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Wallraff bei RTL: Der Enthüller und sein Patenkind

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Wallraff bei RTL Der Enthüller schickt sein Patenkind

Im Auftrag von RTL enttarnt Günter Wallraff Missstände beim Einsatz von Putzkräften in Luxushotels. Der Undercover-Experte hält sich im Hintergrund, die Enthüllung übernimmt eine junge Reporterin - und die macht ihren Job erstaunlich gut.

Günter Wallraff geht auf die 71 zu und könnte es eigentlich langsam genug sein lassen. Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan für jemanden, dem das investigative Enthüllen von Missständen derart zur Mission geworden ist. Aus dieser Rolle seines Lebens findet er offenbar nicht mehr so leicht heraus - zumindest nicht, solange es noch irgendwo unentdecktes Unrecht gibt.

Kleinlich in der Wahl der Mittel war Wallraff nie, getreu seiner Devise: "Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden." Und womöglich findet er, dass einer wie er sich um der guten Sache willen auch in ein mediales Milieu begeben darf, das auf den ersten Blick nicht unbedingt wie die ideale Plattform für diese Variante von Gesellschaftskritik anmutet.

Ein bisschen erstaunlich kann man es als Zuschauer allerdings schon finden, wenn ausgerechnet bei RTL nun zwischen dem Auftritt des Restaurantfachmanns Rach und Birgit Schrowanges bunt-menschelndem "Extra"-Magazin das "Team Wallraff" in Aktion tritt - mit einem eigenen Format, das der Kölner Kommerzsender jetzt erstmals präsentierte, nachdem es bereits im vergangenen Jahr zu einer Kooperation mit dem Enthüller gekommen war.

Im Hintergrund, als "Pate"

Anders als seinerzeit, da er noch selbst in die Rolle eines Paketboten geschlüpft war, agiert er nun als Teamchef vornehmlich im Hintergrund, als "Pate", wie man es bei RTL anlässlich der Pilotsendung formulierte, in der es um die Ausbeutung von weiblichen Reinigungskräften in Luxushotels ging. Nur einmal spielte er kurz einen angeblichen Hotelchef, um die Seriosität einer Putzfirma zu testen.

Die Funktion des wallraffschen "Patenkindes", um in der dramaturgischen Diktion zu bleiben, also der Undercover-Rechercheurin, übernahm Pia Osterhaus, eine junge Reporterin aus der Schrowange-Redaktion. Gemeinsam lieferte das Team ein Stück respektabler, solider journalistischer Aufklärungsarbeit ab. Vom Niveau und Erkenntnisgewinn war die Recherche vergleichbar mit dem ARD-Beitrag, der vor einiger Zeit Einblick in das Leiharbeiter-Unwesen bei Mercedes gewährte.

Über Monate hinweg hatte sich die "Extra"-Reporterin unter falschem Namen als Zimmermädchen in Hotels verdingt, darunter das Kempinski und das Waldorf Astoria in Berlin, und dabei Erfahrungen mit dem gemacht, was sich hinter den schicken Fassaden täglich für jene abspielt, die in der Rangordnung der Dienstleistenden ganz unten zu schuften haben.

Pranger für "Minderleister"

Es waren Erlebnisse in einer fremden, bösen Welt, die von den Verantwortlichen der Beherbergungsbetriebe mit Hilfe von Fremdfirmen, Subunternehmen und Scheinselbständigkeit der meist ausländischen Beschäftigten sozusagen ausgeblendet wird aus dem sichtbaren Alltag. Eine Welt der empörend erbärmlichen Bezahlung durch systematisches Unterlaufen des Mindestlohns per verbotenem Akkord, der willkürlichen Lohnkürzungen, eines Klimas des Drucks und der Angst und der gezielten Entwürdigung durch einen Pranger für "Minderleister".

Um die Anklage gegen dieses schmutzige Geschäft juristisch abzustützen, gab es dann auch noch die passenden Kommentare des "Team"-Anwalts Rüdiger Knaup. Der monierte jede Menge Verstöße gegen das Arbeitsrecht. Die Besetzung dieses Parts gerade mit ihm war insofern bemerkenswert, als er sich seinen Namen eigentlich als harter Kündigungsexperte in Arbeitgeberdiensten gemacht hat. Das verlieh seinem Wort in diesem Kontext umso mehr Gewicht. Aber da einer wie er zugleich ziemlich exakt in jenes Feindbild passt, an dem sich "Team"-Chef Wallraff üblicherweise abzuarbeiten pflegte, wirkte es auch ein bisschen bizarr.

Doch vermutlich darf man dergleichen nicht allzu eng sehen, wenn das Privatfernsehen seinen Zuschauern investigative Aufklärung der härteren Sorte zumutet, was ja offenkundig machbar ist. Die Frage bleibt nur, ob dazu wirklich noch Günter Wallraff gebraucht wird, der letztlich nicht viel mehr beisteuert als seinen Namen, der zur Marke geworden ist, und der diese Programmform erkennbar auch zur Selbstinszenierung nutzt - als eine Art Super-Nanny der deutschen Arbeitswelt, ohne die es einfach nicht geht.

Der Mann hat ohne Zweifel viel bewegt und manches bewirkt, aber sein Handwerk beherrschen inzwischen auch andere.

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