TV-Kritik zum elften WM-Spieltag Da wird doch mit zweierlei Maß gepfiffen!

"Da kommt es wohl zu Doppelungen in der Analyse": Am elften Spieltag in Südafrika schleicht sich eine gewisse Müdigkeit ein. Sanft kritisiert Ottmar Hitzfeld die Schiedsrichter, leise korrigiert Cacau seinen Vornamen, nebenbei kürzt RTL die Vorberichterstattung. Etwas Musik wäre jetzt schön!

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Von Peer Schader


Was geguckt? DFB-Pressekonferenz (zdf.de), Portugal - Nordkorea, Chile - Schweiz (beide ZDF), Spanien - Honduras (RTL), Fête de la Musique (Prenzlauer Berg)

Was ist passiert? Fußball? Ach ja, Fußball war auch noch. Am Montagabend ist Berlin ein bisschen abgelenkt vom Straßenfest Fête de la Musique, bei dem überall in der Stadt kleine Bühnen aus der Erde wachsen, damit am Abend Musik darauf gemacht werden kann, umsonst und draußen. An der Pappelallee im Prenzlauer Berg spielen Sombreroträger von einem gemieteten Kleinlaster mit hochgerollter Plane Metallica-Coverstücke. Am Helmholtzplatz um die Ecke lauscht eine lustig gemischte Zuhörerschaft aus kinderbehangenen Eltern mit riesigen Nachwuchstransportvehikeln und auf Tischtennisplatten tanzenden Alkis einer One-Man-Show, die Live-Schlagzeug mit eingespielten Synthesizern mischt. Aber gut, die Fußballpflicht ruft. Wie praktisch, dass in Berlin dieses Mal wirklich jede Pommesbude WM-Anschluss hat. Die Entscheidung fällt dann aber doch auf den Schnellitaliener um die Ecke, der aus feinsten Dosenzutaten Pizza für 2,90 Euro zaubert. Wie viele davon er verkauft haben muss, um sich den glänzenden 40-Zoll-Flachbildschirm leisten zu können, den er draußen auf eine wackelige Kastenkonstruktion gebunden hat, wird in der Halbzeitpause ausgerechnet.

Die Höhepunkte des Spiels der Spanier gegen Honduras sind ja auch schnell abgehandelt. Nicht mal in der Tapasbar gegenüber kann man sich zu größerem Jubel durchringen, als die beiden Tore fallen. Das Mitzählen der vielen verpassten Chancen vorher hat einfach müde gemacht.

Nur Günther Jauch und Jürgen Klopp bei RTL sind noch halbwegs wach. An diesem Tag machen sie mit ihrem lustigen Fußballwanderzirkus in Frankfurt Station, wo sie vor Livepublikum wieder Analyse spielen dürfen, was zwar eine schönere Kulisse ist als bei den Kollegen von ARD und ZDF, die sich aus ihren winzigen Reporterkabinchen melden, aber halt auch so quatschig, dass jede Werbepause zur Umschaltversuchung wird. (Die Fernbedienung mag der Schnellitaliener allerdings nicht hergeben.)

Das ging wohl auch ein paar anderen Zuschauern so, weshalb die Vorberichte mit Jauch und Klopp seit gestern eine halbe Stunde später anfangen, damit RTL vorher noch eine Soap-Folge "Alles was zählt" zeigen kann. Mittags am Telefon erklärt ein RTL-Sprecher: "Es scheint dann doch ein bisschen viel Fußball bei allen Sendern zu sein, da kommt es wohl zu Doppelungen in der Analyse." Und zu Halbierungen bei der Quotenmessung, zumindest abseits der eigentlichen Spiele. Aber so explizit darf man das bei RTL wahrscheinlich nicht sagen, sonst wird man gevierteilt.

Mittags im ZDF ist die Welt noch in Ordnung, da denkt keiner ans Abkürzen, und Katrin Müller-Hohenstein sagt zwischendrin, wenn es sonst nichts mehr wegzuanalysieren gibt: "Dann kümmern wir uns noch mal ums deutsche Team." Bitte. Wenn's sein muss.

Derweil sieht ZDF-Kommentator Oliver Schmidt Portugal im Spiel gegen Nordkorea als "hochhaushohen Favoriten" und erklärt, wie die Leistung von Fußballern heutzutage gemessen wird: in Sonderbriefmarken. Jedenfalls bei Cristiano Ronaldo: "Seine Leistung in der Nationalmannschaft war bisher nie so, dass Portugal in Verlegenheit kam, eine Sonderbriefmarke für ihn aufzulegen." Später schießen die Portugiesen dann ihr Tor-Festival mit dem Endstand 7:0 und die Regie zeigt drei mit Regencapes behangene Nordkoreaner, die wie versteinert im Zuschauerraum stehen.

Beim Spiel Schweiz gegen Chile (oder wie es im ZDF heißt: "Alpenkicker gegen Andenkicker") empfiehlt sich der Kollege Béla Réthy anschließend als Anführer der Revolution gegen die Schiedsrichter dieses Turniers, vor allem den aus Saudi-Arabien, der neunmal Gelb und einmal Rot verteilt, weshalb Réthy ätzt: "Die kleinliche Pfeiferei hat Gift ins Spiel gebracht." Und: schade, Ottmar Hitzfeld wird doch nicht der neue Otto Rehhagel, nachdem seine Schweizer Underdogs zwar gegen Spanien erfolgreich waren, in der 75. Minute gegen Chile aber ein Tor kassierten. "Bei der WM sollten nicht irgendwelche Schiedsrichter dabei sein, die sonst am Strand pfeifen", lässt sich Hitzfeld zu sanfter Kritik am Unparteiischen hinreißen.

Dann stellt er den Kragen seines rentnerbeige-farbenen Mantels aus dem Geheimdienstmuseum auf und geht.

Was war der Höhepunkt des Tages? Auf der DFB-Pressekonferenz am Mittag bittet ein Brille tragender Cacau die anwesenden Journalisten mit leiser Stimme höflich, seinen Namen nicht mehr falsch zu schreiben. Die Vornamen Claudemir Jeronimo Barreto würden stimmen, aber "Maria" sei erfunden. Sowieso hat er einen viel besseren Vorschlag: "Ihr könnt mich mit Cacau ansprechen. Muss nicht 'Herr Cacau' sein."

Was der Tiefpunkt? Die ewige Befindlichkeitsfragerei der Journalisten: Wie fühlen Sie sich? Wie fühlt sich die Mannschaft? Wie haben Sie sich vor dem Turnier gefühlt? Wie wird es sich anfühlen, wenn Deutschland am Mittwoch verliert? Oli Kahn, ihr Einsatz bitte! "Jetzt hau'mer eben Ghana weg! Das ist die Einstellung, die bei der Mannschaft herrscht!"

Was bleibt vom Tage übrig? Arne Friedrichs Kurzanalyse der Schiedsrichterleistungen im laufenden Turnier: "Da wird mit zweierlei Maß gepfiffen."

Und heute? Frankreich - Südafrika, Griechenland - Argentinien (beide ZDF), Mexiko - Uruguay, Nigeria - Südkorea (beide ZDF.info und zdf.de)

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Björn Borg 22.06.2010
1. *gääääähn*
Zitat von sysop"Da kommt es wohl zu Doppelungen in der Analyse": Am elften Spieltag in Südafrika schleicht sich eine gewisse Müdigkeit ein. Sanft kritisiert Ottmar Hitzfeld die Schiedsrichter, leise korrigiert Cacau seinen Vornamen, nebenbei kürzt RTL die Vorberichterstattung. Etwas Musik wäre jetzt schön! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,702043,00.html
Die sogenannten "Nordkoreaner" mit Regenmänteln sind gemietete und als Nordkoreaner getarnte Chinesen, das weiß man doch...
Herz_aus_Stahl 22.06.2010
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
"Jetzt hau'mer eben Ghana weg! Das ist die Einstellung, die bei der Mannschaft herrscht!" Dann ist ja alles gesagt....
Björn Borg 22.06.2010
3. Schalt die Glotze aus!
Zitat von Björn BorgDie sogenannten "Nordkoreaner" mit Regenmänteln sind gemietete und als Nordkoreaner getarnte Chinesen, das weiß man doch...
Mein persönlicher Höhepunkt: Jürgen Klinsmann erklärt das "Eins-gegen-Eins-Spiel gegen zwei" Mann...
gmf 22.06.2010
4. Wieviele Spieltage hat eine WM?
Nach allgemeiner Definition des Wortes "Spieltag" hat die Vorrunde genau: DREI! Ein Spieltag ist demnach die Zeit, die benötigt wird, bis alle im Wettbewerb verbliebenen Mannschaften gleich viele Spiel gespielt haben. Also nicht im klassischen Sinne eine Zeiteinheit, mit der es hier verwechselt wird, sondern vielmehr eine Kategorisierung. In der Finalrunde gibt es dann nochmal: VIER Spieltage (Achtel-, Viertel-, Halbfinale, Spiel um Platz drei und Finale). Was hier gemeint ist? Wohl eher WM-Tag oder Tag mit WM-Spielen! Bla! :)
haschdienews 22.06.2010
5. TV-Kritik zum elften WM-Spieltag: Da wird doch mit zweierlei Maß gepfiffen!
"Dann stellt er den Kragen seines rentnerbeige-farbenen Mantels aus dem Geheimdienstmuseum auf und geht." Sehr schön formuliert. ;)
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