"TV total" aus Oslo Raab lernt das Rocken wieder

Endlich mal wieder Gas geben! Nicht nur Lena Meyer-Landrut hat in Oslo das Auftrittsfieber gepackt, auch ihr Mentor Stefan Raab blüht bei "TV total" auf: Er hat Ideen, gute Laune und gewinnt selbst Kleinigkeiten neuen Reiz ab - fast wie früher, als seine Sendung noch eine richtige Show war.
Von Peer Schader

Der Proben-Raab trägt Polohemd mit T-Shirt drunter, Basecap und Sonnenbrille. Er steht - direkt nachdem die Musik aus ist und der erste Test zu Ende - neben seinem "Star für Oslo" auf der Bühne der riesigen Telenor-Arena, schaut der jungen Frau in die Augen und sagt mit ungewohnt ernster Stimme: "Man merkt, dass du im Livefieber bist, dass du Gas gibst. Das ist super, genauso musst du's machen!"

Nichts an diesem Satz ist ironisch gemeint, vielleicht fällt er deshalb so auf, es ist Lob und Motivation zugleich und Raab redet extra leise, als sei das ein ganz privater Moment, ohne all die Kamerateams, die sonst die ganze Zeit um seinen Schützling herumschwirren: bei der Ankunft in der Halle, beim Gratulationsständchen der norwegischen Grand-Prix-Teilnehmer zu ihrem 19. Geburtstag, beim Empfang im Rathaus, in jeder Minute.

Natürlich war trotzdem eine Kamera dabei, wenn auch nur die eigene, sonst wäre die schöne Szene ja nicht in "TV total" zu sehen gewesen, das seit Anfang der Woche aus Oslo sendet, wo Lena Meyer-Landrut am Samstag beim Eurovision Song Contest für Deutschland antritt. Endlich.

24 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen Kandidatin und Mentor, aber man merkt sofort: Da haben sich zwei gefunden. Zwei, die denselben Humor teilen, mit Ironie umzugehen wissen, ein Gespür dafür haben, wie man Musik transportieren muss - und trotz des ganzen Trubels eine fast schon unheimliche Gelassenheit bewahren. Bis auf wenige Momente jedenfalls.

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Foto: SCANPIX NORWAY/ REUTERS

"Puuh. Puuh. Ganz schön groß", hat Lena in die Kamera geflüstert als sie zum ersten Mal in der Halle saß und die ganze Souveränität, die sie sich in den vergangenen Wochen bei unzähligen TV-Auftritten erworben hatte, mit einem Mal von der Aufgeregtheit in Urlaub geschickt worden war.

Abends auf Raabs Sessel, wo sie diese Woche selbstverständlich Dauergast ist, saß dann wieder die schlagfertige junge Frau, die Grimassen schneidet, während der Mann im Sakko neben ihr in einer Tour darüber redet, was schon alles passiert ist, während die beiden in Norwegen angekommen sind: die Stadtrundfahrt, der Hubschrauberflug, das Konzert am Abend!

Eigentlich ist Raab natürlich da, um Lena zu unterstützen - so wie er 2004 Max Mutzke zum Song Contest in die Türkei begleitet hat. Aber man merkt ihm an, wie gut auch ihm das tut: endlich mal rauszukommen. Raus aus der Gewohnheit, alles so machen zu können wie immer. Und plötzlich sind lauter neue Ideen da.

Das "TV total"-Studio wurde aus Köln-Mülheim kurzerhand in den 12. Stock des Hochhauses der norwegischen Arbeiderpartiet verlegt - "so was wie die SPD von Norwegen - nur als richtige Partei", witzelte Raab. Der Sound der Showband klingt blecherner als sonst, aber das kommt daher, dass der Raum sonst wohl selten als Studio benutzt wird. Weil kaum Platz ist, sind nur ein paar Zuschauer da, die man zwischendurch einzeln lachen hören kann. Draußen auf der Terrasse ist hinter gemauerten Schornsteinen ein zweiter Schreibtisch aufgebaut, an dem Raab zu Beginn der Sendung sitzt, damit die Zuschauer den Blick auf die Stadt und den Fjord hinter ihm genießen können, wenn gerade die Mitternachtssonne untergeht.

Alles sieht ein bisschen nach Offener Kanal aus, nur bunter. Und Raab hat gute Laune, ist motiviert und dreht mit Lena tagsüber kleine Filmchen in der Stadt, die abends in der Sendung gezeigt werden. Fast wie früher, als "TV total" noch eine richtige Sendung war und nicht nur Werbeplattform für all die anderen Events, die der Moderator inzwischen bei ProSieben veranstaltet.

"Das ist mein vollster Ernst!"

Raabs indirekte Teilnahme am Eurovision Song Contest ist für die Sendung ein Segen - seit Wochen. Bereits während der Castingphase mit "Unser Star für Oslo" stand er abends aufgeputscht vor der Kamera und schien auch an lange vernachlässigten Kleinigkeiten seiner Quasi-Late-Night wieder Gefallen zu finden. Selbst wenn er das so direkt nicht sagt: Für ihn muss es ein Riesenspaß sein, wieder beim Grand Prix mitmischen zu dürfen - so groß, dass er sich dafür sogar auf die Kooperation mit der ARD eingelassen hat, vor deren Entscheidungsverzögerungen es ihn sonst graust.

Irgendwie ist durch die Ernsthaftigkeit, mit der Raab diese Aufgabe angeht, auch in der Öffentlichkeit endgültig angekommen, dass er nicht mehr der Spaßvogel aus Viva-Zeiten ist, der sich am liebsten über andere lustig macht. Oder besser: nicht mehr nur.

"Sag, dass das ernst gemeint ist", musste ihn Lena am Dienstag ermahnen, als Raab seinen Zuschauern empfahl, heute im Halbfinale für die Niederländer mit ihrem Gagatitel "Sha-la-lie" zu stimmen, für den sich Raab aus halb-ironischen Gründen begeistert. "Das ist mein vollster Ernst!", beteuerte er - das muss man bei ihm eben immer noch dazu sagen.

Wenn auch nur ein Bruchteil des jetzigen Elans für "TV total" übrig bleibt, sobald Raab nächste Woche aus Oslo zurückkommt, wird hiermit beantragt, den Mann ab sofort regelmäßig zum Song Contest zu schicken. Für nächstes Jahr ist das ja schon in Planung. Und vielleicht geht vorher noch mal jemand zu ihm hin und sagt mit leiser Stimme, dass man merkt, wie sehr er im Livefieber ist. Das ist nämlich super, genauso muss er's machen.

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