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19. Juni 2010, 13:48 Uhr

TV-Kritik zum achten WM-Spieltag

Als der Jogi vom Rumpelstilzchen zum Buddha wurde

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Das Leben ist voller böser Überraschungen, das Fußballgeschäft auch - aber echte Sportsmänner lassen sich ihre Laune nicht von Rückschlägen verderben: Erfreuliche Gelassenheit blubberte am vergangenen, verdüsterten TV-Fußballtag aus den Herzen von Spielern, Trainern und Reportern.

Was geguckt? Deutschland-Serbien, Slowenien-USA (beide ZDF), England-Algerien (RTL und Sky)

Was ist passiert? "Man wächst nicht an Niederlagen. Man geht an ihnen zugrunde", hat der große Sportphilosoph Jan Philipp Reemtsma in einem Buch übers Boxen geschrieben, deshalb muss man verstehen, wenn man einen WM-Fernsehtag lang fast nur wütende, traurige, vom Schmerz verzerrte Gesichter zu sehen bekommt.

Wayne Rooney zum Beispiel, ein Titan der überschäumenden Leidenschaft, schnauzt schon wegen eines zugegeben glanzlosen Unentschiedens in die Kamera wie ein hinterenglischer Bierkutscher, während der Sky-Reporter etwas von "gefühlten Niederlagen" und "gefühlten Siegen" ins Mikrofon murmelt.

Um wie viel tiefer kann man es da unseren stolzen deutschen Recken nachfühlen, dass der Zorn ihre Wangen rötet nach ihrem verpfiffenen Spiel! Die Wangen von Bastian Schweinsteiger etwa, dem die Luft knapp zu werden droht, während er das Verbot des Körperkontakts auf dem WM-Rasen im allgemeinen und die Leistung des spanischen Schiedsrichters auf dem Platz in Port Elizabeth im besonderen geißelt. Dass man da letztlich "überhaupt nicht mehr reingehen" könne in jeglichen Zweikampf, klagt Schweinsteiger. Auch Olli Kahn, sonst königlich gelassen und mit den großen Kieferknochen malmender Experte im ZDF-Studio, sorgt für einen hochemotionalen Höhepunkt des Fernsehtages, ach was, der Fernsehgeschichte. "Das hat doch mit Fußball nichts mehr zu tun", lautet Kahns Diagnose.

Brillant! Aber mit was dann?

Hier wird auf peinigende Weise klar, dass die TV-Experten-Aufstellungen dieser WM nicht funktionieren: Kahns Studiokollegin Katrin Müller-Hohenstein ist leider außerstande zum Dialog. Reagieren, Nachfragen, Zuhören ist einfach nicht so ihr Ding. Da ist es ein schwacher Trost, dass auch die Aussagen von Mehmet Scholl oder Jürgen Klopp oder Jürgen Klinsmann meist wie abgelesen wirken und nicht als Dialoganreiz begriffen werden. Die fast lebensechte Simulation eines Pingpong bleibt das Alleinstellungsmerkmal von Netzer und Delling.

Das Erfreuliche und Erstaunliche an diesem Tag aber ist die souveräne Art, wie sich die gerade noch Empörten unter den Reportern, den Experten und den Akteuren auf dem Platz auf die Tugend der Gelassenheit besinnen. Grenzt es nicht an ein Wunder, wie sich der Bundestrainer Löw nach einem Rumpelstilzchen-Auftritt am Spielfeldrand und einem Sprint in die Kabine plötzlich als seelenruhiger Fußballbuddha vors Reportermikrofon begibt? Als habe er nicht bloß eine Schlusspfiff-Fluppe durchgezogen, sondern irgendeinen Zaubertrank gekippt, der die Welt im Nu ganz weich und flauschig und rosarot macht! Ist nicht auch Kahn gleich nach seinem Ausbruch wieder ein vor Optimismus und Weltläufigkeit strahlender Fußballstaatsmann? Und muss man nicht auch Lukas Podolskis obercooles Statement nach dem Abpfiff bewundern, in dem er über seinen verschossenen Elfmeter partout nicht trauern will, sondern bloß die Schultern zuckt, weil seinesgleichen nun mal geschieht?

Bei Sky sagt der Studio-Experte Felix Magath dann am Abend ein paar Sätze, die irgendwie echt ungeheuerlich klingen nach der WM-Euphorie der vergangenen Tage auf allen Kanälen. "Siege sind nicht selbstverständlich. Siege muss man sich verdienen." Dann grinst er sein Magath-Grinsen und schiebt den Satz nach: "Ich wäre als Trainer heute zufrieden gewesen mit dem Auftreten der deutschen Mannschaft." Man kapierte sofort: Für Magath war es ein Tag des gefühlten Triumphs.

Was war der Höhepunkt des Tages? Der Moment, in dem uns Jogi Löw scheinbar den Horst Köhler machte. Da wandte der mal wieder formidabel und tiefschwarz angezogene Bundestrainer dem Spiel und dem Wüten der ganzen Welt plötzlich den Rücken zu, als wolle er sich beleidigt ein für allemal abwenden, als sei ihm ein namenloses und irreparables Leid widerfahren. Dieser heroische Einsamkeitsstolz, diese Noblesse! So gehen Deutschlands Lotsen heutzutage von Bord. Aber nein, zum Glück doch nicht. Plötzlich raffte sich der rechtschaffene Mann auf und zusammen und kehrte zurück zu seiner Spielerbank, von der die Pflicht ruft, die Nation und natürlich auch der liebe Hansi Flick.

Was der Tiefpunkt? Die Leidenschaftsarmut, die der ZDF-Reporter an den Tag legte, als im mitreißenden Spiel zwischen Slowenen und Amerikanern der Schiedsrichter vier Minuten vor Schluss den regulär erzielten Siegtreffer der USA zum 3:2 nicht anerkannte.

Was bleibt vom Tage übrig? Ausgerechnet Hans-Olaf Henkel lag mit seinem Prominententipp für das Deutschlandspiel richtig, den er in der "taz" abgegeben hatte. Das Match werde 0:1 ausgehen, prophezeite Deutschlands TV-Leistungsprediger Nummer eins, weil "unsere Spieler wie die meisten deutschen Sozialpolitiker, Linksjournalisten und 'taz'-Leser meinen, sich auf Leistungen vergangener Zeiten ausruhen zu können". Uff!

Und heute? Niederlande-Japan, Ghana-Australien, Kamerun-Dänemark, alle ARD/ Sky

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