TV-Schatz "Anna und der Prinz" So ein wunderbares, wahres Märchen

Sonntagabend im ZDF, das heißt meist Pilcher oder Lindström. Doch diesmal zeigt der Sender ein kleines Meisterwerk: "Anna und der Prinz" mit Tobias Moretti und Anna Maria Mühe ist ein glänzender Film über die Liebe zwischen dem österreichischen Kaiserbruder Johann und einer Postmeistertochter. 

ZDF

Von Nikolaus von Festenberg


"Tatort"-Verweigerer sind meist die Deppen. Wenn Pilcher und Lindström am Sonntagabend im ZDF ihre Süßwarenläden schließen, bleibt das Völlegefühl der Leere. Wieder einmal Zeit vertan.

So muss es nicht sein, und so ist es nicht an diesem Sonntag: Das ZDF zeigt "Anna und der Prinz". Tatsächlich ist der Film (Buch: Knut Boeser, Regie: Julian Roman Pölsler) keine Erstausstrahlung - er hatte mit dem Titel "Geliebter Johann, Geliebte Anna", versteckt in dem 3sat-Themenabend "Mythos Habsburg", vor einem Jahr kaum beachtet Premiere. Dabei ist "Anna und der Prinz" ein deutsch-österreichisches Fernseh-Meisterwerk.

Wir meinen, in ein historisches Alpenmelodram der üblichen Sorte zu gleiten. Der Bruder des Habsburger Kaisers Franz I., Erzherzog Johann (Tobias Moretti), verliebt sich bei einer Steiermark-Exkursion in die Postmeistertochter Anna (Anna Maria Mühe). "Sisi", denkt das verkitschte Zuschauergemüt, gleich werden sie fließen, die Tränen und Träume, gleich werden sie kommen, die üblichen Verschmächtigungen großer Gefühle.

Nichts dergleichen geschieht. Mit unbeirrbarer Diskretion und entschlossenem Ernst führen Pölsler und sein Kameramann Martin Gschlacht ein wundersames und wunderbares Stück Geschichte vor, von dem man gar nicht glauben will, dass es sich tatsächlich zugetragen hat: die Selbstbefreiung eines Habsburgers aus den Zwängen des Feudalismus durch die Ehe mit einem Mädchen vom Lande. Eine Postmeistertochter war am Beginn des 19. Jahrhunderts als potentielle Gattin eines Kaiserbruders unmöglich. Doch beide gehen den Liebesweg durch Verdächtigungen und Intrigen bis zum bittersüßen Ende, geleitet weniger von echten Gefühlen als von der Idee des Rechts auf die Möglichkeit zu echten Gefühlen.

Ein kaiserlicher Bote stoppt die Trauung

Nie vergisst der Film nämlich, dass er eine Parabel erzählt. Wenn zu Anfang Landpartien ins Gebirge unternommen werden, sieht das aus wie in einem theatralischen Lehrstück der Aufklärung. Vorne grüne Hügel, dahinter schneebedeckte Bergriesen. Auf den Hügeln Menschen in Tracht, die sich freiwillig und ganz in sich ruhend zum Fröhlichsein zusammengetan haben. Keine Bergerhabenheit drückt sie. Sie sind frei.

Das Bild zeigt die Botschaft des Films. Denn die Geburt der unmöglichen Beziehung über die Standesgrenzen hinweg treibt hier nicht die Energie überschäumender und vergänglicher Gefühle, sondern ein unerschütterliches Wissen, das Richtige zu tun. Der Film verzichtet deshalb auf Entblößungserotik, auf Sex sowieso und musikalische Ergüsse.

Und öffnet sich der Komik. Moretti spielt den Liebhaber als skrupulösen Hagestolz, als hartnäckigen Eros-Beamten, der um der Einhaltung von Regeln willen auf Erfüllung warten kann, weil er sich im Recht weiß. Er zeigt sich als ein Gefangener im idealistischen Korsett. Er beweist, dass aufklärerische Gesinnung nicht besonders erotisch ist, aber würdevoll und rührend. Selbstbeherrschung hat eben auch diskreten Charme, mit dem Moretti im Verlauf der Handlung das Herz der Zuschauer gewinnt.

Vom anrührenden Wechselspiel von Ferne und Nähe sind besonders die Szenen bestimmt, in denen der Erzherzog mit seinem kaiserlichen Bruder (Franz Morak) um die Zustimmung zur Mesalliance feilscht. Da wird nicht nur schillersches Marquis-Prosa-Pathos aufgefahren ("Geben Sie Gedankenfreiheit"), sondern auch mit spitzbübischen brüderlichen Empfindlichkeiten gearbeitet.

Am Ende gibt der Kaiser nach

Auch Mühe als Postmeistertochter verlässt sich nicht nur auf wässrigen Blick und eindimensionale Aschenputtelseligkeit. Sie setzt als Agentin einer neuen Zeit ihre Gefühle ein. Sie braucht Zeit, um die Ernsthaftigkeit des Bewerbers zu glauben. Als der erste Versuch einer kirchlichen Eheschließung in letzter Sekunde durch einen reitenden Boten des Kaisers gestoppt wird und Anna zwar mit ihrem Geliebten unter einem Schlossdach leben, aber nicht mit ihm schlafen darf, kommen ihr Zweifel. Sie unternimmt Ausbrüche aus dem merkwürdigen zölibatären Zusammenleben, die sie an den Rand des Todes bringen, aber letztlich zu keinem Vertrauensbruch führen.

Am Ende gibt der Kaiser nach und erlaubt 1829 die kirchliche Eheschließung in aller Stille. Einsam, um Mitternacht, werden beide getraut. Der Film zeigt das mit augenzwinkernder Ergriffenheit. Er ist nicht traurig gestimmt, sondern so siegessicher, wie es die Vermählten sind. Fröhlich enteilen sie dem Altar hinein ins Ehebett, diese modernen Vorläufer der Marschierer durch die Institutionen der Rückständigkeit.

Johann und Anna werden glücklich sein, der Erzherzog wird 1848 von der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main zum ersten parlamentarischen Staatsoberhaupt gewählt. Wo "Tatort" und "Polizeiruf" Leichen brauchen, zeigt das ZDF ein unglaublich intelligent verfilmtes Märchen, das auch noch wahr ist.


"Anna und der Prinz", ZDF, 20.15 Uhr



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Herman Winterthal 20.08.2011
1. Fernsehen des Politbüros
Das 8 Milliarden-Erpressungsgeld-Ü-60-niveaulos-TV-Programm abzufeiern, ist ein Affront gegen jeden Menschen mit Schulabschluss. Das sich Deutschland diesen Selbstbedienungsapparat bieten läßt, ist unerklärlich und weltweit einmalig. Die Deutschen sind eben Weltmeister darin, sich zu Tode zu schuften und sich als Lohn masslos in die Tasche greifen zu lassen.
NormanR, 20.08.2011
2. die öffentliche Senden"Anstalt"
mutet uns wirklich viel zu. Vor allem immer dieselben Gesichter. Es ist unerträglich, soviel Blödheit manchmal. Wobei ich Tobias Moretti sehr schätze, und gut finde. obernervig ist dieser immer-präsente Wepper, Neugebauer, Ferres (zum Glück weniger jetzt), Frau Wussow usw. usw. immer die gleichen Dödel. Und all das für so viel Geld. Wobei ich überzeugt bin, dass 2013 die Masse zurückschlägt und nie und nimmer bezahlt, wenn sie keinen Fernseher hat und das sind nicht wenige heute!!!
inci 20.08.2011
3. oooo
wenn man so was liest (auch wenn es nur der teaser ist) blutet einem das herz, weil man weiß, daß im spiegel mal filme wie "die verlorene ehre der katharina blum" oder filme von faßbinder gegenstand von artikeln war........
astaubach 20.08.2011
4. Blablabla
Zitat von Herman WinterthalDas 8 Milliarden-Erpressungsgeld-Ü-60-niveaulos-TV-Programm abzufeiern, ist ein Affront gegen jeden Menschen mit Schulabschluss. Das sich Deutschland diesen Selbstbedienungsapparat bieten läßt, ist unerklärlich und weltweit einmalig. Die Deutschen sind eben Weltmeister darin, sich zu Tode zu schuften und sich als Lohn masslos in die Tasche greifen zu lassen.
Fürwahr! In diesem Artikel geht es nicht um überholten Klassenkampf, sondern einfach um eine Meinung, ob es sich um einen guten oder schlechten Film handelt. Vermutlich hat der Autor mit seinem Filmkommentar nicht versucht, die Welt zu retten oder wenigstens einen kleinen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten. Wie schändlich.
Geziefer 20.08.2011
5. Staatsschauspieler
Zitat von NormanRmutet uns wirklich viel zu. Vor allem immer dieselben Gesichter. Es ist unerträglich, soviel Blödheit manchmal. Wobei ich Tobias Moretti sehr schätze, und gut finde. obernervig ist dieser immer-präsente Wepper, Neugebauer, Ferres (zum Glück weniger jetzt), Frau Wussow usw. usw. immer die gleichen Dödel. Und all das für so viel Geld. Wobei ich überzeugt bin, dass 2013 die Masse zurückschlägt und nie und nimmer bezahlt, wenn sie keinen Fernseher hat und das sind nicht wenige heute!!!
Vor Durchsicht des kommenden Fernsehprogramms, bei uns immer die Frage: Sind wieder die üblichen Verdächtigen dabei? Wobei die Sender ARD und ZDF unbedingt um die üblichen Verdächtigen des Privat-Fernsehens zu erweitern ist.
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