TV-Kritik zum achten WM-Spieltag Als der Jogi vom Rumpelstilzchen zum Buddha wurde

Das Leben ist voller böser Überraschungen, das Fußballgeschäft auch - aber echte Sportsmänner lassen sich ihre Laune nicht von Rückschlägen verderben: Erfreuliche Gelassenheit blubberte am vergangenen, verdüsterten TV-Fußballtag aus den Herzen von Spielern, Trainern und Reportern.

AFP

Was geguckt? Deutschland-Serbien, Slowenien-USA (beide ZDF), England-Algerien (RTL und Sky)

Was ist passiert? "Man wächst nicht an Niederlagen. Man geht an ihnen zugrunde", hat der große Sportphilosoph Jan Philipp Reemtsma in einem Buch übers Boxen geschrieben, deshalb muss man verstehen, wenn man einen WM-Fernsehtag lang fast nur wütende, traurige, vom Schmerz verzerrte Gesichter zu sehen bekommt.

Wayne Rooney zum Beispiel, ein Titan der überschäumenden Leidenschaft, schnauzt schon wegen eines zugegeben glanzlosen Unentschiedens in die Kamera wie ein hinterenglischer Bierkutscher, während der Sky-Reporter etwas von "gefühlten Niederlagen" und "gefühlten Siegen" ins Mikrofon murmelt.

Um wie viel tiefer kann man es da unseren stolzen deutschen Recken nachfühlen, dass der Zorn ihre Wangen rötet nach ihrem verpfiffenen Spiel! Die Wangen von Bastian Schweinsteiger etwa, dem die Luft knapp zu werden droht, während er das Verbot des Körperkontakts auf dem WM-Rasen im allgemeinen und die Leistung des spanischen Schiedsrichters auf dem Platz in Port Elizabeth im besonderen geißelt. Dass man da letztlich "überhaupt nicht mehr reingehen" könne in jeglichen Zweikampf, klagt Schweinsteiger. Auch Olli Kahn, sonst königlich gelassen und mit den großen Kieferknochen malmender Experte im ZDF-Studio, sorgt für einen hochemotionalen Höhepunkt des Fernsehtages, ach was, der Fernsehgeschichte. "Das hat doch mit Fußball nichts mehr zu tun", lautet Kahns Diagnose.

Brillant! Aber mit was dann?

Hier wird auf peinigende Weise klar, dass die TV-Experten-Aufstellungen dieser WM nicht funktionieren: Kahns Studiokollegin Katrin Müller-Hohenstein ist leider außerstande zum Dialog. Reagieren, Nachfragen, Zuhören ist einfach nicht so ihr Ding. Da ist es ein schwacher Trost, dass auch die Aussagen von Mehmet Scholl oder Jürgen Klopp oder Jürgen Klinsmann meist wie abgelesen wirken und nicht als Dialoganreiz begriffen werden. Die fast lebensechte Simulation eines Pingpong bleibt das Alleinstellungsmerkmal von Netzer und Delling.

Das Erfreuliche und Erstaunliche an diesem Tag aber ist die souveräne Art, wie sich die gerade noch Empörten unter den Reportern, den Experten und den Akteuren auf dem Platz auf die Tugend der Gelassenheit besinnen. Grenzt es nicht an ein Wunder, wie sich der Bundestrainer Löw nach einem Rumpelstilzchen-Auftritt am Spielfeldrand und einem Sprint in die Kabine plötzlich als seelenruhiger Fußballbuddha vors Reportermikrofon begibt? Als habe er nicht bloß eine Schlusspfiff-Fluppe durchgezogen, sondern irgendeinen Zaubertrank gekippt, der die Welt im Nu ganz weich und flauschig und rosarot macht! Ist nicht auch Kahn gleich nach seinem Ausbruch wieder ein vor Optimismus und Weltläufigkeit strahlender Fußballstaatsmann? Und muss man nicht auch Lukas Podolskis obercooles Statement nach dem Abpfiff bewundern, in dem er über seinen verschossenen Elfmeter partout nicht trauern will, sondern bloß die Schultern zuckt, weil seinesgleichen nun mal geschieht?

Bei Sky sagt der Studio-Experte Felix Magath dann am Abend ein paar Sätze, die irgendwie echt ungeheuerlich klingen nach der WM-Euphorie der vergangenen Tage auf allen Kanälen. "Siege sind nicht selbstverständlich. Siege muss man sich verdienen." Dann grinst er sein Magath-Grinsen und schiebt den Satz nach: "Ich wäre als Trainer heute zufrieden gewesen mit dem Auftreten der deutschen Mannschaft." Man kapierte sofort: Für Magath war es ein Tag des gefühlten Triumphs.

Was war der Höhepunkt des Tages? Der Moment, in dem uns Jogi Löw scheinbar den Horst Köhler machte. Da wandte der mal wieder formidabel und tiefschwarz angezogene Bundestrainer dem Spiel und dem Wüten der ganzen Welt plötzlich den Rücken zu, als wolle er sich beleidigt ein für allemal abwenden, als sei ihm ein namenloses und irreparables Leid widerfahren. Dieser heroische Einsamkeitsstolz, diese Noblesse! So gehen Deutschlands Lotsen heutzutage von Bord. Aber nein, zum Glück doch nicht. Plötzlich raffte sich der rechtschaffene Mann auf und zusammen und kehrte zurück zu seiner Spielerbank, von der die Pflicht ruft, die Nation und natürlich auch der liebe Hansi Flick.

Was der Tiefpunkt? Die Leidenschaftsarmut, die der ZDF-Reporter an den Tag legte, als im mitreißenden Spiel zwischen Slowenen und Amerikanern der Schiedsrichter vier Minuten vor Schluss den regulär erzielten Siegtreffer der USA zum 3:2 nicht anerkannte.

Was bleibt vom Tage übrig? Ausgerechnet Hans-Olaf Henkel lag mit seinem Prominententipp für das Deutschlandspiel richtig, den er in der "taz" abgegeben hatte. Das Match werde 0:1 ausgehen, prophezeite Deutschlands TV-Leistungsprediger Nummer eins, weil "unsere Spieler wie die meisten deutschen Sozialpolitiker, Linksjournalisten und 'taz'-Leser meinen, sich auf Leistungen vergangener Zeiten ausruhen zu können". Uff!

Und heute? Niederlande-Japan, Ghana-Australien, Kamerun-Dänemark, alle ARD/ Sky

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Kurt G, 19.06.2010
1.
5 Minuten nach dem Löwschen Wutausbruch war er im Interview ein Lämmchen. Wieso fragt da der Reporter nicht EINMAL nach ? Warum fungiert er nur als Stichwortgeber ? Grausig ! Kurt G
klaus.heuer 19.06.2010
2. Nur ein kleines Zwischentief...
WM-Ergebnis Deutschland > < Serbien: Nur ein kleines Zwischentief, das den festen Willen der Mannschaft beim schrittweisen Aufstieg zum Finale nicht brechen kann. Der überaus strenge Schiedsrichter (8 x gelb 1x gelb/rot) hat das Konzept und die Spielfreude der sehr motivierten Mannschaft arg beeinträchtigt. Mehrere unglückliche Aktionen haben einen flüssigen Spielverlauf wie beim Spiel gegen Australien verhindert und schließlich zu dem negativen Ergebnis geführt. Auch Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn zeigte kein Verständnis für die Leistung des spanischen WM-Schiedsrichters: "Man muss sich vor Augen halten, dass Fußball ein Kampfspiel ist. Das ist mir zu viel vonseiten der Schiedsrichter. Das hatte teilweise nichts mit Fußball zu tun." Jetzt gilt: Mutlosigkeit ist nicht angesagt! Jetzt erst recht kämpfen, fair aber mit Druck! Der Zusammenhalt der Spieler – jeder weiß von den Stärken und Schwächen des anderen – kämpft auf seiner Position. Einer für Alle: Teamgeist! Alle für Einen: Joachim Löw! Millionen Fahnen in Deutschland, unzählige private und öffentliche Public-Viewing-Aktionen sind der Beweis dafür, dass die Fans in der Heimat 100% hinter I_H_R_E_M Weltklasse-Team-Deutschland stehen und fest die Daumen drücken und ihnen die ganze Kraft für das notwendige Selbstvertrauen in brenzeligen Situationen wünschen. Gelbe und rote Karten sollten allerdings möglichst vermieden werden, um die Mannschaft als Ganzes in ihrer Spielstärke nicht zu gefährden. Auf jeden Fall ist die Stimmung in Deutschland so wie beim 1. Sommermärchen 2006. Unsere internationalen Gäste erinnern sich bestimmt heute noch gerne an diese einmalig schönen Wochen in Old Germany bei schönstem Wetter und bester Laune, wo sich Menschen aller Nationen in den Armen lagen und losgelöst von allen Sorgen das Gemeinsame erlebt und gelebt haben, den Sport, die Musik und die Liebe. Wenn auch nicht jede Mannschaft während einer WM erfolgreich sein kann, so ist es doch ein Ereignis, welches alle Beteiligten glücklich machen sollte, mit dabei zu sein. Durch eindrucksvolle Filme, Dokumentationen und Berichterstattungen in den Medien über die Bewohner Afrikas, die wunderschönen Landschaften und seltenen Tier- und Pflanzenarten aber auch den menschlichen und wirtschaftlichen Problemen können sich die Zuschauer weltweit einen bleibenden Eindruck über den Kontinent Afrika verschaffen und mit dazu beitragen, Afrika als gleichwertigen Partner in die Weltgemeinschaft aufzunehmen. Für einen fairen Mannschaftskampf (Schiedsrichter + Spieler) mit etwas Glück (Torpfosten innen) und viel persönlichem Einsatz sollte die Mannschaft gewinnen, die durch Teamgeist, Fairness und Leistung überzeugt hat. Die Spielfreude der Mannschaften und die Begeisterung der Zuschauer für IHR_TEAM mit und ohne Vuvuzelas, Sprechgesängen und Laola-Wellen sind für den Erfolg einer WM genau so schön, wie ein überzeugender Spieleinsatz der Mannschaften und den Leistungen ihrer Trainer.
rumpelstolz 19.06.2010
3. Fußball
Vorhin wurde gesagt, es hätten lange Bälle nach vorn geschlagen werden müssen. Was hat das mit Fußball zu tun, wenn immer mit dem Kopf draufgehalten wird? Es sollten Kopfbälle verboten werden, nicht Handbälle- Man muss den Ball einmal mit der Hand schlagen dürfen. Das wäre ein interessantes Spiel!. Heute wissen wir, das Kopfbälle das Gehirn zersetzen, und trotzdem, von Ballack bis Klose wird der europäische Fußball davon stark geprägt. Ich denke, das es auch dem Geist des Fußball Spiels besser entspricht, wenn gedribbelt, oder mit langen pässen gut gezielt wird. Sie lernen selbst besser zu spielen in hoher Geschwindigkeit, und sie sind glücklicher, wenn sie als Spieler ein Spiel auf dem Boden gewinnen, als wenn sie das "Glück" in Anspruch nehmen, Bälle aus dem Himmel zu holen.
kalle007 20.06.2010
4. kaum vorbereitet
wark konnte kaum einen namen der ami-spieler unfallfrei aussprechen... hier kann man ihn bewerten: www.guten-abend-allerseits.de
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