Udo Reiter über das Leben im Rollstuhl "Küstensand mag er nicht"

Wie sieht dich die Welt, wenn du im Rollstuhl sitzt? Wie siehst du die Welt? In diesem Text hat der nun verstorbene Udo Reiter humorvoll seinen Alltag auf Rädern reflektiert.

Udo Reiter saß seit seinem 23. Lebensjahr im Rollstuhl: "Am Anfang habe ich ihn gehasst"
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Udo Reiter saß seit seinem 23. Lebensjahr im Rollstuhl: "Am Anfang habe ich ihn gehasst"


"Mein Rollstuhl ist ein Alleinstellungsmerkmal. Die meisten Leute merken ihn sich leichter als mich. Als ich vor vierzig Jahren beim Bayerischen Rundfunk anfing, sagte ein Kollege zu mir: "Mensch Reiter, seien Sie froh, Sie sind wenigstens unverwechselbar." Oft waren tatsächlich Leute nett zu mir, die eigentlich den Rollstuhl meinten: Johannes Paul II. kam einmal auf mich zu und legte mir segnend die Hand auf den Kopf, Bill Clinton und sogar Michael Jackson haben mir die Hand geschüttelt und alles Gute gewünscht, einfach so.

Rudolf Scharping sah mich einmal vor dem Landesfunkhaus in Magdeburg, blieb stehen und fragte jovial: "Wie kommen Sie denn so zurecht im Rollstuhl?" - "Geht schon", sagte ich, "ich bin der Intendant." Das war ihm peinlich.

Am Anfang hab ich den Rollstuhl gehasst. Wenn ich im Studentenwohnheim aufwachte und ihn neben dem Bett stehen sah, dachte ich, nein, ich steh nie mehr auf. Er hat das anscheinend gespürt und war beleidigt. Gelegentlich hat er mich dann abgeworfen wie ein Gaul. Einmal landete ich im strömenden Regen in einem Rinnstein. Mir fiel ein, dass mein Vater gesagt hatte: "Wenn du so weitermachst, wirst du in der Gosse enden." Jetzt ist es soweit, dachte ich.

Er liebt Asphalt, aber keinen Strand

So einen Rollstuhl muss man zähmen wie der Torero den Stier. Man muss ihn zu seinem Instrument, zum Teil des Körpers machen. Man muss aber auch auf ihn hören. Er hat seinen eigenen Willen und kann sehr sensibel sein. Manchmal, wenn er nicht gleichmäßig aufgepumpt ist, hat er einen Linksdrall. Wasserscheu ist er auch. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Strandurlaub. Spanien. Weißer Sand. Ich bin mit ihm ins Meer gefahren. Das hat er mir übel genommen. Er war weiß verkrustet und quietschte. Überhaupt, Küstensand mag er nicht. Rasen und Teppich auch nicht. Er liebt Asphalt und Parkett.

Bergauf ist er zäh, bergab schnell, manchmal zu schnell. Als meine Tochter Franziska klein war, hab ich sie auf den Schoß genommen und bin mit ihr die Dorfstraße hinuntergesaust. Prompt sind wir umgekippt. Das Kind lag im Graben, ich auf der Straße, der Rollstuhl trotzig zehn Meter weiter. Die Mama hat geschimpft, aber das war uns egal.

Das Verhalten Dritter ist ein Kapitel für sich. Sie wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Zum Beispiel im Gespräch. Bleibt man stehen, beugt man sich herunter, hockt man sich hin? Auf Gruppenfotos löst der Schäuble das gut. Er lässt die erste Reihe auf Stühlen sitzen, er mittendrin. Ich habe das immer versäumt und sitze dann meist mit dem Rollstuhl etwas verloren vor dem stehenden Rest der Gruppe.

Menschen, die mir zum ersten Mal begegnen, bemühen sich oft um Lockerheit: "Ach, das ist wohl die Bremse?" Manchmal erzähle ich einen Witz. "Was ist ein Rollstuhlfahrer unter Kannibalen? - Essen auf Rädern." Dann wissen die meisten aber nicht, ob sie lachen dürfen. Auch spontane Sympathiebekundungen kommen vor. In einer Münchner Kneipe gewann ein Mann am Spielautomaten eine Handvoll Münzen. Auf dem Rückweg zu seinem Tisch blieb er neben mir stehen und sagte: "Da, das ist für dich, du bist ein armer Hund." Ich fand das nett von ihm und habe das Geld genommen.

In Amerika wird mir manchmal sogar ein gewisses Heldentum unterstellt. Obwohl ich wirklich nie in Vietnam gekämpft habe, wurde mir diesbezüglich schon lobend auf die Schulter geklopft. Hier in Leipzig hat mich einmal ein alter Mann gefragt: "Das ist wohl vom Krieg?"

Von einem ausgedienten Rollstuhl kann ich mich schwer trennen. Er hat mir so viele Jahre treu gedient. Das verbindet.



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