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"Unterwerfung" als ARD-Film Das Zynikerleben ist ein Chanson

Im Theater hat Edgar Selge den Helden des Houellebecq-Romans "Unterwerfung" als radikalen Bösewicht gespielt - nun hat die ARD daraus einen Fernsehfilm gemacht. Mit unausgegorenem Ergebnis.

Manchmal sieht dieser Film so aus, als habe das deutsche Fernsehen aus einem politisch aufrührerischen Roman eine Liebeskomödie gemacht. In einer Wohnung mit Blick über die Dächer von Paris empfängt Edgar Selge in der Rolle des Universitätslehrers Francois da zum Beispiel seine studentische Geliebte Myriam (Alina Levshin). Man hat ein bisschen Sex, verzehrt Sushi und glotzt romantisch. Dann berichtet Myriam, dass sie nun mit ihren Eltern nach Israel umziehen müsse, weil Frankreich nicht mehr sicher sei. Prompt bekommt der Professor feuchte Augen, beim Kameraschwenk über die nächtliche Stadt jauchzen die Geigen.

Mitunter sieht der Film "Unterwerfung" aber auch so aus, als habe die ARD sich unbedingt einen Apokalypse-Thriller basteln wollen. Dann hetzt der Universitätsgelehrte Francois panisch durch den Verkaufsraum einer Tankstelle irgendwo in der offenbar höchst gefährlichen französischen Provinz und entdeckt hinter der Kasse eine junge blonde Frau, die mit zerschmettertem Schädel in einer Blutpfütze liegt. Den gleichfalls ermordeten Arbeitskollegen der Frau stöbert Francois auf der Tankstellentoilette auf. Draußen auf der Straße liegt ein Lkw-Fahrer, der aus dem Fahrzeug gezerrt und erschossen wurde.

"Unterwerfung" ist ein Erfolgsbuch des Schriftstellers Michel Houellebecq, der zu gleichen Teilen ein Star und eine Krawallschachtel der Literaturwelt ist. Der Roman ist 2015 am Tag des Attentats auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" erschienen, er wurde als geistreiche Zukunftsvision gepriesen und als islamophobes Machwerk verdammt - und er ist unumstritten ein herausragendes Buch der letzten Jahre. Dessen Held, eben jener Literaturprofessor Francois, schwärmt vom halb vergessenen Dichter Joris-Karl Huysmans und von den Brüsten und Geschlechtsteilen seiner Geliebten, die er sich oft unter seinen Studentinnen sucht.

Abfilmung einer Theateraufführung als Themenabend

Er beschreibt seine seelische Leere, seine Trunksucht und ein Frankreich der nahen Zukunft, in dem Bürgerkrieg herrscht und dann im Jahr 2022 ein muslimischer Politiker zum Präsidenten gewählt wird. Die säkulare Republik wird abgeschafft, die Scharia Gesetz. Nach und nach passt sich Francois den Regeln der neuen Herrschaft an, lernt die plötzlich wieder angesagte Unterdrückung der Frauen und die Vielweiberei schätzen - und konvertiert, damit er weiter an der Uni lehren darf, schließlich zum Islam.

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Die ARD widmet dem Stoff nun einen Themenabend, der aus einer "Maischberger"-Sendung und dem zur Top-Sendezeit ausgestrahlten "Unterwerfung"-Film besteht. Im Kern ist Selges Arbeit die Abfilmung einer Theateraufführung. Der Regisseur Titus Selge zeigt den Soloauftritt seines Onkels, des vielgerühmten Schauspielers Edgar Selge, auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses. Edgar Selge spielt dort vor einer riesigen Bühnenwand, in die der Bühnenbildner Olaf Altmann einen Hohlraum in Form eines Kreuzes meißeln ließ - und er trägt mitreißend eine Bühnenfassung des Romans "Unterwerfung" vor.

Eine Verharmlosung?

Edgar Selges Solo ist seit zwei Jahren ein bejubelter Theaterhit, wird bis heute in Hamburg gespielt und auf vielen Gastspielreisen bestaunt. Der Auftritt brachte Selge 2016 die Auszeichnung als "Schauspieler des Jahres" ein.

Weil sich Bühnenmonologe als Filmstoff eher wenig eignen, reichert der Regisseur Titus Selge die Bühnenausschnitte, in denen der Schauspieler Edgar Selge im Theater den rasenden Erzähler gibt, nun mit vielen sehr Pariserischen Spielszenen und französischen Chansons an. Matthias Brandt spielt einen opportunistischen Universitätsleiter, Catrin Striebeck eine abgelegte Geliebte des Helden und Florian Stetter einen Professorenkollegen, der sich zu den identitären Rechtsauslegern bekennt.

Der Hass auf Frauen und Fremde, die verzweifelte Sexualfixierung des Helden, sein zynischer Blick auf eine Welt, die er für absolut sinnlos hält, das alles wird in der Filmversion abgemildert zu einer beinah heiteren Schurkengeschichte. Eine wacklige Rahmenhandlung will auch noch die G20-Krawalle in Hamburg im Jahr 2017 in Zusammenhang bringen mit der Bürgerkriegsvision des Romans.

Das Zauberkunststück, das dem Schauspieler Selge mit "Unterwerfung" auf der Bühne gelingt, besteht darin, dass er unerbittlich die Gemeinheit seiner Triebe und seiner moralischen Verkommenheit auskostet. Der Film ist nun nett anzusehen - und doch eine Verharmlosung der sturzbösen Houellebecqschen Schwarzmalerei.


"Unterwerfung", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss (21.45 Uhr) folgt eine "Maischberger"-Ausgabe zum Thema