Neue ARD-Serie Eine schrecklich nette Ganovenfamilie

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Auf dem klassischen Sendeplatz für Familienserien wagt die ARD mit "Unter Gaunern" - tada - eine Familienserie. Die allerdings ist so liebenswürdig wie der mehrere Generationen umspannende Clan von Ganoven, um den es geht.

Polizisten seien der "Schließmuskel der Gesellschaft". Die Beamten müssten fest zusammenhalten, "damit die ganze gutbürgerliche Mischpoke in Ruhe ihren Latte Macchiato schlürfen und das Weltklima retten kann - vielleicht auch noch ein paar Negerkinder", sagt Kommissarin Ida Wolff zwischen zwei Kippen und während sie sich an einem Becher mit dreifachem Espresso festhält. Selten hat man im deutschen Fernsehen - im "Tatort" schon mal gar nicht - eine so zynische Ermittlerin erleben dürfen, wie sie hier von Barbara Magdalena Ahren verkörpert wird. Und das ist nur eine Nebenrolle.

Die Heldin bei "Unter Gaunern" ist Betty Schulz (Cristina do Rego, die Göre aus "Pastewka"), Spross einer Familie von Kriminellen. Ihr Motto: "Keine Waffen, keine Drogen", sonst aber gern alles. Ihr Vater Bruno (Jophi Ries) arbeitet offiziell in "Im- und Export", ist eigentlich aber professioneller Schmuggler und hat - wie alle anderen Mitglieder des Clans - schon im Knast gesessen. Mutter Jette (Julia Jäger) saß mal wegen "Republikflucht" und hat eine Schwäche für Pferdewetten. Bruder Robbie (Moritz von Zeddelmann) wurde beim Handel mit Steroiden erwischt und hat das Selbstbewusstsein eines Bart Simpson: "Wenn das Glas halb leer ist, schütt's in ein kleines Glas!". Opa Frans (Peter Franke) war vor Jahrzehnten mal König der Unterwelt von Bremen und erinnert nicht zufällig an Egon Olsen von der "Olsenbande".

Das schwarze Schaf mit der weißen Weste

Aus der Rolle fällt nur Betty, die das Geschehen immer wieder als Erzählerin aus dem Off kommentiert: "Ich bin das schwarze Schaf der Familie. So richtig, richtig schwarz." Denn Betty hat sich, allen Sozialprognosen und den Erwartungen ihrer Verwandten zum Trotz, für eine geheime Karriere bei der Polizei entschieden. Nicht einfach so tritt sie ihren Dienst an, sondern mit dem besten Abschluss, der in Bremen "jemals gemacht wurde". Den Rücken frei hält ihr dabei die beste Freundin, in deren Fitnessstudio Betty angeblich arbeitet.

Nun ist dieser Sendeplatz bei der ARD bekanntlich ein Sumpf der Bräsigkeit. Allein deshalb ist das Wagnis zu loben, hier mal nicht auf Ärzte, Förster oder Schimpansen zu setzen, sondern einen sprechenden Raben ("Mörder! Mörder!") namens "Sheriff" und andere kriminelle Gestalten als Sympathieträger zu etablieren. Verschmerzbar deshalb auch, dass die Gauner in einem gutbürgerlichen Viertel der Stadt eine gründerzeitliche Villa und damit die handelsübliche Standardkulisse behäbiger Biederkeit bewohnen. Ganz besonders "krumme Dinger" werden hier nur "gedreht", um damit "den Jahresurlaub zu finanzieren". Eine schrecklich nette Familie also, wäre sie nicht in einer eher abseitigen Branche tätig. Aus genau diesem Widerspruch aber schlägt "Unter Gaunern" unterhaltsame Funken.

Tempo und Witz erinnern ein wenig an "Berlin, Berlin" - bis hin zu den verfilmten Tagträumereien der Heldin. Doppelte Böden kehren hier in jeder Episode als Metapher wieder und die Grundspannung zwischen einer Familie mit Geheimnissen und einem noch geheimeren Beruf summt zuverlässig. Es gibt Situationen mit absurder Komik, auch wenn sie mal missglücken, und durchaus erheiternde Dialoge, auch wenn nicht alle zünden. Und doch kommt es normalerweise eher selten vor, dass russische Gangster ganz gute Witze erzählen: "Weißt du, was ist guter Sex? Das ist, wenn du hast Sex gehabt… und deine Nachbarn rauchen Zigarette danach."

Ein klandestin vor sich hinkiffender Opa

Überhaupt verzichtet "Unter Gaunern" bis in die Nebenrollen hinein auf die Erfüllung jener Klischees, die auf diesem Sendeplatz zu erwarten sind. Der Drogenkurier will nicht, dass seine Mutter von seinem Job erfährt. Der Schwerkriminelle hat eine Schwäche für Kalauer. Und die geheimnisvolle Russin lässt sich in Reminiszenz an Marylin Monroe über dem Lüftungsschacht in der Tiefgarage zu einem improvisierten Ballett hinreißen. Unerwartet und deshalb ebenso hinreißend der Ehrgeiz des klandestin vor sich hinkiffenden Opas, sich nebenberuflich als Fälscher der Gemälde von Paula Modersohn-Becker zu versuchen. "Sanftes Gaunern" nennt er das.

Der Großvater hat immer davon geträumt, in Chicago oder der Bronx eine so große Nummer zu werden wie die gerahmten Gangster an der Wand seines Zimmer. Seine heilige Dreifaltigkeit der Kriminalität besteht aus "Al Capone, Alcatraz und al-Qaida". Und er selbst? "Nur'n Schulz". Umso mehr verspricht er sich von der künftigen kriminellen Karriere seiner Enkelin, während der Vater tolerant erklärt, sie zu lieben, auch wenn sie keine Schmugglerin sein will.

Natürlich wird sich Betty bald verlieben, natürlich kreuzen sich die Fälle in ihrem Ressort "Schwerkriminalität" immer wieder mit den Gaunereien ihrer Familie, der sie das Doppelleben natürlich eines Tages beichten muss, frühestens in der letzten der acht vorgesehenen Folgen. Gern auch etwas später - schon allein wegen Ida Wolff.


"Unter Gaunern". Dienstag, 18.50 Uhr, ARD



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5 Leserkommentare
viewer2 27.01.2015
Malte555 27.01.2015
fatherted98 27.01.2015
ruzoe 27.01.2015
miho42 28.01.2015

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