Ukraine-Talk bei Jauch Totale Entspannungspolitik

Bei Günther Jauch sagten der ukrainische und der russische Botschafter zwar nichts Neues - das aber immerhin so friedlich, dass man dabei fast schon beruhigt einschlafen wollte.

Moderator Günther Jauch
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Moderator Günther Jauch

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Günter Jauch ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln: Konnte man bisher noch vermuten, bei der ARD-Sendung aus dem Gasometer in Berlin handle es sich um eine, obschon seit jeher offiziös-rechtlich aufgeblasene, aber doch noch einigermaßen herkömmliche Polit-Talksendung, so zeigte sich am Sonntag ihr wahrer Charakter. Hier geht es um nichts weniger als alles, das aber bitte sofakompatibel aufbereitet vom beliebtesten Moderator des Landes.

Eben noch hatte man sich nicht entscheiden können, was man langweiliger fand, die absolute Unglaubwürdigkeit Simone Thomallas als Ermittlerin im Leipziger "Tatort" oder doch eher das aufgesetzt coole Spiel ihres Kollegen Martin Wuttke, befand sich also in der gewohnt öden Niederung des Krimiabends, da katapultierte Günther Jauch den Zuschauer unvermittelt auf die höchste Ebene der globalen Krisendiplomatie.

In Hamburg ist gewählt worden? Völlig unwichtig.

Denn bei Jauch wird nur besprochen, was die ganze Welt bewegt, diesmal: Der Krieg in der Ostukraine, die dort unter deutsch-französischer Vermittlung jüngst in Kraft getretene Waffenruhe, sowie die Zukunft des Landes und der geostrategischen Gesamtlage.

Na gut, Wladimir Putin war leider nicht da. Angela Merkel auch nicht. Und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko war offenbar ebenfalls verhindert. Aber alle drei hatten sie ihre Statthalter entsandt: Für Putin nahm Wladimir M. Grinin im senfgelben Drehstuhl Platz, der Botschafter Russlands in Deutschland. Für Poroschenko sprach Andrij Melnyk, der Botschafter der Ukraine. Und Angela Merkel war vertreten durch Norbert Röttgen (CDU), als Söhnlein Brillant der Kanzlerin jetzt Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag. Immerhin!

Hochkarätiger geht es kaum: Spitzendiplomaten diskutieren live im Fernsehen. Allerdings - jedenfalls nach der Logik einer Talkshow - geht es auch kaum unergiebiger. Denn wo sich sonst Parteipolitiker zum Amüsement und für die Meinungsbildung des Publikums bezanken, saßen hier Männer, deren Beruf darin besteht, möglichst höflich möglichst wenig zu sagen, auf keinen Fall eine eigene Meinung zu äußern und konkrete Fragen tunlichst unbeantwortet zu lassen.

Ob denn in der Ostukraine zur Stunde noch gekämpft würde, wollte Jauch zum Auftakt vom Botschafter Melnyk wissen, worauf dieser aber gar nicht einging, sondern die grundsätzliche Position seines Landes darstellte: Die Ukraine wolle Frieden, Russland habe den Krieg angezettelt. Warum es denn so lange gedauert habe vom Beschluss der Waffenruhe bis zu ihrer Umsetzung, fragte Jauch dann den Russen Grinin, der die Frage nicht beantworten kann. Beziehungsweise, so darf man annehmen, nicht beantworten will, weil er sonst darauf zu sprechen kommen müsste, dass die ostukrainischen Separatisten offenbar noch möglichst unumkehrbare Tatsachen schaffen wollten, bevor sie eine Feuerpause einlegen. Das übernimmt dann Norbert Röttgen.

Eine lebhafte Diskussion kann so nicht entstehen, aber dafür war die Sendung auf andere Weise spannend. Oft ist Angela Merkel mit ihrer Beobachtung zitiert worden, Wladimir Putin lebe in einer anderen Welt. Bei Jauch konnte man nun als Normalzuschauer einen Bewohner dieses dem Westen so fremd gewordenen Planeten Moskau live erleben: Wladimir Grinin lehnte es wiederholt und in aller Seelenruhe schlicht ab, über russische Waffenlieferungen an die Separatisten zu reden, bis Beweise für diese Waffenlieferungen vorliegen. Im Übrigen hätten ja die Amerikaner selbst diese Vorwürfe mittlerweile zurückgefahren. Den Einfluss Moskaus auf die Separatisten setzte er gleich mit dem Einfluss der USA auf Kiew.

Und russische Truppen auf der Krim? Kein Problem. Russland habe ja das vertragliche Recht dazu, bis zu 25.000 Soldaten dort zu stationieren.

Sein ukrainischer Amtskollege Melnyk hingegen erneuerte die Forderung seiner Regierung nach Waffenlieferungen aus dem Westen - mit dem bemerkenswerten Satz, die Frage der Waffenlieferungen sei zentral nicht nur für die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine, sondern auch für die Sicherheit in Europa. Das ist gewiss richtig - und führt dazu, dass die Frage von den westlichen Regierungen nicht so beantwortet wird, wie seine Regierung es wünscht. Jedenfalls noch nicht. Norbert Röttgen warnte wie Merkel vor den Folgen solcher Waffenlieferungen: Sie würden Putin nur darin bestärken, es hier mit einem westlich gesteuerten Angriff zu tun zu haben.

Immerhin, es wurde allseits betont, zum Frieden gewillt zu sein - obwohl man annehmen muss, dass sich die Vorstellungen einer befriedigenden Situation stark unterscheiden. Vor wenigen Tagen noch wollte keiner darauf wetten, dass es überhaupt zu einer Waffenruhe kommen könnte - also sollte man sich wohl einfach freuen über dieses Bild: Die Botschafter zweier Nationen, die sich de facto im Krieg miteinander befinden, sitzen bei Günther Jauch und führen ein so gepflegtes Gespräch, dass man fast beruhigt einschlafen möchte dabei. Zum Handschlag vor der Kamera kam es zwar noch nicht, aber Jauch sendet ja glücklicherweise wöchentlich. Vielleicht ist es ja schon in der nächsten Sendung soweit. Wo sonst, wenn nicht hier.



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mulli3105 16.02.2015
1. Das war definitiv
der Höhepunkt der ultraleichten Unterhaltung, man konnte bequem im Sessel zurückgelegt den hohlen Worten der Probanden lauschen, musste sich nicht aufregen, nicht grämen... ich schlief seelig hinweg... "...über allen Kameras spürest du kaum einen Hauch Jauch..."
newsoholic 16.02.2015
2. Krim
Zitat: "Und russische Truppen auf der Krim? Kein Problem. Russland habe ja das vertragliche Recht dazu, bis zu 25.000 Soldaten dort zu stationieren." Zitat Ende. Ja, dieses Recht hat Russland doch auch. So einfach ist das manchmal.
BlakesWort 16.02.2015
3.
Die Waffenruhe gilt nur zwischen Ukraine und Russland. Was die Freischärler dort unten machen, wird wahrscheinlich von beiden Regierungen gesteuert. Ein low intensity war, ein Krieg unterhalb der Wahrnehmungs- und Handlungsschwelle der Weltöffentlichkeit, ist die Folge. Genau wie in so vielen anderen Ländern der Welt. Mexiko, Tschetschenien, Nigeria, Afghanisten, Irak, Syrien. Das grausame an diesen Kriegen ist, sie sind nicht in fünf Jahren beendet und so schrecklich, dass sich die Kriegsparteien Frieden wünschen. Sie schleichen sich ein, manifestieren Tod, Elend, Verbrechen und Brutalität im Alltag, wodurch sie Generationen an Kriegsversehrten heranziehen, die Krieg als normal und Frieden als bedrohlich abnormal ansehen. Sowas werden Leute wie die Botschafter niemals verstehen, weil sie nur Schoßhündchen sind.
kuddikurt 16.02.2015
4. Peinlich
Das Auftreten vom russischen Botschafter war mehr als peinlich. Nichts sehen nichts hören nicht wissen. Waffen die wie Bäume für die Separatisten vom Himmel fallen. Dann zwei Führer der Separatisten die ein Niveau der untersten Schublade besitzen, dumm und gefährlich, werden von Putin zur Verhandlung mitgebracht und als Partner auf gleicher Augenhöhe präsentiert wie Merkel und Hollande. Russland ruiniert seinen Ruf in der Welt immer mehr und das Volk wird von seinen Führern belogen und betrogen. Zu Putin kann man nur noch sagen "Denn sie wissen nicht mehr was sie tun"
hansa54 16.02.2015
5. Inszenierung
Braucht kein Mensch! Bzw. kann man hier sehen, wie diese Sendungen von allen Seiten benutzt werden, um Botschaften, Ansichten und Lügen zu verbreiten. Und der Moderator: unfähig, unwillig einzuschreiten! Eine Sendung zum Fremdschämen! Hier wurde vom Vormarsch der Russischen Armee, von T80, Tausenden von Beweisen etc. gesprochen und Jauch schwieg bis zur nächsten Frage.Es tut weh, dies teuer bezahlen zu müssen-im doppelten Sinn. Mittlerweile bin ich auch dafür, daß man zeigen sollte, wer u.a. in der Atlantik-Brücke verankert ist. Bei Röntgen ist dies nicht nötig, er schreit es förmlich mit jedem Satz heraus!
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