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"Undercover": Bierbäuche und falsche Zähne

Foto: Jo Voets/ ZDF

Krimiserie aus Belgien Exzesse auf dem Campingplatz

Mit "Undercover" zeigt ZDFneo die coole Provinzkrimiserie, die der Sender in Eigenproduktion nicht hinbekam. Belgier wissen, wie es geht: schräge Typen, harte Story, zartes Gesellschaftsporträt.

So macht man das offenbar in der belgischen Provinz, wenn man es zu etwas gebracht hat: Man baut sich auf dem örtlichen Campingplatz ein protziges Anwesen, so richtig mit Veranda und schickem Klinker. Das nennt man dann Chalet und zeigt damit den umliegenden Bewohnern, die in ihren Holzhütten und Wohnwagen hocken, wer der Boss ist.

Zumindest der Drogendealer Ferry Bouman (Frank Lammers) verfährt in der belgischen Krimiserie "Undercover" so. Das hat gleichzeitig den Vorteil, dass er die Wochenenden mit seinen Unterlingen verbringen kann, die dann ebenfalls auf dem Campingplatz herumhängen. Man grillt gemeinsam, und wenn es nötig ist, bietet sich ein abgelegenes Waldstück als ideale Hinrichtungsstätte für unbotmäßige Angestellte, die versuchen, Ferry zu hintergehen.

"Undercover" wurde von ZDFneo koproduziert (auch Netflix ist dabei, wo die Serie weltweit außer in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern läuft). Und so bekommt der Kanal, der so gern Heimat für wirklich coole Serien wäre, jetzt endlich doch noch eine wirklich gelungene Erzählung über das Leben und Sterben in der Provinz. Die eigenen Versuche "Parfüm" und "Dead End" waren davor in die Grütze gegangen.

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"Undercover": Bierbäuche und falsche Zähne

Foto: Jo Voets/ ZDF

Jetzt zeigen die Belgier, wie man das richtig macht: ländliche Regionen, wie es wohl politisch korrekt heißt, in einen Krimi-Plot gefasst zu bekommen und dabei regionale Eigenheiten zwar bizarr überhöht, aber doch erkennbar in einem konkreten Alltag verwurzelt zu zeigen. In "Undercover" geht das so: Jede Folge beginnt wie ein Werbefilmchen für die Region Limburg. Ein Erzähler schwärmt vom größten Obstanbaugebiet Westeuropas, vom Genever, der Stille und der Natur.

Und davon, dass hier fast das gesamte Ecstasy der Welt hergestellt werde, 500 Millionen Pillen im Jahr mit einem Straßenverkaufswert von zwei Milliarden Euro.

Gigantisches Drogenlabor

Stimmt natürlich nicht: Die Drehbuchautoren ließen sich von einem Fall von 2013 inspirieren, als Ermittler in Belgien tatsächlich ein gigantisches Ecstasy-Labor aushoben - allerdings nicht in Limburg, sondern in Chimay. Mit seiner grellen Übertreibung weckt der Vorspann zunächst Befürchtungen, "Undercover" könnte stumpfe Satire sein, die auf schenkelklopfenden Brachialhumor aus ist.

Subtiler wird es aber ganz schnell, wenn die verdeckten Ermittler Bob Lemmens (Tom Waes) und Kim De Rooj (Anna Drijver) auf dem Campingplatz ihre Arbeit aufnehmen. Die beiden - er Flame, sie Niederländerin - geben sich als Paar aus, das einen freien Wohnwagen neben Ferrys Anwesen bezieht. Sie sollen die Bekanntschaft des Dealers machen und Beweise sammeln, um Bouman das Handwerk zu legen.

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Regie: Elise Schaap, Eshref Reybrouck, Frank Devos, Huub Smit, Kevin Janssens, Kris Cuppens, Lieke van den Broek, Raymond Thiry <br />Darsteller: Anna Drijver, Frank Lammers, Tom Waes<br />Produktion: Belgien, 2018

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Preisabfragezeitpunkt

07.12.2022 08.09 Uhr

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Aber der ist sehr misstrauisch und umgibt sich nur mit Leuten, die er kennt: Männer mit Bierbauch und Ex-Kickboxer mit falschen Zähnen. Erst nach einem Streit mit Ferrys Laufburschen Jurgen gelingt es Bob und Kim, in Ferrys inneren Zirkel vorzustoßen. Schließlich schließt auch Kim Freundschaft mit Ferrys Ehefrau Danielle (Elise Schaap).

Die Arbeit der Ermittler wird allerdings aus den eigenen Reihen hintertrieben: Ein Beamter aus der Mordkommission versorgt Ferry mit Informationen, Bobs und Kims Tarnung gerät in akute Gefahr. Zumal das Leben für die beiden, die sich eigentlich nicht riechen können, ohnehin nicht einfacher wird, als Bob als angeblicher Transportunternehmer geschäftliche Bande mit dem unberechenbaren Ferry schließt.

Psycho-Boss und Schlägertyp

Gemeinsam mit den Polizisten taucht der Zuschauer in einen Mikrokosmos ein, in dem die Rollen klar verteilt zu sein scheinen: Ferry der psychotische Gangsterboss, Jurgen der dumpfbackige Schlägertyp, Danielle das schöne Dummchen. Aber das Tolle an "Undercover" ist, dass diese Figuren ihre Stereotypen immer wieder unterlaufen, etwa wenn Ferry irgendwo zwischen Knuddelbär und Killer oszilliert, Jurgen beinahe tragische Tiefe bekommt und vor allem Danielle ihrer Mops-Obsession zum Trotz ganz unvorhergesehene Dimensionen offenbart.

So wird aus "Undercover" ein so subtiles wie schrilles Gesellschaftsporträt im Gewand der Groteske. Und in der Tradition der besten flämischen Filme, von denen es in den vergangenen Jahren nicht wenige gab ("Bullhead", "Die Beschissenheit der Dinge", "Café Belgica"). Eine Armee von Gebrochenen und Verrückten, Verzweifelten und Schief-im-Dasein-Stehenden bevölkert Flandern in seinen Filmen und Serien. Aber sie alle eint eine Lebensgier, die der eintönigen Landschaft und den noch eintönigeren Verhältnissen den Exzess abtrotzt.

In "Undercover" wird daraus eine Katastrophe in Zeitlupe, dramaturgisch äußerst raffiniert angerichtet und emotional mitreißend. Modernes Serienfernsehen aus dem vermeintlichen Hinterland.

"Undercover": Ab 8. Mai, 21.45 Uhr auf ZDFneo. Ab 8. Mai auch komplett in der ZDF-Mediathek, ab 10. Mai auf DVD/Blu-ray.

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