Deutsche Netflix-Serie "Unorthodox" Berlin, eine Märchenstadt

In "Unorthodox" wird die deutsche Hauptstadt zum Fluchtpunkt einer jungen Jüdin, die ihre Gemeinde in New York verlässt. Ein heller, ermutigender Blick auf die Welt vor der Coronakrise.
Szene aus "Unorthodox" mit Shira Haas: Eine New Yorker Jüdin findet ausgerechnet in Berlin die Freiheit

Szene aus "Unorthodox" mit Shira Haas: Eine New Yorker Jüdin findet ausgerechnet in Berlin die Freiheit

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Anika Molnar/ Netflix

Berlin leuchtet. Es ist alles hell und freundlich und offen hier in der deutschen Hauptstadt, Menschen aus aller Welt sind hergekommen, um das Leben neu und von allen Herkunftszwängen unbelastet noch einmal zu beginnen. So zeigt die Netflix-Serie "Unorthodox" die Stadt, sie spielt in einem Sommer vor Corona. Ein bisschen wirkt Berlin wie eine Märchenstadt aus unserer Gegenwart. Wie ein Traum.

"Es ist meine Wirklichkeit", sagt die Schriftstellerin Deborah Feldman, wenn man sie bei einem Interview darauf anspricht. Feldman ist in einer strenggläubigen, jüdisch-orthodoxen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg aufgewachsen. Als junge Frau ist sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn aus dieser Gemeinschaft, die sektenhafte Züge aufweist, geflohen.

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"Unorthodox": Raus aus der Enge

Foto: Anika Molnar/ Netflix

Ohne Geld, ohne Familie, ohne Ausbildung, ohne Wissen darüber, wie man in der Welt da draußen überlebt. Über ihre Selbstbefreiung hat sie die wahnsinnig intensive, direkte, märchenhafte, autobiografische Erzählung "Unorthodox" geschrieben, die in den USA ein Millionenerfolg wurde und auch in Deutschland viele Leser fand. Seit einigen Jahren lebt Feldman in Berlin und sagt: "Meine Version von Glück habe ich hier gefunden."

Eine Welt voller Zwänge - und doch mit verführerischer Kraft

Um ihre Suche danach geht es auch in der vierteiligen Miniserie, um Herkunft und Befreiung. Der Film verwebt in einer komplexen Rückblendenstruktur deutsche Gegenwart und New Yorker Vergangenheit.

Die archaische Welt der chassidischen Gemeinde der Satmarer ist dunkel, beherrscht von unhinterfragbaren Gesetzen, Regeln und Ritualen. Bei all der Zwanghaftigkeit, die dort herrscht, hat die Szenerie oft aber eine verführerische Kraft, auch für den Zuschauer: Die Menschen in der Gemeinde sprechen Jiddisch. Das wird auch nicht synchronisiert, nur mit Untertiteln versehen. Es ist sonderbar, schön und irritierend, dieser längst vergessen geglaubten Sprache zu lauschen.

Die Satmarer-Gemeinde ist noch ganz jung, sie wurde von Holocaust-Überlebenden gegründet, die den Mord an den Juden als Strafe Gottes für ihre Assimilation begriffen. So erscheinen auch die Regelhüter in der Serie nicht als fundamentalistische Dämonen, die Menschen gegen ihren Willen festhalten. Alle sind vielmehr durch ein Trauma der Geschichte gefesselt: die Lieder, die Feste, die Sicherheiten. Das alles zwängt die Menschen ein, gibt vielen von ihnen aber auch einen festen Grund, auf dem sie stehen können.

DER SPIEGEL

Doch Esthy - so heißt die Deborah der Serie - muss raus aus dieser Gemeinschaft. Muss den Mann, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, verlassen, muss weg, hinaus, egal wohin. Sie hat die Musik als Mittel der Befreiung und als Traumführerin. Heimlich hat sie Klavierstunden genommen, unter ihrem Bett verbarg sie eine Klaviatur aus Pappe, auf der sie ohne Ton übte.

Esthy findet in Berlin ihr Glück. Ein schwieriges Glück. Zunächst scheint alles wie von selbst zu gehen. Sofort findet sie eine Gruppe Freunde aus aller Welt, die in einer Traum-Akademie, die der von Daniel Barenboim nachempfunden ist, Musik studieren. Junge, idealistische, kunstbegeisterte Menschen, wurzellos, die in dieser Stadt, auf Sumpf gebaut und selbst ohne Wurzeln, neue Wurzeln schlagen wollen.

Doch Esthy mit dem Pappklavier wird es dann doch nicht so traumleicht gemacht, wie es am Anfang möglich scheint. Denn allein kann man sich leicht für ein Genie halten. Im Wettbewerb mit den Besten wird das schwieriger. Außerdem begegnet sie den Gespenstern der Vergangenheit. Vor ihrem ersten Bad im Wannsee erfährt sie, dass am anderen Ufer das Haus der Wannsee-Konferenz steht, wo der Völkermord an den Juden beschlossen wurde.

"Und ihr schwimmt in diesem See?", fragt sie entgeistert. "Es ist ein See, sonst nichts", entgegnet ihr einer. Und sie geht hinein. Auch die ewige Trennung von ihrer Gemeinde, ihren Verwandten, ihrer Geliebten Großmutter wird ihr irgendwann schmerzlich bewusst. Der Weg ins Märchen ist ein Kampf.

Diese Esthy wird von der israelischen Schauspielerin Shira Haas so eindrucksvoll zwischen Zerbrechlichkeit und Kampfesmut, zarter Durchsichtigkeit und Boxbereitschaft gespielt, dass es einen immer wieder umhaut. Ihr Mann Yanky, der ihr nach Berlin folgt, getrieben von der verlorenen Ehre, von seiner Familie, seiner Gemeinde, wird von Amit Rahav wie ein großes, ratloses Kind gespielt. Die Regisseurin Maria Schrader ("Vor der Morgenröte") führt sie vor ihrer Kamera sanft zusammen.

Eine Gegenwelt zur Apokalypse

Der Berlin-Teil der Serie ist weitgehend erfunden - oder, wie die Autorinnen des Drehbuchs und Macherinnen Anna Winger und Alexa Karolinski sagen: "gefunden". Auch die beiden sind Jüdinnen, die in Berlin leben oder lebten. Auch sie sagen: "Wir wollten Berlin feiern. Das Berlin, das wir lieben. Wir wollten etwas Helles zeigen in all der Dunkelheit. Eine Gegenwelt auch zu den Apokalypsen, die sonst im Fernsehen und im Kino laufen."  

Ein schöner Gedanke, der sich ursprünglich auf die Welt vor Corona bezog. Noch viel heller, tröstlicher, ermutigender wirkt das Berlin in ihrer Serie jetzt.

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