Umstrittene RTL-2-Show Zuschauer beschweren sich wegen "Tatort Internet"

Zuletzt sorgte nur "Big Brother" für so viel Ärger: Bei den Landesmedienanstalten beschweren sich Zuschauer über die Hatz auf mutmaßliche Sextäter in der Sendung "Tatort Internet" auf RTL 2. Die Medienaufsicht ist alarmiert.
Die Sendung "Tatort Internet" konfrontiert Männer, die Minderjährige online anmachen

Die Sendung "Tatort Internet" konfrontiert Männer, die Minderjährige online anmachen

Foto: RTL II

Kassel/Saarbrücken - Was in der RTL-2-Sendung "Tatort Internet" gezeigt wird, geht einigen Zuschauern zu weit. Bei der gemeinsamen Beschwerdestelle der Medienanstalten programmbeschwerde.de , die von der Landesmedienanstalt des Saarlands betreut wird, ist bis Donnerstag eine zweistellige Zahl an Beschwerden eingegangen.

"Tatort Internet" will vor Männern warnen, die sich über das Internet an Minderjährige heranmachen. Die Methoden sind allerdings umstritten: Für die Sendung geben sich erwachsene Lockvögel in Chats und Social Networks als 13-Jährige aus und verabreden sich mit potentiellen Tätern. Die Treffen werden zunächst mit versteckter Kamera gefilmt, dann konfrontiert eine Journalistin die Männer. RTL 2 zeigt ausführliche Mitschnitte der Treffen. Die Männer sind dabei gepixelt und ihre Stimmen verzerrt. In der Auftaktsendung am Donnerstag vergangener Woche wurde zudem ein Mädchen ausführlich interviewt, das in einem Chat bedrängt wurde.

Zuschauer seien der Auffassung, es würden in unverantwortlicher Weise minderjährige Opfer von sexueller Belästigung gezeigt und zu ihren Erlebnissen befragt, teilte die Landesmedienanstalt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit. Andere fürchteten eine pauschale Vorverurteilung möglicherweise Unschuldiger und kritisierten eine übermäßig dramatische Inszenierung. Nach Ausstrahlung der zweiten Folge am Montagabend war einer der vermeintlich unkenntlich gemachten Männer enttarnt worden: Informationen aus der Sendung führten über eine kurze Internetrecherche zum Klarnamen und Wohnort des Mannes. Dieser sagte zu SPIEGEL ONLINE, dass er und seine Familie seitdem massiv bedroht würden.

Wird das Internet pauschal verurteilt?

Die Beschwerden seien bemerkenswert differenziert, heißt es bei der Sammelstelle. Zuletzt habe es eine solche Welle an Eingaben im Frühjahr zu "Big Brother" gegeben - ebenfalls eine RTL-2-Sendung. Nach Ansicht des Direktors der Saar-Medienanstalt, Gerd Bauer, ist fraglich, ob durch ein solches Format Aufklärung und Hilfe für die Opfer erreicht werden könne oder nur die Sensationsgier mancher Zuschauer befriedigt werde. "Solche Sendungen, die ja durchaus ein aufklärerisches Ziel verfolgen, dürfen außerdem nicht zu einer pauschalen Verurteilung des Internets führen", sagte Bauer. Die Beschwerden werden nun an die zuständige Landesmedienaufsicht in Hessen, von wo aus RTL 2 sendet, weitergeleitet.

Dort wird die Sendung derzeit ohnehin kritisch geprüft - schon aus Routine. Untersucht wird, ob der Sender gegen das Rundfunkrecht verstoßen hat. Dafür gebe es durchaus erste Hinweise: "Wir schauen uns an, ob in der Sendung Persönlichkeitsrechte verletzt wurden, ob journalistische Grundsätze eingehalten worden sind und ob die Sendung für Zuschauer zwischen 12 und 16 Jahren geeignet war", sagt die Sprecherin der Landesanstalt, Annette Schriefers.

Den Prüfbericht leitet die Medienaufsicht Hessen dann weiter an die gemeinsame Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) sowie an die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Dort entscheidet sich, ob die Show für RTL 2 Folgen hat. Womöglich darf die Sendung dann nur noch zu einer späteren Sendezeit oder gar nicht mehr wiederholt werden, womöglich wird ein Bußgeld fällig. Bis zu einer Entscheidung dauert es allerdings noch mehrere Wochen - es wird nachträglich geprüft, so sind die Regeln.

ore/dpa
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