiestar Thomas Müller! (Der ist zwar im Halbfinale gar nicht dabei, aber immer gut , den noch mal vorzustellen.) Schließlich eine erste Schalte zu Michael Steinbrecher, der laut ZDF-Sportsfrau Katrin Müller-Hohenstein, der Königin der salbungsvoll vorgetragenen Nichtigkeit, immer "hautnah an der deutschen Mannschaft" dran ist - nur in diesem Moment leider mutterseelenallein und mitten in tiefschwarzer Nacht vor dem Stadion in Durban steht; eine einsame Haut sozusagen, aber voller guter Vibes (Lahm gegen Ballack? Ach was...).

Während das ZDF uns also etwas benebelt anfunkte, erinnerte das WM-Studio-Publikum in einer kleinen Hamburger Souterrain-Bar wieder einmal an die Weisheit, dass sich die Menschheit in zwei Hälften teilt. Nicht in Männer und Frauen, nein. Biologistische Anachronismen werden Sie in einem genderpolitisch sensibilisierten Kulturressort vergeblich suchen, wir haben hier einen Ruf zu verlieren, männlich und weiblich sind nichts weiter als konstruierte Identitäten, von wegen Performanz und so, fragen Sie mal eine, die sich in postmodernen Geschlechterverhältnissen auskennt, am besten Judith Butler.

Nein, wir reden von der Spaltung der Menschheit in jenen Teil, der sich bei der WM als nächste Gegner seines favorisierten Teams sogenannte "Kleine" wünscht (deren Existenz Berti Vogts stets vehement bestritten hat), und in den anderen Teil der Menschheit, der eine Herausforderung will, der im doppelten Wortsinne nach Größe strebt, der seine Kicker des Herzens also lieber gegen sogenannte "Große" spielen sehen möchte, gegen Brasilien etwa, Italien oder eben die Niederlande.

In der kleinen Hamburger Souterrain-Bar jedenfalls strebte fast niemand nach Größe, es überwog der Anteil derer, die die Urus siegen sehen wollten. Vermutlich war das nur ein opportunistischer Schachzug des tendenziell kulturlinken und daher patriotismusfernen Hamburger Souterrain-Bar-Publikums, dem folgende Logik zugrunde lag: Wer die Urus anfeuert, steht hinter dem Underdog (Underdog = okay) und kann sich überdies im Erfolgsfall über den vermeintlich leichteren, eventuellen Endspielgegner Deutschlands (Deutschland = nicht okay) freuen, das man aber ja eigentlich heimlich siegen sehen möchte (Underdog gegen Deutschland = doppelte Siegchance).

Wie auch immer: Das Vorspiel zum Mittwoch-Match war für Uru-Fans abtörnend. Als in der 18. Minute der Liebestöter Giovanni van Bronckhorst das erste Ding reinmachte, sackte das Erregungslevel vor der Großbildleinwand schlagartig ab, und die Zuseher kamen auch durch den Ausgleich nur kurzfristig wieder in Fahrt, zu flott stießen die Holländer erneut zu (man verzeihe die billige Sex-Kalauerei, die WM hebelt ja alle journalistischen Grundsätze aus).

So blieben nur die Freude am niederländischen Kronprinzenpaar, das mit seinen Tanzbärchen-Moves aussah wie Andrea Kiewel im Zwillingsformat - so wie die Diskussion mit dem Wirt des Vertrauens und seinen Gästen über Oktopus Paul aus Oberhausen. Der hat, viele werden's wissen, einen Sieg Spaniens im morgigen Spiel gegen Deutschland prophezeit, was für betroffene Seufzer an der Bar sorgte, bis jemand behauptete, Paul habe sich noch nie geirrt, nur ein einziges Mal: Bei der letzten EM habe er vorhergesagt, Deutschland werde gegen Spanien siegen. Also könne es doch dieses Mal umgekehrt sein!

Wer mal nüchtern die Schlaaandisierung dieses Landes betrachtet, der kommt nicht umhin, das Phänomen mit anderen psychischen Extremzuständen zu vergleichen. Der Begriff Irrsinn fiele einem ein.

Was war der Höhepunkt? ARD-"Morgenmagazin"-Sportmoderator Peter Großmann bereist gemeinsam mit Expertin und Ex-Fußballerin Nia Künzer in einem sogenannten WM-Bus Südafrika. An einem sturmumtosten, wolkenverhangenen Strand namens Camps Bay singt er "Spuren im Sand" und lobt Künzers "schlanke Fesseln". Die analysiert mit Playmobil-Figuren ganz cool die Taktik der Urus. Mehr davon! Nia rules.

Was der Tiefpunkt? "Da Fußball sowieso nicht die erste Droge für mich is', ähm, isses nicht schlimm, dass grad' kein Fußball is', aber ich freu' mich auch wieder aufs nächste Spiel." Eine junge Dame im Bikini deutet in einem Einspielfilmchen fürs ARD-"Morgenmagazin" an, dass sie sich für andere Drogen mehr interessiert - und wir erfahren nicht, für welche.

Was bleibt vom Tage übrig? Die WM ist, wir hatten's festgestellt, wie's wahre Leben - am Ende häufen sich die Fragen. Warum tragen die niederländischen Nationalspieler Unterhemden, die aussehen wie Wrestler-Trikots mit Rückendekolleté? Bei Michael Steinbrecher zierte er sich noch, wir müssen's aber unbedingt bald erfahren: Welche Sauereien über den Gegner sagt Schweinsteiger im Mannschaftskreis vor Beginn eines Spiels, um das Team heiß zu machen? Und schließlich: Welche SMS schickt Arjen Robben jetzt seinen Mannschaftskameraden vom FC Bayern, die fürs deutsche Team spielen?

Und heute? Warmlaufen mit: "Fußball-WM Italien 1990", (17.50 Uhr, ARD). Schaulaufen mit: Joachim Löw in seinem blauen V-Neck-Shirt (20.30 Uhr, ARD).



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
scusibueno 07.07.2010
1. Irrsinn?
---Zitat--- Wer mal nüchtern die Schlaaandisierung dieses Landes betrachtet, der kommt nicht umhin, das Phänomen mit anderen psychischen Extremzuständen zu vergleichen. Der Begriff Irrsinn fiele einem ein. ---Zitatende--- Hört sich fast wie die Beurteilung eines Fußball- und Gesellschaftsmuffels. Lassen Sie doch die WM mal WM sein und freuen Sie sich über die "Schlaaandisierung" in dieser Zeit. Die Deutschen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass nach dem Turnier auch bald damit Schluss ist. Warum nicht eine Zeit lang gemeinsam feiern?
frubi 07.07.2010
2. .
Zitat von sysopWas muss, das muss: In einer kleinen Hamburger Souterrain-Bar fieberten die Gäste ganz opportunistisch für Uruguay. Doch das Viertelfinale gegen die Niederlande war nur das Vorspiel. Der Höhepunkt wurde von ZDF und Co. immer wieder hinausgezögert. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,705084,00.html
Ich schalte sowieso erst ca. 20 Minuten vor dem Anstoss den Fernseher ein. Ansonsten wird man doch verrückt. Gewinnspiele, historische Vergleiche, labile Fanaussagen ("Unfassbar geil. Einfach nur Geil. DeutschLAAAAAND"), Ausschnitte aus nichtssagenden Pressekonferenzen. Nach dem Spiel kriegt man im ZDF auch noch einen totaaal natürlichen Fan-Experten serviert, der den Fans vor der Glotze sagt, was Fans so denken und fühlen. Nur bei Netzer/Delling bleibe ich länger dran. Die beiden sind einfach herrlich wenn Sie einen guten Tag erwischt haben. Aber diese Müller-Hohenstein
lisa simpson 07.07.2010
3. "Was bleibt vom Tage übrig?"
Tja, kommt drauf an, wie spät es ist. Um neun Uhr Abends sind es z.B. noch drei Stunden. Oder was ist mit der Frage gemeint?
J. Knau 07.07.2010
4. -
Zitat von frubiIch schalte sowieso erst ca. 20 Minuten vor dem Anstoss den Fernseher ein. Ansonsten wird man doch verrückt. Gewinnspiele, historische Vergleiche, labile Fanaussagen ("Unfassbar geil. Einfach nur Geil. DeutschLAAAAAND"), Ausschnitte aus nichtssagenden Pressekonferenzen. Nach dem Spiel kriegt man im ZDF auch noch einen totaaal natürlichen Fan-Experten serviert, der den Fans vor der Glotze sagt, was Fans so denken und fühlen. Nur bei Netzer/Delling bleibe ich länger dran. Die beiden sind einfach herrlich wenn Sie einen guten Tag erwischt haben. Aber diese Müller-Hohenstein
Dieser Typ ist mir auch schon aufgefallen. So unnatürlich aufgeputscht, sagt nur was man gerne hören möchte. Entweder wurde der angagiert oder er benutzt den Auftritt als Bewerbungsvideo für einen Job als Animateur auf Mallorca. So oder so, echt peinlich.
hansevision 07.07.2010
5. richtig zuhören, Autor!
Hätte der Autor dem englischen Journalisten richtig zugehört, so hätte er erfahren, dass dieser meinte, der Schlüssel zum Erfolg der sei Deutschen Ballack - und vor allem die Tatsache, dass er nicht dabei sei. Ansonsten enttäuscht mich die ZDF-Übertragung der WM auf der ganzen Linie. War mir nie vorher in dem Maße aufgefallen, zu welch einem Schundsender sich das ZDF entwickelt hat, im Vergleich zur ARD. Die unbeholfenen Kommentare wirken hölzern bis peinlich (Zitat Frau Müller-Sonstwas:" da wird Klose seinen inneren Reichsparteitag gehabt haben") und die Einschnitte samt "Fanspezialist Wiese" wirken abgesprochen und doof - überhaupt erinnert die ganze Übertragung an sozialistisches Staatsfernsehen. Dafür ist man sich dann aber nicht zu schade, bei einer Nachmittags-Übertragung weit mehr Werbung zu zeigen, als die ARD. Bei der Übertragung eines Deutschlandspiels in der Vorrunde durfte Oliver Kahn gerade einmal etwa 2 Fragen beantworten - der Rest waren sich wiederholende Werbespots!!! Was fällt denen ein!?!?!
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