Sibylle Berg

Umgang mit dem Tod Das Dauerraunen des Schreckens

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Auch wegen Corona wird gerade überall über das Sterben geredet. Dabei wird der Tod bestimmter Bevölkerungsanteile mit einer Dreistigkeit verhandelt, die mich ratlos macht.
Szene aus »Gott«: Es ist ein langer, harter Winter

Szene aus »Gott«: Es ist ein langer, harter Winter

Foto: Julia Ter / ARD

Nachdem ich jetzt in verschiedenen Variationen diverse PolitikerInnen vom »langen, harten Winter« oder »dem harten Winter, der uns allen etwas abverlangt« oder einfach nur »dem Winter« habe reden hören, wundere ich mich jeden Morgen, dass draußen noch nicht die Deutsche Armee in die Schweiz einmarschiert ist, um Stalingrad nachzustellen.

Ich habe keine Ahnung, was das Dauerraunen des Schreckens mit anderen macht, mich lässt es glasig schauen und dumpf werden. Heizung und Internet geht es noch gut. Vielen Bekannten von mir nicht mehr, sie haben langsam kein Geld mehr nach einem fast kompletten Ausfalljahr in den Theatern. Ich dann auch, bald. Egal. Bald kommt die Steuerrechnung, fällt mir unzusammenhängend ein.

Es wird ein harter, langer Winter, ich habe verstanden, wir werden alle sterben. Massiv wurde das ARD-Kammerspiel »Gott « des Autors Ferdinand von Schirach über das Sterben beworben. Danach gab es dann vermutlich noch eine Lanz-, Maischberger-, Illner-Sendung, wo sich, ebenfalls nur vermutet, Theologen und Mediziner zum Thema äußerten. Vielleicht auch ein Sterbenskranker. Who knows. Ich habe das Fernsehspiel ungefähr zehn Minuten durchgehalten. Es klang, als hätte ein Anwalt ein Gläschen Tee getrunken und dann aus verschiedenen Gesetzbüchern abgeschrieben.

Die Schauspielerinnen kämpften sich durch Sätze wie Wikipedia-Einträge, und egal, es ging ums Sterben. Sterben ist grade ein In-Thema. Bald schon legte die ARD mit einem heißen Selektionsknüller nach: dem Todesalgorithmus . Guter Grusel, die Entwicklung einer Super-KI, die über Leben und Tod entscheidet (Wird die KI uns alle töten? Klar doch). Es geht dabei darum, die Kosten und Nutzen einer Behandlung sorgsam abzuwägen. Die Frage ist immer, welche Kriterien werden eingegeben und in wessen Auftrag. Versicherungen? Denen traue ich blind. Private Krankenhäuser? Na, was kann da schon schiefgehen.

Ich finde: Im Moment wird das Aussterben bestimmter Bevölkerungsanteile mit einer Dreistigkeit verhandelt, die mich ratlos macht. Das ist der Endpunkt der bewusst geförderten Entsolidarisierung und des Wettbewerbs gegeneinander. Nicht mal im Sterben hat man seine Ruhe. Sterben heißt jetzt: Er/sie hat den Kampf verloren! Wettbewerb bis zum letzten Atemzug, der jetzt an Codeketten outgesourced wird, die noch effektiver und genauer den Wert des Einzelnen ermitteln.

Im Moment sterben also vornehmlich ältere, kranke Menschen, ich weiß nicht, ob die Pandemie anders gehandhabt würde, wenn es ausschließlich weiße männliche mittdreißig- bis mittfünfzigjährige Manager träfe. Geheimbezeichnung: Managerpest. Oder nur Milliardäre. Obwohl – so ein Quatsch, diese Zielgruppe kennt keine Allgemeinversicherung, vermutlich nicht einmal Krankenhäuser. Was wir gerade erleben, ist Unmenschlichkeit und entfesselte Verachtung.

Wie sagt dieser Autor  so schön zum Thema Sterbebegleitung: »Die Erlösung, die man dem geliebten Haustier gewährt, sollte man auch dem Menschen gewähren.« Eine brutale Seuche geht um. Ihr Name ist weder Covid noch Corona, sondern Spätkapitalismus.

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