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"Wetten, dass..?"-Unfall: Missglückter Stunt

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Unfall bei "Wetten, dass..?" Ein Sturz, ein Schock und viele Fragen

"Wetten, dass..?"-Kandidat Samuel K. wollte über ein fahrendes Auto springen und verletzte sich schwer. Moderator Thomas Gottschalk hat die Sendung daraufhin abgebrochen - ein einmaliger Vorgang in der 29-jährigen Geschichte der Show. Nun gerät das ZDF in die Kritik: War der Stunt zu gefährlich?
Von Peer Schader

Als es passierte, ist nichts mehr von Thomas Gottschalk, Michelle Hunziker und dem verletzten Kandidaten zu sehen. Stattdessen schwenkt die Kamera aufs Publikum, wo in den ersten Reihen die Leute aufstehen und sich geschockt die Hand vor den Mund halten. Im Hintergrund ruft Hunziker augenblicklich: "Sofort ein Arzt!" Ein Sanitäterteam mit Trage läuft durchs Bild.

Gottschalk hört sich zerknirscht an, seufzt schwer: "Er hat's bei den Proben jedes Mal geschafft." In der Live-Sendung schaffte es der Kandidat nicht.

Der 23-jährige Student Samuel K. war am Samstagabend in die Show gekommen, um auf futuristisch anmutenden Sprungfedern mit einem Salto über Autos zu springen, die auf ihn zufahren - vom Smart bis zum Geländewagen. Fünfmal in vier Minuten wollte er das schaffen, um die Wette zu gewinnen.

Der vierte Sprung ging daneben.

Was genau passiert ist - für die Zuschauer ist es zu diesem Zeitpunkt nicht ganz klar. Aus der Perspektive des anfahrenden Autos war vorher gegen viertel vor neun zu sehen, wie Samuel läuft, springt - aber wohl nicht hoch genug - und hängenbleibt. Nur für den Bruchteil einer Sekunde zeigt die Kamera, wie der junge Mann langgestreckt und regungslos auf dem Boden liegt. Der eigentliche Sturz ist im Fernsehen nicht zu sehen - und die Regie schaltet sofort weg.

"Darf ich die Regie um einen Hinweis bitten, wie wir weitermachen?"

"Germany's Next Topmodel"-Gewinnerin Sara Nuru hält sich die Hände vor den Mund. Dann verharrt die Kamera auf den geschockten Zuschauern im Saal - ein gruseliges Bild.

Im Hintergrund hört man Hunziker: "Wir brauchen ein Tuch, ein Tuch davor!" - um die Szene abzuschirmen. Dann wieder Gottschalk: "Wir können nur hoffen, dass es ohne größere Konsequenzen..." Und: "Darf ich die Regie um einen Hinweis bitten, wie wir weitermachen?"

Die Regie entscheidet, die Liveshow zu unterbrechen, bis die Ärzte sagen können, wie es dem Kandidaten geht. "Ich kann jetzt nicht so weitermoderieren, als wäre nichts geschehen", sagt Gottschalk. Dann läuft ein Best of "Stars & Musik" aus der Konserve, dazu die Einblendung: "Wir haben 'Wetten dass..?' wegen eines Unfalls unterbrochen. Wir halten Sie auf dem Laufenden."

Kurz darauf: "Die Sendung wird in wenigen Minuten fortgesetzt." Doch nach 25 Minuten meldet sich Gottschalk und erklärt: "Wir werden jetzt diese Sendung an dieser Stelle hier abbrechen. Alles andere wäre falsch. Gerade wir im ZDF fühlen uns verantwortlich, hier nicht auf heiter zu machen, wenn wir nicht heiter sind." An die Fernsehzuschauer direkt gerichtet sagt er: "Ich weiß, dass Sie mich verstehen, ich bedanke mich."

Samuel sei auf dem Weg in die Klinik, fügt Gottschalk noch hinzu. Es gehe ihm "den Umständen entsprechend gut". "Er ist ansprechbar, er spürt seine Beine."

Wollte das ZDF den RTL-Erfolg "Das Supertalent" toppen?

Gottschalks Reaktion ist professionell, auch wenn er sich bemühen muss, die Fassung zu wahren. Dieser Moment ist wohl der größte Alptraum seiner bisherigen Karriere. Vor dem Start der Wette hatte der Showmaster noch erzählt, wie er bei den Proben zugesehen und gezittert habe: "So gefürchtet habe ich mich noch nie, dass dem jungen Mann was passiert. Ich kann nur sagen: Ich hoffe, es geht alles gut."

Bei der Begrüßung des Wettkandidaten versuchte Gottschalk noch, ihm ins Gewissen zu reden: "Bevor du am Scheibenwischer klebst, brichst du ab." Aber Samuel hatte sich den Stunt fest vorgenommen: "Das kommt gar nicht in Frage."

Der Unfall vom Samstag ist das tragischste Ereignis seit Beginn der Show 1981. Dass Regie und Sender die Show erst unterbrochen und dann vollständig beendet haben - dafür hatte an diesem Abend wohl jeder Zuschauer Verständnis. Dennoch wird es nun mit Sicherheit eine hitzige Debatte geben: War die Wette nicht doch zu gefährlich? Hat die Redaktion übertrieben? Womöglich, weil sie dem gleichzeitig laufenden RTL-Erfolg "Das Supertalent" etwas besonders Spektakuläres entgegensetzen wollte?

Interne ZDF-Unterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen: Samuel K. selbst schätzte seine Wette als durchaus gefährlich ein. Demnach hatte der junge Mann noch vor dem Sprung gesagt: "Es ist ein ekelhaftes Gefühl, Autos, die auf einen zufahren, entgegenlaufen zu müssen." Es sei schwierig, dass die Sprünge bei jedem Auto unterschiedlich hoch und lang sein müssten.

Wie heikel der Stunt wirklich war - das zeigten schon die Proben. Der "Badischen Zeitung" sagte Samuel K. kurz vor der Sendung: "Bei den Proben am Donnerstag bin ich zweimal schwer gestürzt." In der Show am Samstag, fügte er hinzu, "könnte" es aber funktionieren.

"Ein Beinbruch war bisher das schlimmste"

Doch auch in der Live-Sendung machte der junge Mann nicht immer einen sicheren Eindruck. Samuels erster Sprung war zu Beginn der Wette gleich geglückt, wenn auch knapp. Den zweiten Sprung brach er ab, wirkte danach schon stark irritiert und nervös. Der dritte Sprung gelang dann wieder. Im vierten Wagen, an dem er sich schließlich verletzte, saß ausgerechnet sein Vater am Steuer.

"Es ist zum ersten Mal in meiner langen, langen Karriere passiert und wir haben viele gefährliche Wetten gespielt", sagte Gottschalk. "Und ich habe immer gesagt, das wäre für mich das Allerschlimmste: wenn einem meiner Kandidaten in einer Live-Sendung etwas passiert. Das ist jetzt eingetreten, das bedauere ich unendlich."

Wie es um den Gesundheitszustand des Kandidaten bestellt ist, konnte das ZDF auch im "heute journal" noch nicht klären. Als Marietta Slomka zu Thomas Gottschalk in die "Wetten, dass..?"-Halle nach Düsseldorf schaltete, erklärte der Moderator, Samuel werde in der Uniklinik behandelt, seine Eltern seien bei ihm, mehr könne er derzeit nicht sagen.

Auf Slomkas Frage, ob die Wette zu gefährlich gewesen sei, erklärte er: "Das fragen wir uns auch. Ich habe in 29 Jahren viele gefährliche Wetten moderiert. Ein Beinbruch war bisher das Schlimmste, was passiert ist."

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