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07. März 2014, 08:04 Uhr

Krim-Krise bei Beckmann und Illner

"Wir führen Krieg gegen den Kalten Krieg"

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Härte zeigen oder nachgeben? Mit Waffengewalt oder mit Sanktionen? Maybrit Illner und Reinhold Beckmann versuchten mit ihren Gästen die Kriegsgefahr auf der Krim zu analysieren. Am emotionalsten war Piratin Marina Weisband, am klarsten Ex-Generalinspekteur Harald Kujat.

Hamburg - Mit verstörender Wucht ist die große Frage von Krieg und Frieden auf die Tagesordnung zurückgekehrt, auf die politische, aber zwangsläufig auch auf die der Talkshows. Und entsprechend geht es dort zu, seit sich die Nachrichtenlage nahezu im Stundentakt aktualisiert. Analysten und Exegeten sind gefragt, fast wie in alten Zeiten der Kreml-Astrologie. Man hört besonders genau hin, wer was wie sagt. Mögen in den USA auch manche Scharfmacher Morgenluft wittern, so herrscht doch in Europa und vor allem hierzulande eher Sorge vor weiterer Eskalation. Es besteht Bedarf an beruhigenden Signalen. Die gab es denn auch: Bei Maybrit Illner wie bei Reinhold Beckmann. Beide wollten wissen, ob der Kalte Krieg wiederkehrt und womöglich gar Schlimmeres droht. Zumindest zwei erfahrene Strategen sahen das aber eher gelassen, und einer ganz besonders.

Der erste war Harald Kujat, früherer Generalinspekteur der Bundeswehr, der bei "Beckmann" kühl das Dilemma des Westens auf den Punkt brachte. Der zweite war Egon Bahr, einst Mitbegründer der Ostpolitik und eine Art lebende Erinnerung daran, wie klug Diplomatie einmal zu sein vermochte.

Bei Illner hatte es Bahr unter anderem mit einem wichtigen aktiven Diplomaten zu tun, Wladimir Grinin, seines Zeichens Botschafter Russlands in Deutschland und somit Sprachrohr der Putinschen Politik. Der bezeichnete die gegenwärtige Übergangsregierung in Kiew wenig überraschend als "aggressiv" und "von rechtsradikalen Kräften beherrscht", versicherte jedoch, eine gewählte Regierung der nationalen Einheit werde "selbstverständlich respektiert" und warb für eine friedliche Konfliktlösung. Die Sanktionsdrohungen von Seiten des Westens kritisierte er als "schlechten Stil".

Was es mit denen auf sich hat, dazu gab es bei Beckmann von anderer Seite noch einiges mehr zu hören. Doch auch in Illners Runde wurde das Agieren des Westens mehrheitlich eher skeptisch beurteilt. Jakob Augstein, "Freitag"-Verleger und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, nannte es naiv zu glauben, Putin werde die Krim hergeben, und übte scharfe Grundsatzkritik am Kurs der EU mit ihren Verlockungen. "Wir können die Ukraine nicht in die Arme nehmen."

"Revolutionäre Situation"

Interessanterweise stand Grinin mit seiner Einschätzung der gegenwärtigen Kiewer Machtverhältnisse nicht einmal allein. Bahr fand es "ein bisschen komisch", dass der Westen so tue, als gebe es dort eine handlungsfähige Regierung. Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, sprach immerhin von einer "revolutionären Situation", die es zu stabilisieren gelte, und Augstein warnte davor, den Einfluss der Rechtsradikalen zu unterschätzen.

Auch Piratin Marina Weisband, engagiert in der Maidan-Bewegung, sieht darin eine Gefahr, lastete ihr Erstarken aber gerade dem Druck von außen durch Putins Intervention an. Der habe Angst vor einem Maidan in Moskau und suche deshalb ein blutiges Ende in der Ukraine. Abermals, wie schon unlängst bei Jauch, warb sie vehement und mit erkennbarer Leidenschaft für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Ukrainer - und wirkte dabei fast ein wenig verloren. "Wir führen Krieg gegen den Kalten Krieg", lautete ihr etwas emotionales Credo.

Dass es den nicht wieder geben dürfe und voraussichtlich auch kein heißer stattfinden werde, darüber wurde denn auch vergleichsweise leicht Einigung erzielt. Röttgen kündigte an, die EU werde alles tun, um die Beteiligten an einen Tisch zu holen. Bahr bezeichnete es schlichtweg als "blöd", wegen der Krim ("viel zu klein") die in 40 Jahren erreichten Fortschritte in Richtung Sicherheitspartnerschaft aufs Spiel zu setzen. Auch Botschafter Grinin, dessen nachdenkliche Miene mehrfach als Totale eingeblendet wurde, mahnte, es müssten Lehren aus den schweren Zeiten der Geschichte gezogen werden. Und dann brachte er seine Sicht der Dinge anhand einer Zettelnotiz noch auf die schöne Formel: "Wir müssen der Vernunft Gehör geben." Woraufhin Bahr trocken anmerkte, dass er diesen Satz hoffentlich auch auf Russisch an der richtigen Stelle parat habe.

"Westen hat zu hohe Erwartungen geweckt"

Bei Beckmann klang manches ähnlich, manches noch deutlicher, einiges aber auch leicht irritierend. Katja Petrowskaja, ukrainisch-deutsche Schriftstellerin, zeigte sich ratlos, wie es nun weitergehen solle. Rebecca Harms, Grünen-Fraktionschefin im Europäischen Parlament, plädierte mit derartigem Nachdruck für mehr europäische Härte gegen Putin, dass es teilweise geradezu bellizistisch anmutete - und brachte dann auch noch die Entwicklung einer ganz neuen Energiepolitik zwecks Unabhängigkeit vom russischen Gas ins Spiel.

So blieb es denn dem Fernsehjournalisten Georg Restle, dem Völkerrechtler Georg Nolte und Harald Kujat, dem früheren Generalinspekteur der Bundeswehr, vorbehalten, wenigstens etwas Erhellendes und Bedenkenswertes beizutragen. Das betraf das fragwürdige Vorgehen der EU bei der nicht unbedingt klugen Osterweiterung, die viel zu hohe Erwartungen geweckt habe, aber auch die daraus resultierende Situation Russlands, das nach dem Fall des Eisernen Vorhangs "durch ein tiefes Tal" gegangen sei, wie Kujat es formulierte. Immer weiter sei der Westen vorgedrungen, immer mehr der Sicherheitsgürtel aus der UdSSR-Ära geschrumpft. Und jetzt in der Krim-Krise mit Sanktionen zu drohen, sei gänzlich verfehlt. Sanktionen müssten schließlich ein realistisches Ziel haben. Die Aufnahme der Ukraine in die EU könne das ja wohl nicht sein, merkte Völkerrechtler Nolte an.

Und Stratege Kujat dozierte kühl über das Rezept eines erfolgreichen Krisenmanagements: Man müsse erstens die Ziele des Gegners kennen, zweitens die eigenen definieren (und sich darüber im Klaren sein, welchen Preis man dafür zu zahlen bereit ist) und dann diese durchzusetzen versuchen. Der Westens aber wisse nicht einmal, was seine eigenen Ziele eigentlich seien. Ein Rückfall in den Kalten Krieg sei jedenfalls nicht zu erwarten, höchstens eine zeitweilige Abkühlung, da beide Seiten letztlich aufeinander angewiesen seien.

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