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09. März 2015, 13:55 Uhr

Neue Comedy-Serie von Tina Fey

Sekte and the City

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Mit "Unbreakable Kimmy Schmidt" landet Netflix den nächsten Hit: Aus der Geschichte einer jungen Frau, die sich nach 15 Jahren in einer Sekte in New York durchschlägt, hat Tina Fey eine grandios lustige und respektlose Comedy gemacht.

"A miracle", ruft im Vorspann der Reporter, der angeblich alles gesehen hat, ins Mikrofon: Vier Frauen sind aus einem unterirdischen Verlies in Indiana befreit worden, in dem sie 15 Jahre lang vom Anführer einer postapokalyptischen Sekte festgehalten wurden.

Eine von ihnen ist Kimmy Schmidt, 29, und die will's wissen. Kimmy (Ellie Kemper aus "The Office") beschließt, nach der Rettung in New York zu bleiben und das Leben zu genießen - exakt der richtige Einstieg für die neueste Kreation der Autorin, Komikerin, Schauspielerin und Produzentin Tina Fey und Robert Carlock, einem der Showrunner ihrer mehrfach preisgekrönten NBC-Serie "30 Rock".

"Unbreakable Kimmy Schmidt" erzählt in 22-Minuten-Happen von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen, stattdessen aber alle anderen, all die frustrierten und desillusionierten New Yorker, mit unfassbarer Naivität und Honigkuchenpferdgrinsen ansteckt. Und weil Fey und Carlock ausgebuffte Autoren sind, platzieren sie die lebensbejahende Botschaft in einer rasanten Melange aus One-Linern und grandios überzeichneten Situationen.

"Dem ist die Verdauung weggezüchtet worden"

Kimmys Mitstreiter sind nach klassischem Comedy-Muster eine Handvoll wiederkehrende Figuren, etwa der übergewichtige, schwule Mitbewohner Titus (Tituss Burgess aus "30 Rock") oder Kimmys neurotische Chefin Jacqueline (Jane Krakowski aus "30 Rock", wo sie eine ähnliche Rolle spielte). Durch sie lernt Kimmy das Upperclass-Leben kennen und wundert sich bald über gar nichts mehr. Auch darüber nicht, dass der Wadenbeißer, den Jacqueline wie ein Handtäschchen trägt, beim Gassi gehen nie sein Geschäft zu verrichten scheint: "Dem ist die Verdauung weggezüchtet worden", erklärt Jacqueline, während sie den Kläffer verzückt anschmust, "der Anus ist nur noch Dekoration!"

Zwischen herzhaft Geschmacklosem, gekonnt gespielten Pointen und Anarchisch-Situativem verstecken Fey und Carlock immer wieder Hiebe auf die - zugegeben schon oft veräppelte - feine Gesellschaft und ihre verzogenen Kinder. So wundert sich Jacquelines pubertierende Teen-Tochter, deren Leben aus SMS, Party und Zickentum besteht, dass Kimmy sich mit einem Millionär und Kriegsveteranen trifft, den Jacqueline für sie als passenden Mann zum Hochschlafen erkoren hatte: "Der Alte hat in so 'nem Krieg gegen die Deutschen gekämpft! Du weißt schon, die Typen vom Fußball!"

Politisch unkorrekt, dass sich die Balken biegen

Vor allem die Geschwindigkeit, mit der Fey und Carlock ihre Sprüche klopfen lassen, ist überzeugend und die Trefferquote für gute Gags hoch. Selbst die durch den Achtziger-Sitcom-Hit "Taxi" bekannte Carol Kane, die Kimmys und Titus' herrlich althippieske Vermieterin spielt, darf politisch unkorrekt sein, bis sich die Balken biegen: Sie erzählt Titus traurig, wie ihr afroamerikanischer Ehemann nachts in ihrer Wohnung erschossen wurde. Ja, von dir, antwortet Titus. Du musst das verstehen, sagt Kane, das waren die Siebziger, und ich hatte einen schwarzen Mann in meiner Wohnung...

Ob diese Art Gags der Grund dafür sind, dass die Show nicht wie angekündigt auf dem Sender NBC läuft, der sie in Auftrag gegeben hatte, sondern vom Streamingportal Netflix gekauft wurde, ist Spekulation: Fey, die "30 Rock" um ihre Erfahrungen als Sitcom-Autorin bei "Saturday Night Live" (ebenfalls auf NBC) strickte, und ihr Co-Autor Carlock haben nur lobende Worte für den Deal. Und auch die NBC-Verantwortlichen beeilten sich zu versichern, dass man weiterhin mit Fey und Carlock zusammenarbeiten wolle. Man hoffe, dass "Kimmy Schmidt" bei Netflix sogar noch mehr Menschen als bei der NBC erreiche, sagen sowohl Showmacher als auch die Senderbeauftragte.

Ein bisschen verdächtig ist das schnelle Verschieben der Ware schon: Wenn ein großer alter Unterhaltungssender wie NBC sich einen Leckerbissen wegschnappen lässt, glaubt er entweder nicht an den Inhalt. Oder er glaubt nicht mehr daran, dass konventionelle Fernsehsender überhaupt noch eine feste Heimat für genüsslich-respektlose Unterhaltungskost sein können.


"Unbreakable Kimmy Schmidt": Die erste Staffel ist ab dem 6. März komplett auf Netflix abrufbar.

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