TV-Kritik zum 24. WM-Spieltag Zwei Abschiede und ein Grippefall

Deutschland ist durch, Netzer auch. Und so wurde die Übertragung des kleinen Finales zur Abschieds-Show in der ARD. Am Ende hatten sich der Experte und sein Moderator Gerhard Delling sogar richtig lieb.
Von Peer Schader
ARD-Moderator Delling (l.), Experte Netzer: "Es ist das letzte Spiel der WM"

ARD-Moderator Delling (l.), Experte Netzer: "Es ist das letzte Spiel der WM"

Foto: SWR DPA

Was geguckt? Die Volker Herres (ARD) & Thomas Bellut (ZDF) Show, Deutschland - Uruguay (ARD), "Waldis WM-Club" (ARD)

Was ist passiert? Am Mittwochabend, als das Spiel gegen Spanien endlich vorbei war, ist der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft vom Reporter gefragt worden, wie viel Lust er jetzt auf das Spiel um Platz drei am Samstag habe. Und Phillip Lahm hat ebenso ehrlich wie knapp geantwortet: "Heute? Gar keine."

Dann hat ihn die Grippe erwischt.

Platz drei, tja. Da kann man nicht viel zu sagen. Außer: Was gäbe es für ein geeigneteres Spiel, um es gemeinsam mit Menschen anzusehen, die etwas von verpassten Chancen verstehen und sich selbst eine gewisse Leidensfähigkeit zuschreiben - mit Journalisten also.

Auf dem Gelände des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg-Lokstedt, um die Ecke von Hagenbecks Tierpark und der Seniorenresidenz New Living Home, sind vor dem Konferenzzentrum mehrere Stehtische mit gelbem Plastiküberzug aufgebaut. Links die Würstchenbude, rechts die "Zapfstelle", alles sieht ein bisschen nach CDU-Ortsteilfest aus.

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In der Mitte stehen zwei HD-Fernseher. Davor haben sich die übriggebliebenen Besucher der Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz versammelt, bei der sich Schreiber und Fernsehmacher getroffen haben, um sich gegenseitig zu bestätigen, dass ihre Branche quasi dem Untergang geweiht ist. Weil es immer seltener um guten Journalismus, aber immer mehr ums Geldverdienen geht (wobei Letzteres noch nicht mal richtig hinhaut).

Zum Schluss war ARD-Programmdirektor Volker Herres da und hat mit ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut über "Gebührengelder nur noch für Trallala?", die Entertainisierung ihrer Programme, sprechen sollen. Weil es so heiß war, haben sich die beiden dann aber einfach gegenseitig die Bälle zugespielt ("Da bin ich ganz Ihrer Meinung", "Ich muss Ihnen zustimmen"). Herres hat nachher zusammengefasst: "Fernsehen ist ja nicht 'Wünsch dir was' - jeder sagt, was er gerne hätte, und was rauskommt, ist das Programm."

Vangelis feiert sein Comeback

Und Fußball? Der auch nicht! Schade, dass Herres nicht noch zum Fachsimpeln geblieben ist. Die Stimmung vor dem NDR-Konferenzzentrum ist am Abend eher verhalten, aber das kann auch an der Erschöpfung liegen. Auf dem Bildschirm versucht die ARD mit dramatischen Beiträgen zu emotionalisieren und scheint für die Musikuntermalung extra eine Vangelis-Platte auf dem Flohmarkt erstanden zu haben. Aber irgendwie ist die Luft raus, trotz späterem Führungstor.

Nach dem Ausgleich Uruguays sind vereinzelt Tintenfischwitze zu hören: dass es Calamares gebe, wenn Krakenorakel Paul aus Oberhausen mit seiner Vorhersage zugunsten der Deutschen falsch gelegen habe. "Man merkt ganz eindeutig: Es ist das letzte Spiel der WM", sagt Gerhard Delling in der Halbzeitpause über die Nationalmannschaft. Susanne Holst erzählt in den "Tagesthemen", die gleich nebenan produziert werden, dass es neue Versuche von BP gebe, das Ölleck zu stopfen. "Dat Ding kriegen die nie zu", sagt der Mann vom Würstchenstand. Als Forlán in der 51. Minute das Führungstor für Uruguay schießt, steigt die Frequenz der Calamares-Witze kurzzeitig an.

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Am Ende aber gibt es doch noch Bronze. Christian Wulff hat einen neuen Kurzhaarschnitt und eine schwarz-rot-goldene Krawatte mit nach Südafrika gebracht, schüttelt den deutschen Spielern die Hände und sagt nachher: "Man hat einfach spüren können, dass das tolle Charaktere sind." Toll, dieser Bundespräsident, was der schon jetzt alles spürt.

In Lokstedt werden sofort nach der Medaillenvergabe die Fernseher abgeschaltet, offensichtlich mag sich hier niemand gebührend von Günter Netzer verabschieden, der sein letztes Spiel für die ARD analysiert hat. Enttäuschte Flucht ins Schanzenviertel, wo in der Kneipe auf der Großleinwand schon wieder Christian Wulff redet, diesmal übers Finale ("Da möge der Bessere gewinnen, bla bla, zwei tolle Länder, bla bla, zwei tolle Mannschaften, bla bla, Südafrika ist ein tolles Land"). Auf dem Heimweg hört der Taxifahrer zur Feier des Tages Howard Carpendale und ist nach vier Wochen WM nicht mehr von mobilen Vuvuzela-Bläsern zu schocken, die wegen des Fahrtwinds im Wagen nebenan beinahe die Tröten verlieren.

Aber nur beinahe. Wir sind hier ja schließlich nicht bei "Wünsch dir was".

Was war der Höhepunkt des Tages? Drei DVDs - mit den schönsten Momenten, den besten Versprechern und den lustigsten Beschimpfungen - kriegt Günter Netzer am Ende geschenkt, Gerhard Delling packt einen Zettel aus, auf dem steht, "was ich Ihnen schon immer sagen wollte: Danke!". Franz Beckenbauer (der echte!) klebt einige offensichtlich lobend gemeinten Sätze aneinander und versucht witzig zu sein: "Er ist älter als ich, wie man sieht, wesentlich älter, das kann man sehen. Ein Jahr." Und Netzer, jeglichen Abschiedsschmerz gekonnt verbergend, wird ein letztes Mal weich: "Sie haben sich in diesen 13 Jahren als echter Freund bewiesen", sagt er zu Delling. "Es ist eine Freude gewesen, mit Ihnen gearbeitet zu haben. Es hat mich fürs Leben gestählt." Beim Team bedankt er sich mit den Worten: "Sie waren immer alle lieb zu mir." Bis in vier Jahren, dann! Bei RTL.

Was war der Tiefpunkt des Tages? Matze Knop war für die letzte Ausgabe von "Waldis WM-Club" nicht als Franz Beckenbauer verkleidet, sondern als er selbst. Ist aber auch keine Alternative.

Was bleibt vom Tage übrig? Die Erkenntnis, dass Fußballgucken mit "SZ"-Rechercheur Hans Leyendecker gar nicht so spektakulär ist, wie man sich das vorstellt. Wegen absoluter Jubelverweigerung.

Und heute? Niederlande - Spanien (ZDF)

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