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Serienschöpfer Simon: "Hollywood ist nicht besonders helle"

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TV-Serien-Guru David Simon "Die USA haben den Bogen überspannt"

Seine Polizeiserie "The Wire" ist ein gesellschaftskritisches Meisterwerk von epischer Komplexität. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der amerikanische TV-Autor David Simon, wie er mit dem Fernsehen den Kapitalismus bekämpft - und warum der Untergang der USA keine Tragödie wäre.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Simon, Sie waren von 1983 bis 1995 Polizeireporter bei der "Baltimore Sun". Wie hat das Ihre TV-Serie "The Wire" beeinflusst?

Los Angeles

David Simon: Ich habe viel in den Sozialprojekten von Baltimore gearbeitet und fast zwei Jahrzehnte lang über die Stadt berichtet. Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Ich hatte das Gefühl, auf eine Katastrophe zu blicken. International werden US-amerikanische Städte gern mit New York, oder Las Vegas repräsentiert, aber daneben, in der zweiten Reihe, gibt es lauter Städte, die schwer zu kämpfen haben mit der post-industriellen Wirtschaftsordnung. Es geht bei "The Wire" nicht nur um Kriminalität, sondern um Politik, das Schulsystem, Rassenspannungen.

SPIEGEL ONLINE: Eine historische Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft?

Simon: Eher ein soziologisches Projekt. Wir versuchen, zu erklären, warum die Dinge sind, wie sie sind, und warum sie eher schlechter als besser zu werden scheinen.

SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, ist das so?

Simon: Dank ungebremstem Kapitalismus. Er ist eine brauchbare wirtschaftliche Kraft, aber kein Rahmen für eine irgendwie gerechte oder zusammenhängende Gesellschaft. Man hat ihn hier in den Staaten als soziales Instrument missverstanden. Seit 1980 hat man in fast jedem Bereich der US-amerikanischen Gesellschaft dem Kapitalismus gehuldigt und erlaubt, dass Profit das Maß aller Dinge ist - ungeachtet der sozialen Kosten. Die Banken, die Autoindustrie, die Zeitungsbranche sind dem zum Opfer gefallen, es gibt keine Industrie in den USA, die nicht vom Streben nach unverzüglichem Profit ausgehöhlt wurde. Dieses Streben hat das politische System so korrumpiert, dass Reform unmöglich ist. Aber wenn Profit nicht im Rahmen der gesellschaftlichen Gesundheit gemäßigt wird, dann endet man in einem Szenario, in dem ganze Klassen von Menschen überflüssig werden und sich eine eigene Existenz außerhalb der Gesellschaftsstrukturen schaffen - im Drogenhandel zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Serie wirkt über weite Strecken wie eine Dokumentation.

Simon: Sie ist entstanden aus einem journalistischen Impuls. Ich wollte einen Blick werfen auf die Staaten, auf unsere Kultur, wohin wir uns bewegen, was unsere Probleme sind - und warum wir nicht in der Lage sind, sie zu identifizieren, geschweige denn, sie zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie erwogen, eine Dokumentation zu drehen?

Simon: Das geht nicht, wenn man sich mit Drogenkriminalität befasst, weil man mit der Kamera das Verhalten der Menschen verändert. Man würde Beweismaterial für die Polizei kreieren und damit die Interaktion zwischen der Polizei und den Menschen beeinflussen. Mit einer fiktiven Serie kann man viel ehrlicher sein. Dies ist eine Polemik über die US-Gesellschaft, und wir benutzen dafür einen quasi-dokumentarischen Stil.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen sich in den fünf Staffeln der Serie verschiedene Institutionen der US-amerikanischen Gesellschaft vor.

Simon: Am Anfang, in der ersten Staffel, war "The Wire" die Dekonstruktion der Polizeiserie. Wir haben praktisch das Lieblingsformat der Networks aufgemischt. Die erste Staffel ist eine scharfe Kritik der Drogenpolitik. Die zweite befasst sich mit dem Tod der Arbeiterschaft und den Auswirkungen auf die Mittelklasse. Die dritte blickt in die politischen Strukturen der Stadtverwaltung, die vierte ins Schulwesen und die fünfte auf die Medien.

Barack Obama

SPIEGEL ONLINE: Wird das Land aus der Krise führen?

Simon: Ich bin einer der größten Bewunderer Obamas. Aber gerade in der Debatte über die Reform des Gesundheitssystems hier wird auf fundamentale Weise klar, wie unfähig das System ist, sich der eigentlichen Probleme anzunehmen. Die Versicherungskonzerne haben das System gekauft, sie besitzen das politische Kapital und setzen es ein, um die Bedürfnisse der Gesellschaft zu untergraben, ungeachtet von Obamas guten Vorsätzen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätten Sie wenig Hoffnung für Ihr Land.

Simon: Ich glaube nicht, dass das potentielle Ende eines US-Imperiums eine überwältigende Tragödie wäre. Ich bin Amerikaner, ich ziehe kein Vergnügen daraus, Schlechtes über mein Land zu sagen. Aber wir haben den Bogen überspannt.

SPIEGEL ONLINE: Sie verzichten in "The Wire" auf sentimentale oder popkulturelle Elemente, die den Zuschauern normalerweise den Zugang zu einer Serie erleichtern. Wollten Sie auch die Sehgewohnheiten umkrempeln?

Simon: Schon. Diese Serie belohnt ihre Zuschauer anders als herkömmliche Fernsehstücke. Wir verlangen Ihnen ein bisschen Anstrengung ab. Ich vergleiche das Verfahren gern mit einem Roman.

Emmy

SPIEGEL ONLINE: Kritiker loben "The Wire" als beste TV-Serie aller Zeiten, aber bislang haben Sie gerade zwei -Nominierungen erhalten. Wurmt Sie das?

Simon: Nein. Mir geht es nicht um Hollywood-Pokale, und davon auszugehen, dass Hollywood diese Serie kapiert, wäre idiotisch. Mit einer Besetzung, die zu zwei Dritteln schwarz ist, setzt man sich dort sowieso selbst gewisse Beschränkungen. Ich will nicht arrogant klingen, aber wir machen eine komplexe Serie, und viele Leute in L.A. sind nicht allzu helle.

Katrina

SPIEGEL ONLINE: Jetzt arbeiten Sie an einem neuen Serien-Projekt für HBO, "Treme", über die Musikszene in New Orleans nach der -Katastrophe.

Jazz

Simon: New Orleans ist eines der großen Geschenke der USA an die Welt. Blues und haben hier ihre Ursprünge. Aber als die Stadt unter Wasser stand und in Gefahr schwebte, waren die Amerikaner erstaunlich ambivalent, was ihre Rettungsaktivitäten anging. Doch das kulturelle Potential hat überlebt, zahllose unentdeckte Musiker halten es am Leben. Das erforschen wir hier.

Das Interview führte Nina Rehfeld.

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