TV-Therapeutendrama "Bloch" Zwischen Wahn und Weihrauch

Religion versus Psychoanalyse: In der neuen Episode der ARD-Reihe "Bloch" gerät der gewichtige Therapeut an einen Prediger - ein eindringliches Duell der beiden Schauspielkolosse Dieter Pfaff und Matthias Habich im Schatten des Kölner Doms.

WDR

Von Nikolaus von Festenberg


Die Figur des Psychotherapeuten Dr. Maximilian Bloch gehört zu den wunderlichsten Serienhelden des deutschen Fernsehen. Sein gewichtiger Darsteller Dieter Pfaff ist erhaben über jeden Schönheitskult im Medium, zu schwer für die flachen marktgängigen Unterhaltungsplots. Die Bloch-Stoffe liegen vielmehr in dem Grenzland, in das der pillengläubige Zeitgeist die Seelenkunde vertrieben hat. Hier werden psychische Ursachen für Krankheiten noch ernstgenommen, hier wird daran geglaubt, dass Trauerarbeit und nicht diagnostische Genialität Heilung bringen. Dr. Bloch ist der Anti-Dr.-House. Langweilig ist er dennoch nicht.

Für die Episode "Der Heiland" braucht der Zuschauer eine gewisse Toleranz. Wer Religion - besonders das Christentum - für Humbug und eine überflüssige Droge hält, der sollte den sanftmütigen, aber unerbittlichen Koloss Bloch auf seinem schnaufenden Trip in die bizarre Landschaft des Glaubens besser nicht begleiten.

Der Rest darf schwelgen. Denn die Regie von Franziska Meletzky, das Buch von Marco Wiersch, die anspielungsreiche Kamera (Hubert Schick) und eine raffinierte Musik zwischen Wahn und Weihrauch (Irmin Schmidt) lassen Bloch sich aufs Unterhaltsamste in einer zusammengebastelten Gralsburg aus echtem Glauben und echter Neurose verirren. Erleuchtung und Verdrängung, mystisches Licht, Phantasievögel, ein bedrohliches Mondgestirn auf der einen, irdische Hilflosigkeit und Schwäche der Erniedrigten auf der anderen Seite - das alles wirkt auf den Therapeuten ein. Und über allem schwebt die Frage: Wie hältst du's, dickes Gretchen Bloch, mit der Religion?

Spontanheilung nach Fahrradunfall

"Der Heiland" zeigt einen Totalangriff der Religion auf das Lehrgebäude der Psychoanalyse. Tod, Krankheit und Schuld, die schwarzen Engel der Religion, fahren auf das Gebäude der Freudschen Gewissheiten herab und Bloch muss noch mehr schnaufen: Wie soll er Klarheit schaffen? Er ist nach Köln gekommen, um einen väterlichen Kollegen (Otto Mellies) beim Sterben zu begleiten und nach dem Tod des Freundes dessen Praxis aufzulösen. Doch aus geordneter und beschaulicher Trauerarbeit wird nichts. Die Schmerzen über den Verlust des Freundes sind groß, vor allem aber die Patienten der Verstorbenen unterversorgt.

Besonders eine Judith (Catherine Bode) scheucht den sensiblen Bloch aus seiner schwermütigen Nachlasstätigkeit. Die junge Frau erzählt von ihrem Vater Martin (Matthias Habich), der nach dem Tod von Judiths Mutter in religiösen Wahn gefallen ist, als Prediger mit Holzkreuz in einer Tornische des Kölner Doms steht und sich für Jesus hält. Niemand lässt der Mann an sich heran

Bloch, das weiß der Zuschauer sofort, ist Feuer und Flamme und stürzt sich im Auftrag der Tochter in die Therapieschlacht mit dem heiligen Martin. Denn Therapieren heißt für Bloch hinausgehen und nicht nur reden - wir sind schließlich im bewegungssüchtigen Fernsehen und nicht in der sprachsüchtigen psychoanalytischen Orthodoxie mit dem berüchtigten Couch-Setting, das das Unterbewusste öffnet.

Bloch wallt zu dem Eiferer am Dom. Einen ganz normalen Schizo hat er nicht vor sich, bemerkt der Psychofachmann sogleich. Die Bibelauslegung des Mannes mit dem Holzkreuz beeindruckt ihn. Die Schilderung des Erweckungszeichens, die Martin gibt, ist so wirr nicht. Als eine junge Fahrradfahrerin in der Nähe des Doms zusammenbricht und ihr Herzschlag aussetzt, sieht es aus, als ob dem selbsternannten Heiligen eine Spontanheilung gelungen wäre.

Der Mann erscheint zumindest ästhetisch als eine göttliche Herausforderung, besonders wenn magisches Licht auf seine Gestalt fällt. Das ist die Stärke dieses Films: Er schlägt die Religion nicht dem Reich der Neurosen zu, er nimmt sie ernst. Das gelingt vor allem durch die großartige schauspielerische Leistung Habichs. Der agiert vor seinem selbstgebauten kunstfertigen Hausaltar und als sprachlich eindrucksvoller Prediger nicht wie ein fanatisierter Laie, sondern wie einer, der durch nichts mehr in die säkularisierte Welt zurückholbar ist. Vom ersten Blick ins Gesicht des kantigen Schauspielers Habich an weiß der Zuschauer, dass hier einer vor dem Seelenklemptner Bloch steht, an dem sich die Psychologie die Zähne ausbeißen wird. Der Western-Showdown Religion gegen Psyche wird keinen Sieger haben.

Der Engel der therapeutischen Vernunft ist machtlos

Denn selbst die Wahrheit, die man ahnt, dass nämlich der religiösen Erweckung Martins ein höchst irdisches Trauma vorausgegangen ist, kann nicht verhindern, dass hier einer unerweichbar im System der Religion abrechnet und Therapie machtlos ist. In der Tat, der Engel therapeutischer Vernunft ist machtlos, wenn die Bewusstseinsmacht Glaube ihren dunklen Charme ausbreitet. Da legt sich der Film keine Hemmung an. Die Mühseligen und Beladenen gehen in Zeitlupe auf den religiösen Einzelkämpfer Martin vor der Kirche zu - soll heißen: Hinein wollen diese nicht mehr.

Vielleicht hätten die Macher ein wenig weniger Vogelsymbole durch den Bildschirm segeln lassen können, vielleicht auch auf einige Anspielungen aus die Passionsgeschichte verzichten können, auf eine Judas-Verräter-Parallele samt der dreißig Silberlinge für den Verräter beispielsweise oder auf die Gleichsetzung zwischen Pilatus und dem Gutachter einer Klapsmühle, in die man Martin gebracht hat. Der Gutachter wäscht seine Hände in Unschuld, indem er den Untergebrachten laufen lässt und so die Passion zu ihrem tragischen Ende bringt.

Aber da glüht sie noch, die alte Gefühlsmacht der Glaubensbilder. Es wird noch manchmal sehr heiß. Der skeptische Therapeut muss am Bett einer Todkranken das Vaterunser sprechen, von seinem Ziehsohn lernen, wie rührend, ehrlich und ungezwungen Religion unter Jugendlichen funktionieren kann. Auch er, der alle Bilder deuten zu können glaubt, sieht sich mit Lichterscheinungen konfrontiert, die zu erklären seine gelernte Professionalität gefährden könnte.

Eine schlaue Wendung dieses eindringlichen Fernsehfilmes: Einer, der auszog, Andere Vernunft zu lehren, muss selber dazulernen.

"Bloch: Der Heiland": Mittwoch 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Rainer Girbig 19.01.2011
1. HörZu
Zitat von sysopReligion versus Psychoanalyse: In der neuen Episode der ARD-Reihe "Bloch" gerät der gewichtige Therapeut an einen Prediger - ein eindringliches Duell der beiden Schauspielkolosse Dieter Pfaff und Matthias Habich im Schatten des Kölner Doms. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,740349,00.html
Schauspieler sagen im Film das was im Drehbuch steht. Dass es sich hier um zwei sehr bekannte Schauspieler handelt, die den Zuschauer vergassen lassen können, dass es sich um einen Film handelt, ändert nichts daran. Mutiert SpOn zur "Hörzu" des Internetzeitalters?
eikfier 19.01.2011
2. ...Kleinigkeiten
Zitat von Rainer GirbigSchauspieler sagen im Film das was im Drehbuch steht. Dass es sich hier um zwei sehr bekannte Schauspieler handelt, die den Zuschauer vergassen lassen können, dass es sich um einen Film handelt, ändert nichts daran. Mutiert SpOn zur "Hörzu" des Internetzeitalters?
...garstiger Mensch! Auch Kleinigkeiten wollen heute bezahlt sein wie Fensterputzer und Blumen für Keitum...;-)
dillerjohann 19.01.2011
3. Viele haben kein Verständnis....................
für die eigentliche Thematik die dahinter steht. Wirkliches verstehen, ist für diese von Ballerspielen und Blockbustern benebelte Welt, ein Glücksfall. Es geht weder um seichte Unterhaltung oder nerven spannende Aktion, sondern um viel mehr,um die Spannung "Mensch" Mit allen schwächen Fehlern und Krankheit. "Bloch" zeigt andere Wege auf, für Menschen die an dieser Welt verzweifeln warum auch immer, einen Weg ins Leben zu finden. mit viel und weniger Erfolg, wie im richtigen Leben. Die Figuren sind perfekt besetzt, und spiegeln das wirklich dar, und gaukeln keinen heile Welt vor.
Dumme Fragen 19.01.2011
4. Als Neurobiologe...
Zitat von dillerjohannfür die eigentliche Thematik die dahinter steht. Wirkliches verstehen, ist für diese von Ballerspielen und Blockbustern benebelte Welt, ein Glücksfall. Es geht weder um seichte Unterhaltung oder nerven spannende Aktion, sondern um viel mehr,um die Spannung "Mensch" Mit allen schwächen Fehlern und Krankheit. "Bloch" zeigt andere Wege auf, für Menschen die an dieser Welt verzweifeln warum auch immer, einen Weg ins Leben zu finden. mit viel und weniger Erfolg, wie im richtigen Leben. Die Figuren sind perfekt besetzt, und spiegeln das wirklich dar, und gaukeln keinen heile Welt vor.
mit Faible für philosophische Fragestellungen (aktuelles "Privatprojekt": die Wirkung unterschiedlich hoher Vitamin-D-Konzentration im Blut der Mutter während der Schwangerschaft, bedingt durch die Jahreszeiten, auf die Gehirnentwicklung und die Definition von Eigenschaften bei "Sternzeichen") finde ich solche Filme sehr unterhaltsam. Da ich ja zu wissen glaube, dass Gläubigkeit "nur" von der Ausstattung mit den richtigen Genen abhängt (v.a. wohl Dopaminstoffwechsel) und ich die nicht abbekommen habe, ich mir aber eine Welt mit "übernatürlichen Kräften" viel interessanter vorstelle, laß ich mich heute mal überraschen...
Tony 20.01.2011
5. Eigentlich eine gute Serie,
auch diese Episode entäuscht nicht. Habe selbst keinen Fernseher mehr, habe daher auch keine Fernsehzeitung :-) Ich besuche aber fast täglich meine Oma (alleinstehend, Mann vor 5 Jahren gestorben), diesmal vor der Nachtschicht, und da wir im Raum Koblenz über DVB-T keine Privaten reinbekommen, bin ich dann beim Bloch hängengeblieben. Großmutter möchte zwar einen "schönen" Film sehen, aber gute alte Kost mit Rühmann, H. Erhard, P. Alexander und Konsorten gabs nicht, kommen ja meistens Vor- oder Nachmittags und da will Oma kein Fernseh schauen, hat man früher ja nicht gemacht.... Egal, habe ca. 15 min. nach Beginn eingeschaltet und mußte so 20 min. vor Ende auf die Arbeit (wie immer, lol). Hab mir die Folge, grad eben, über die ARD-Mediathek, komplett angeschaut. Fazit: Für die Leute die Bloch schon öfters gesehen haben lohnt sich der Klick, falls verpasst. Wer damit nichts anfangen kann bzw. "Action" orientiert ist, findet es sowieso scheiße. Will nicht zuviel spoilern, nur soviel, und für mich der Hauptkritikpunkt, die letzte Minute vor dem Finale macht den Schluß absolut vorhersehbar, hätte man besser machen können. Ansonsten sehr schöne Bilder von Kölle und das mit den Vögeln finde ich jetzt auch nicht so dramatisch. Wegen mir kann SPON auch ein wenig Hörzu spielen, sofern man das gesendete noch per Web sich später anschauen kann. Einen schönen Tag noch !
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