TV-Kritik zum neunten WM-Spieltag Philipp Lahm im Elchtest

"Wir dürfen nicht mehr von hinten kommen." Der deutsche Kapitän verbreitet nach der DFB-Niederlage gegen Serbien erstaunliche Weisheiten. Ansonsten regieren Katzenjammer und Durchhalteparolen die TV-Übertragungen - nur die Schweden-Hochzeit bietet Entspannung.

DFB-Kapitän Lahm: Versuch in puncto Betonung
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DFB-Kapitän Lahm: Versuch in puncto Betonung

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Was geguckt? Pressekonferenz mit Philipp Lahm (n-tv), Niederlande-Japan (ARD) Ghana-Australien (ARD) und Kamerun-Dänemark (Playstation)

Was ist passiert? Der Tag beginnt lahm. Leider gehört es aber zu meiner beruflichen Verpflichtung, die meist stinköden Pressekonferenzen des DFB live zu verfolgen. Philipp Lahm wirkt neben DFB-Pressechef Harald Stenger wie ein Streichholz neben einem Mammutbaum. Seitdem Lahm Kapitän ist, reißt er die Augen beim Reden noch weiter auf und versucht sich besonders in Sachen Betonung. Immerhin das gelingt ihm weitaus besser als dem jambusresistenten Joachim Löw.

Inhaltlich hat uns Lahm leider wenig zu sagen. Es gäbe keinen Grund, etwas zu ändern, sagt der Außenverteidiger. Fünf Minuten später sagt er, dass sein Team das Zweikampfverhalten ändern muss. "Wir dürfen nicht mehr von hinten kommen", lautet die Anweisung an seine Männer. Und um wenigstens noch ein bisschen gegen die optische Unterlegenheit auf dem Pressepodium zu rebellieren, faucht Lahm am Ende: "Mit elf gegen elf hätten wir das Spiel nicht verloren." Rrrumms! Lahm guckt ein wenig von sich selbst erschrocken, aber jetzt, wo er den Hammer schon mal rausgeholt hat, kann er damit ja auch noch kräftig auf den Tisch hauen: "Wir hätten sogar mit Sicherheit gewonnen."

Monsterstau auf der Straße

Mit Sicherheit gewinnen, das ist auch das Motto für die Niederländer im ersten Spiel des Tages gegen Japan. Wieder tippe ich wider besseren Wissen auf einen deutlichen Sieg "meines" Weltmeisters, wieder führt erst ein später Torwartpatzer dazu, dass die Niederländer ihre Pflichtaufgabe erfüllen. Nur ARD-Kommentator Tom Bartels hat was dagegen. In der Nachspielzeit schenkt er Japan einen Strafstoß ("Jetzt gibt der Schiedsrichter Elfmeter"), doch an den mangelnden Protesten der Niederländer erkennt der Mann mit der Magnum-Stimme (der Detektiv, nicht das Eis!) schnell, dass es doch Abstoß gibt.

Aber eigentlich interessiert heute ja doch nur Gegnerbeobachtung. Ist Ghana wirklich in der Lage, Lahm und Co. Aus dem Turnier zu kicken? Oder war der 1:0-Sieg gegen die Serben Glückssache? Ein lockenloser Steffen Simon begrüßt die Zuschauer aus Rustenburg, wo das Stadion "ein wenig dörflicher" liegt. "Es gibt nur eine Straße und auf der ist gerade ein Monsterstau."

Sorgen um Simons Pumpe

Irgendwie gruselig, aber das erwarte ich auch vom Spiel - und werde nicht enttäuscht. Nach dem Führungstreffer der Australier ärgere ich mich, dass ich nach nur einem Probetraining als Torwart beim FC Voran Ohe ins Handballtor gewechselt bin, sonst hätte ich bei der WM wohl leistungstechnisch mit den meisten Keepern mithalten können. Kurz vor der Pause gibt es dann mal wieder einen Handelfmeter und eine Rote Karte, die mir das ARD-Expertenduo Beckmann/Scholl als umstritten verkaufen will. Wird eine Niederlage der heiligen DFB-Auswahl eigentlich erträglicher, wenn man behauptet, dass alle Schiedsrichter bei dieser WM schlecht sind?

In der zweiten Halbzeit mache ich mir mehr Sorgen um Simons Pumpe als um das entscheidende Gruppenspiel von Löws Team am Mittwoch um 20.30 Uhr gegen Ghana. Die Afrikaner haben gegen zehn Australier mehr Mühe als gegen elf, Simon klingt bei den zahlreichen Großchancen der Australier so, als würde er gleich mit einem Herzinfarkt vom Stuhl kippen. Da kommt die Hochzeit der Schweden-Victoria, zu der die ARD vor dem Spiel Kamerun gegen Dänemark schaltet, gerade recht zum Durchschnaufen und Kopfschütteln. Ist der Bräutigam eigentlich mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verwandt?

Hochwertige Überleitung zur schwedischen Adelshochzeit

Danach geht es zu einer Ehe, die Gott sei Dank nach dieser WM geschieden wird. Günter Netzer und Gerhard Delling bemühen sich, das wenige Wissen über die beiden Verlierer aus der Gruppe E so geschickt es geht zu kaschieren, ehe sie noch geschickter zur umstrittenen Gelb-Roten Karte von Miroslav Klose aus dem Spiel gegen die Serben überleiten.

Immerhin lässt Netzer sich Dellings schwarz-rot-goldene Brille nicht aufschwatzen und attestiert Klose im Umgang mit dem "peinlichen Heini" (Schiedsrichter Undiano) "ungeschicktes Verhalten". Delling spricht trotz der kühlen Worte seines Partners davon, dass man vor lauter Aufregung "zum Elch werden könnte" und vollführt damit eine journalistisch hochwertige Überleitung zur Hochzeit der schwedischen Kronprinzessin. Mein Bedarf an realem Fußball ist für heute gedeckt, darum entscheide ich mich spontan dafür, die Abendpartie lieber auf der Playstation zu spielen, statt mir noch einen Durchschnittskick anzugucken. Immerhin hier hat Kamerun am Ende die Nase vorn und gewinnt 3:1.

Was war der Höhepunkt des Tages? Ganz klar die zehnsekündige MAZ, wie die deutsche Nationalmannschaft auf Quads und mit einer Polizeieskorte ihr Nobelhotel für einen kollektiven Tagesausflug verlässt, ohne das Delling hier einen weiteren Elchwitz platziert.

Was der Tiefpunkt? Die unsägliche Jammernummer über den ach so bösen Schiedsrichter aus dem Spiel Deutschland gegen Serbien. Über verschüttete Milch zu klagen ist schon ermüdend genug, aber dass auch noch jeder seinen Senf dazu geben darf...

Was bleibt vom Tage übrig? Die Gewissheit, dass ich meine Karriere als Fußballtorwart zu früh beendet habe und dass die größte GEZ-Verschwendung nicht die Übertragung von Karnevalssitzungen und -umzügen ist, sondern die von Adelshochzeiten.

Und heute? Slowakei-Paraguay, Italien-Neuseeland, Brasilien-Elfenbeinküste (alle ARD)



insgesamt 2 Beiträge
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Heinstein, 20.06.2010
1. Verschwendung
Es gibt sicher noch mehr GEZ-Geldverschwengungen anzuprangern... ...aber Kamerun-Dänemark war leider eines der spannendsten Spiele dieser WM bislang, dessen sich der voreilige Kommentator leider selbst beraubt hat :)
fsi 20.06.2010
2. Mal genauer zuhören...
Wenn man die Berichterstattung bzw. die Kommentatoren und "Experten" kritisiert, sollte man schon genau zuhören. Herr Scholl hat wiederholt gesagt, dass er für ein Handspiel auf der Linie nur die rote Karte kennt - egal ob beabsichtigt oder nicht. Der Satz "...einen Handelfmeter und eine Rote Karte, die mir das ARD-Expertenduo Beckmann/Scholl als umstritten verkaufen will..." kann somit nicht so stehenbleiben. Für Herrn Beckmann war es eine fragliche rote Karte, für Herrn Scholl nicht.
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