Umstrittene TV-Serie "The Kennedys" Königsfamilie kaputt

Drama über Drama! Die Familiensaga der Kennedys wurde fürs TV verfilmt. In den USA verteufelten viele Kritiker die Serie als Majestätsbeleidigung, weil der so mächtige wie beliebte Clan mies wegkommt. Jetzt startet "The Kennedys" in Deutschland - mit Katie Holmes als überperfekter Jackie O.

ARTE/ Kennedys Productions

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Wie oft denkt man: Dieses Mal, ja, dieses Mal gibt Katie Holmes ihrem Göttergatten den Laufpass. Endgültig. Wirklich. Folge um Folge denkt man das. Wenn sie als Jackie Kennedy den Frust über die Eskapaden ihres Manns wieder einmal runterschluckt, und ein paar Aufputschmittel hinterher.

Dann das Attentat.

Vordergründig ist der TV-Mehrteiler "The Kennedys", den Arte ab Donnerstagabend zeigt, auf John F. Kennedy ausgerichtet. Greg Kinnear ("Little Miss Sunshine") spielt die tragische Heldenfigur fein ausbalanciert. Mal zweifelnd, mal in Schwerenöter-Pose, mit Katie Holmes als Garnitur.

Doch wer nach dem Vorspann in Moll mit seiner bizarren Patriotismus-Collage (Hiroshima! Fidel Castro! Mondrakete!) nicht schon umgeschaltet hat, sieht schnell, dass bei der Familiensaga der Dreh- und Angelpunkt woanders liegt: beim Pater Familias, Joseph Kennedy Sr.

Acht Folgen lang erzählt "The Kennedys" von seinem Leben - angefangen 1938, als er noch US-Botschafter in Großbritannien ist, über den Tod seines Ältesten Joe Junior im Zweiten Weltkrieg, dem politischen Hoffnungsträger der Familie, bis hin zum Attentat auf JFK 1963 und fünf Jahre später auf Bruder Robert, mitten im Präsidentschaftskampf. Der Alte überlebt alle, trotz schweren Schlaganfalls. Und seine Kinder sind wie Marionetten - sie tun, was sein Polithunger verlangt.

Der unvergleichliche Tom Wilkinson ("Michael Clayton") verleiht ihm dafür die nötige Gravitas eines machtversessenen Patriarchen, der potentielle Wähler mit guten Gaben gewogen stimmt und Strippen zieht, um einen der Söhne an die Spitze des Staates zu hieven. Und als der Älteste im Krieg fällt, muss halt der nächste ran. "The Kennedys", ein Drama eben.

Meuchelmord!

Drama aber auch im Sinne von: umstritten. Denn unter anderem jene Charakterisierung von Joe Kennedy Sr. hat halb Amerika auf die Barrikaden gebracht. Seit die ersten Drehbuchfassungen kursierten, lange bevor nur eine einzige Folge fertig war, tobten die Diskussionen. Historiker, ehemalige Berater von JFK sowie Anwälte bemängelten so ziemlich alles: Details, gravierende historische Fehler, verfälschende Darstellungen; einzelne Figuren seien hinterrücks regelrecht gemeuchelt worden, schimpften sie. Dazu die Dauerbrenner: die Affäre mit Marilyn Monroe, Jackies Rolle beim und nach dem Schweinebucht-Debakel. Der Filmemacher Robert Greenwald startete unter dem Schlachtruf "Stoppt den Kennedy-Rufmord" sogar eine Petition.

Eigentlich sollte jeder, der das Thema "Kennedy" in USA anfasst, wissen, was bei Majestätsbeleidigung droht. Ähnliche Reaktionen bekäme man hier wohl nur mit einer Doku-Soap über den Papst oder Franz Beckenbauer. Doch Produzent Joel Surnow und Autor Stephen Kronish betonten stets, sich nur an seriöses Quellenmaterial gehalten zu haben.

Half alles nichts, Anfang Januar 2011 cancelte der "History Channel" die von ihm eigens beauftragte Serie. Die Dramatisierung "passe nicht zur Marke". Kein Sender wollte sie, am Ende landete die 25-Millionen-Dollar-Produktion beim relativ unbekannten Kanal "Reelz". Und hierzulande nun bei Arte.

Die Serie changiert zwischen Doku und Fiktion, die Grenzen sind fließend, das zeigt etwa eine Wahlkampfszene: Jack sei ein Kriegsheld, sagt ein Helfer. "Reiner Zufall. sie haben mein Boot versenkt", sagt Jack. Darauf Vater Kennedy: "Er hat die ganze Mannschaft gerettet. Drei Meilen ist er durch haiverseuchtes Gewässer geschwommen und hat seinen Kameraden gezogen. Mit den Zähnen!"

Tempo? Nö

Auf ähnlich verwaschene Art zerfällt der Mehrteiler dramaturgisch. Es fehlt an Tempo und auch an Spannungsbögen, die einen von Folge zu Folge pushen, weil man wissen will: Was passiert als nächstes? Kaum zu glauben, dass Joel Surnow zuvor das Terroristen-Paranoia-Spektakel "24" produzierte und Jon Cassar dort Regie führte.

Und Katie Holmes? Das Star-As im Ärmel sieht Jackie zwar wahnsinnig ähnlich. Doch dummerweise scheint sich die 33-Jährige in ihrem Spiel eben nur auf Kostüm und Maske zu verlassen (und natürlich auf Wangengrübchen, artiges Lächeln, gekräuselte Nase und waidwunden Blick). Sie siedelt ihre Jackie O. irgendwo zwischen ihrer Joey aus der Teenie-Serie "Dawson's Creek" und ihrer "First Daughter" aus dem gleichnamigen Kinofilm an. Aber das ist fast zehn Jahre her.

Einzig wahrer Lichtblick neben dem schroffen Tom Wilkinson ist daher Berry Pepper (zuletzt ein Bösewicht im Coen-Film "True Grit") als Bobby Kennedy. Er ist der eigentliche Sympathieträger der Mini-Serie. Als linkischer, aber gutherziger Typ, den keiner richtig ernst nimmt - und der am liebsten bei Frau und Kindern bleiben würde, sich aber dem Druck des Vaters nicht entziehen kann. Und unter seinem Bruder Justizminister werden muss.

Wer jetzt einwenden will, "The Kennedys" hätten mehrere Emmys gewonnen, die bürgten doch für Qualität, dem sei gesagt: in der Tat, das tun sie. Berry Pepper hat einen für seine Nebenrolle als Robert bekommen. Einen Preis gab's fürs Soundmixing. Einen für die Frisuren. Und einen fürs Make-up.


"The Kennedys", Arte, ab 26. Juli jeden Donnerstag 20.15 Uhr.



insgesamt 2 Beiträge
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blankswine 29.07.2012
1. unterhaltsame History Soap
Eine sehr unterhaltsame History Soap , für die sicherlich nicht schlecht recherchiert wurde . Bei dem Thema sollte man gute Quellen besitzen.
niska 29.07.2012
2.
Zitat von sysopARTE/ Kennedys ProductionsDrama über Drama! Die Familiensaga der Kennedys wurde fürs TV verfilmt. In den USA verteufelten viele Kritiker die Serie als Majestätsbeleidigung, weil der so mächtige wie beliebte Clan mies wegkommt. Jetzt starten "The Kennedys" in Deutschland - mit Katie Holmes als überperfekter Jackie O. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,846410,00.html
Das Review ist sehr gelungen und spiegelt meine eigenen Eindrücke der Miniserie wieder. Ich weigere mich zu glauben, dass Jackie O. so eine langweilige Frau war. Nur Bobbies Schicksal hat mich die Serie weiterschauen lassen.
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